Eindrücke einer Reise mit Donezker Genossen durch die Volksrepublik

Granatsplitter in der Bibliothek

Von Renate Koppe

Eine Meldung der offiziellen Donezker Nachrichtenagentur vom 5. August, die Lage in Krasnyj Partisan ist typisch für die frontnahen Ortschaften der DVR:

„Die Energietechniker der DVR haben die Stromversorgung der Ortschaft Krasnyj Partisan im Jasinowataja-Bezirk vollständig wiederhergestellt, die in der Folge von Beschüssen des Territoriums der Republik durch ukrainische Truppen unterbrochen worden war. Die Ortschaft war seit dem Abend des 30. Juli ohne Strom“, informierte das Kohle- und Energieministerium der DVR.

Durch das Feuer der ukrainischen Armee war eine Hochspannungsleitung beschädigt worden, in der Folge hatte die ganze Ortschaft keinen Strom. Schon am 31. Juli begannen die Techniker mit der Untersuchung der Schäden, aber die Wiederaufbauarbeiten waren durch die Verminung des Gebietes in der Nähe der vom Strom abgeschnittenen Unterstation erschwert.

„Es mussten Rettungskräfte herangezogen werden, es liefen Verhandlungen über die Bereitstellung eines ‚grünen Korridors‘ für die Reparaturbrigaden. Trotz der Gefahr wurde die Leitung repariert und am 4. August um 14.01 Uhr gab es wieder Strom in den Häusern der Einwohner von Krasnyj Partisan“, erklärte das Ministerium.

Die Ortschaft Krasnyj Partisan befindet sich in unmittelbarer Nähe der Kontaktlinie. Nach letzten Angaben der örtlichen Behörden leben dort etwa 800 Menschen, es gibt einen Kindergarten und eine Schule. Durch das Feuer der ukrainischen Streitkräfte wurden in Krasnyj Partisan etwa 30 Prozent der Wohnhäuser zerstört.

Nach dem Parteitag zeigen mir die Genossen erst einmal die Hauptstadt der DVR, Donezk. Im Zentrum sind viele der durch ukrainische Angriffe zerstörten oder beschädigten Gebäude bereits wieder aufgebaut, die Parks und Grünflächen sind häufig frisch bepflanzt. In der Nacht ist es wegen der Ausgangssperre ab 23 Uhr auch im Zentrum sehr ruhig, deutlich hörbar ist jedoch die ukrainische Artillerie, die die Stadtränder unter Beschuss nimmt.

Wenn man in die Außenbezirke im Norden oder Westen fährt, merkt man sofort, dass der Krieg und die ukrainischen Angriffe keineswegs vorbei sind. Dort wird fast jede Nacht auf Wohngebiete geschossen, man sieht teilweise zerstörte Häuserblocks, wo in einigen Wohnungen noch Menschen leben. Trotz allem sind Familien mit Kindern an den warmen Sommerabenden unterwegs. Fenster und Türen sind zum Teil nur mit Plastikfolien und Holz repariert. Es ist offensichtlich, dass nach jedem Angriff versucht wird, alles so weit wie es geht wieder bewohnbar zu machen.

Die Genossen erzählen mir, dass es in einigen Orten der DVR – wie in Sajzewo bei Gorlowka oder in Spartak in der Nähe des völlig zerstörten Donezker Flughafens – noch viel schlimmer aussieht. Wiederaufbauarbeiten sind dort kaum möglich. Reparaturbrigaden werden beschossen, wenn sie beispielsweise an der Strom- und Wasserversorgung arbeiten. Einige frontnahe Orte haben daher keine Strom- und Wasserversorgung.

Die Zahl der Artillerieschläge von Seiten der Ukraine hat in den letzten Monaten beständig zugenommen.

Andererseits wird berichtet, dass im ganzen Land der Wiederaufbau von Wohnraum und Infrastruktur in Gang ist. Fast alle Kinder können Schulen und Kindergärten besuchen. Da sehr viel Industrie und Infrastruktur zerstört wurde, es wegen der ukrainischen Wirtschaftsblockade an auswärtigen Absatzmärkten mangelt, ist die Arbeitslosigkeit ein sehr großes Problem; zumal es noch keine Arbeitslosenversicherung gibt. Viele Betriebe, die ukrainischen Oligarchen gehörten, wurden unter staatliche Leitung gestellt, meistens dann, wenn sie von ihren Eigentümern stillgelegt wurden. Diejenigen Unternehmen, die in Betrieb sind, zahlen häufig ihre Steuern noch an die Ukraine, nicht an die Republik.

Bei einer Nationalisierung dieser Unternehmen ist in der gegenwärtigen Situation der Absatz der Produkte nicht gewährleistet, was u. a. daran liegt, dass von Seiten der Russischen Föderation Hindernisse in den Weg gelegt werden. Allerdings ist das Thema der Nationalisierung eines, um das auch in der Führung der DVR offenbar gerungen wird. Die Kommunisten der DVR vertreten die Auffassung, dass die grundlegenden Industriebereiche – genau wie die Bodenschätze – in staatliche Hand gehören. Auch sie sehen jedoch, dass eine sofortige Nationalisierung nicht in jedem Fall sinnvoll und machbar ist.

Ein weiteres Problem ist Korruption. Trotz vieler Maßnahmen blieben viele Beamte aus ukrainischer Zeit auf ihren Posten, da sie aufgrund ihrer Fachkenntnisse benötigt werden.

Fast alle Kinder können Schulen und Kindergärten besuchen.

Da sehr viel Industrie und Infrastruktur zerstört wurde,

es wegen der ukrainischen Wirtschaftsblockade an auswärtigen

Absatzmärkten mangelt, ist die Arbeitslosigkeit ein sehr großes Problem

Viele Menschen sind derzeit auf humanitäre Hilfslieferungen angewiesen. Die Ukraine zahlt seit 2014 keine Renten mehr an die Bürger der Volksrepubliken, seit April 2015 werden Renten in der DVR ausgezahlt, die allerdings noch sehr gering sind. Die Mindestrente beträgt nach einer Erhöhung ab August 2 087 Rubel. Auch die Löhne sind nach wie vor sehr niedrig, weil kaum Geld vorhanden ist, wie mir ein Genosse erzählt, der auch Vorsitzender einer Branchengewerkschaft ist.

Am nächsten Tag sind wir zunächst in Saur-Mogila, eine strategisch wichtige Anhöhe, die im Sommer 1943, als der Donbass vom faschistischen Deutschland besetzt war, nach verlustreichem Kampf von den sowjetischen Truppen eingenommen wurde und als wichtiger Stützpunkt im Kampf gegen die Besatzer diente. Dort errichtete man zu Sowjetzeiten einen Denkmalkomplex. Im Sommer 2014 war Saur-Mogila im Krieg der Ukraine gegen die DVR heftig umkämpft und konnte von den Milizen der DVR unter großen Verlusten eingenommen und verteidigt werden. Die ukrainische Artillerie zerstörte dabei einen großen Teil des Denkmalkomplexes. Die Regierung der DVR hat angekündigt, den Komplex wieder aufzubauen und durch eine Gedenkstätte für die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten zu ergänzen.

Durch ukrainische Artillerie zerstörtes Denkmal auf Saur-Mogila.

Durch ukrainische Artillerie zerstörtes Denkmal auf Saur-Mogila.

Nicht weit entfernt befindet sich das Dorf Rassypnoje, das nahe der Absturzstelle der malaysischen Boing liegt, die am 17. Juli 2014 abgeschossen wurde. Zum 2. Jahrestag findet dort eine Trauerkundgebung statt, an der Vertreter des Dorfes, der KP, des mit der KP befreundeten Frauenverbandes und der Priester des Dorfes, der auch einen kurzen Trauergottesdienst abhält, sprechen.

„Heute werden die Schuldigen an dieser Tragödie gesucht. Für uns, die Einwohner der DVR, hatte es absolut keinen Sinn so etwas zu tun (gemeint ist der Abschuss des Flugzeuges – Anm. d. Verf.). Dies war denen von Nutzen, die unsere Republik diskreditieren und ihr Image beschädigen wollten. Dies ist ein politischer Mord“, sagte der erste Sekretär des ZK der KP der DVR, Boris Litwinow.

Zwei Tage vorher hatte in einem anderen Ort in der Nähe der Absturzstelle bereits eine große offizielle Trauerfeier unter Teilnahme der Regierung der DVR stattgefunden.

Zwei Tage später besuchen wir mit den Genossen der KP den Süden der DVR, wo es viel Landwirtschaft gibt, riesige Getreide- und Sonnenblumenfelder sind zu sehen. Vor allem bei Getreide und Hülsenfrüchten deckt die DVR ihren Bedarf inzwischen selbst.

Im Dorf Mitschurino im Telmanowo-Bezirk steht ein Thälmann-Denkmal. Das Dorf wurde im zaristischen Russland von Deutschen gegründet. Zwar spricht fast niemand mehr Deutsch, aber die kulturelle Tradition ist dort noch lebendig. Im Telmanowo-Bezirk gibt es außerdem Dörfer, in denen vorwiegend Menschen griechischer Nationalität leben. Die DVR ist dem eigenen Verständnis nach ein multinationaler Staat, in dem alle Nationalitäten gleichberechtigt sind.

Die Einwohner aus Mitschurino begrüßen uns herzlich und zeigen uns nicht nur das älteste Haus des Dorfes. Es ist das ehemalige Kulturhaus des Orts, fast 200 Jahre alt, und hat – wie andere – unter ukrainischem Artilleriebeschuss gelitten. Dort gab es früher eine Bibliothek, einen Versammlungs- und Theatersaal.

Eine Bewohnerin des Dorfs, die dort selbst aufgetreten ist, rezitiert einige Verse. Das Kulturhaus ist heute aber so zerstört, dass es eigentlich nicht mehr als solches genutzt werden kann. Die Bewohner des Dorfes haben – soweit möglich – Bücher gerettet und die Bibliothek befindet sich nun im Gebäude der Ortsverwaltung. Dort gibt es eine kleine Ausstellung, in der Bücher, die von Geschosssplittern beschädigt wurden, zusammen mit den Überresten der Geschosse gezeigt werden.

Gegen Abend sind wir dann in Sedowo am Asowschen Meer. Die Front ist nie weit entfernt in der DVR, auch hier ist sie nah. Nach Mariupol, einer von den ukrainischen Truppen besetzten Hafenstadt, ist es nicht weit, sie liegt ebenfalls am Asowschen Meer. In Sedowo gibt es Ferieneinrichtungen, die jetzt im Sommer komplett belegt sind. Abends beim Grillen mit den Genossen sind die Explosionen ukrainischer Geschosse zu hören. Am nächsten Morgen am Strand sind aber schon wieder viele Familien mit Kindern dort, manche telefonieren mit Verwandten. Thema der Gespräche ist auch, ob die Nacht daheim ruhig war oder ob geschossen wurde.

Den Genossen, die mich sehr freundschaftlich aufgenommen haben, war es wichtig, dass eine Genossin aus Westeuropa in den Donbass gekommen ist und dass über die Folgen der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Aggression des ukrainischen Regimes berichtet, die Informationsblockade durchbrochen wird. Durch diesen Besuch ist mir noch stärker deutlich geworden, wie notwendig die Solidarität nicht nur mit den Genossinnen und Genossen in den Volksrepubliken, sondern mit allen antifaschistischen Kräften im Donbass ist.

Täglich werden Informationen aus den Volksrepubliken des Donbass auf Deutsch in der Alternativen Presseschau alternativepresseschau.wordpress.com veröffentlicht.

 

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"Granatsplitter in der Bibliothek", UZ vom 19. August 2016



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