Aus einem Zeitungsbericht über eine Rede in Leipzig, 12. November 1900

Hunnenpolitik

Karl Liebknecht

Französische Karikatur aus den 1890er Jahren: Aufteilung des Kuchens China

In einer Versammlung sprach gestern Genosse Dr. Karl Liebknecht im „Pantheon“. Der Redner führte etwa folgendes aus: … Die Initiative, die von den Deutschen in China ergriffen worden ist, kennzeichnete sich in der gepanzerten Faust und endete mit der „Pachtung“ von Kiautschou. Dass die „Pachtung“ nur ein Deckmäntelchen war, um die Eroberung zu verbergen, war auch die Auffassung der Chinesen. Mitten im Frieden hat man sich das Land angeeignet, und mitten im Frieden sind dann auch später die Dagu-Forts genommen worden (Juni 1900, im ersten Versuch der Imperialisten, den Aufstand nieder zu schlagen, BB). Zwar soll das Letztere nur zum Zwecke der Rettung der Gesandten geschehen sein, aber in Wirklichkeit war es den Mächten darum zu tun, einen recht fetten Bissen in ihre Taschen stecken zu können. Die Eifersüchtelei untereinander hat dahin geführt, dass Peking recht spät erreicht worden ist. Nicht die Mächte haben die Gesandten gerettet, sondern die chinesische Regierung und das chinesische Volk haben sie geschont. Statt aber daraufhin zurückzugehen, hat man den Feldzug mit großen Worten weitergeführt. Als es dann nichts mehr zu tun gab, haben die Deutschen den Grafen Waldersee an die Spitze der in China versammelten Armeen gestellt. Die Deutschen sind eben in allem hintenan, mit dem großen Munde sind sie aber bedeutend voraus.

Wie man das Volk erst immer dann unterrichtet, wenn die Sache schon fertig ist, so war es auch hier wieder, und was dabei noch hinter den Kulissen getrieben wird, wissen wir überhaupt nicht.

Es ist eine gewaltsame Verdrehung der Tatsachen, wenn die Chinapolitik damit begründet wird, China der Kultur erschließen zu wollen. Die Chinesen besitzen eine jahrtausendealte Kultur, der Handel in China hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht, die Zeitungen haben dort an Ausbreitung gewonnen, die moderne Kultur erhält immer mehr Eingang, so dass von einem Stillstand gar keine Rede sein kann. Ähnlich wie Japan, das sich jetzt mit den europäischen Staaten messen kann, wird sich auch China entwickeln. Für eine gewaltsame Invasion lässt sich aber kein Recht ableiten. Die Expansions- und Ausbeutungspolitik des Kapitalismus führt zur Gründung von Kolonien. Die eigentliche Absicht des Kapitalismus ist nicht, die Kultur auszubreiten, sondern auf alle mögliche Art Profit zu machen.

Die Expansionspolitik hat sich in letzter Zeit in fieberhafter Weise breitgemacht; es gibt heute Industrien, die weniger die laufenden Bedürfnisse befriedigen, als vielmehr darauf sehen, neue Märkte zu erschließen; so zum Beispiel die Eisenindustrie. Es steht fest, dass die Großindustriellen, die Stumm, Krupp usw., ein lebhaftes Interesse an dieser Politik haben. Aber bereits hinter der Flottenvorlage und jetzt hinter der allgemeinen politischen Lage zeigt sich schon das Gespenst der Krise.

Der Kapitalismus verfolgt in China noch andere Interessen. Das Land besitzt große Naturreichtümer, Kohlen, Metallschätze und eine vorzügliche Bodenfruchtbarkeit. An diesen Schätzen will man Anteil haben.
Es ist eines der beschämendsten Blätter deutscher Geschichte, dass man heuchlerischerweise die Haltung der Engländer in der Transvaalfrage kritisiert hat und nunmehr genau dasselbe Spiel in China treibt. In sittlicher Entrüstung hat man sich gegen das perfide Albion erhoben, und jetzt wird von denselben Leuten mit aller Kraft in die Weltmachtstrompete geblasen; und dabei behaupten sie noch, sie seien wahre Christen. Sie sind keine Christen, sie sind Heuchler!

Auch wir sind für eine Weltpolitik, wenn sie einen Fortschritt unserer Kultur bedeutet; wir wenden uns aber entschieden gegen eine Ausbreitung in brutaler Form. Die Sozialdemokratie müsste sich, würde sie eine solche Gewaltpolitik unterstützen, selbst ins Gesicht schlagen; denn das Sozialistengesetz hat es uns deutlich gezeigt, wohin die Gewaltpolitik führt. Selbst wenn die Chinesen mit gepanzerter Faust niedergehalten werden, so werden die Mächte den Erfolg haben, dass es ihnen mit China so geht wie den Engländern mit Transvaal, den Amerikanern mit den Philippinen und den Deutschen mit ihren Polen, Elsässern und Dänen.

Die äußere Politik bleibt nicht ohne Rückwirkung auf die innere Politik. Die Regierung hat so viel auf dem Kerbholze, dass es schwer fällt, alles aufzuzählen. Unsere deutschen Brüder führt man nach China, wo sie zu Räubern und Mördern werden; das bedeutet zugleich einen Rückgang der Kultur in Deutschland. Seit dem Dreißigjährigen Kriege hat man nicht solche Barbarei gesehen. Während man damals alle Barbarei auf die fremden Eindringlinge abwälzte, wird jetzt offiziell kein Pardon mehr gegeben, und Graf Bülow deckt mit seinem Namen eine solche Politik. Die sogenannten Hunnenbriefe (Briefe von Soldaten des Expeditionskorps über die in China verübten Grausamkeiten, die in SPD Zeitungen veröffentlicht wurden, BB) müssen bei jedem, der noch einen Funken von Menschengefühl besitzt, vor solchen Taten Abscheu erwecken. Das sind die Zivilisation und das Christentum, die in China verbreitet werden! Selbst von den Kanzeln herab hat man für die Erfolge in China gebetet.

Die Hunnenpolitik ist aber nicht nur in China Hunnenpolitik gewesen, auch gegen die deutsche Reichsverfassung ist rein hunnenmäßig vorgegangen worden (Die Intervention war verfassungswidrig, da das Budget dem Reichstag nicht zur Billigung vorgelegt wurde, BB). Zugunsten derer, die die Verfassung verletzt haben, mag angenommen werden, dass sie die Verfassung nicht gekannt haben. Das ist freilich schlimm, und jedenfalls wäre es das Beste, wenn bei Beginn des Reichstages sofort ein Antrag eingebracht würde, wonach jedem Mitgliede der Regierung auf Reichskosten ein Exemplar der Verfassung zugestellt wird.

In dem allseitigen Beifall, der diesen Worten folgte, tönte plötzlich die Stimme des überwachenden Beamten: Ich entziehe dem Redner das Wort.

Genosse Liebknecht war genötigt, hier seine Ausführungen, denen stürmischer Beifall folgte, abzubrechen.

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"Hunnenpolitik", UZ vom 24. Juli 2020



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