Die erfolgreichen Gründungen kommunistischer Betriebsgruppen und ihre Strategien waren auf den Friedenstagen Ende August in Berlin ein Thema, das viele Genossinnen und Genossen aus der Betriebsarbeit bewegte. Caro von der Bahn in Berlin, Paul aus dem Uniklinikum in Essen, Juliette von der Sammelbetriebsgruppe in Frankfurt und Tim von der Post in Kassel berichteten, wie sie sich in ihren Betrieben verankern und DKP-Betriebsgruppen gründen konnten.
Rainer Perschewski eröffnete die Runde im Salon als Moderator mit der Frage und Diskussion darüber, welche Themen in den Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb gesetzt werden können, um aus konkreten Einzelerfahrungen und Konflikten Klassenbewusstsein zu entwickeln. Paul saß für die jüngste Betriebsgruppe auf dem Podium, gegründet am 1. Mai 2026. Er berichtete, dass in der Uniklinik Essen seit 2018 ein Betriebsaktiv besteht, das sich in den Kämpfen um den Tarifvertrag Entlastung gebildet hatte. Seit drei Jahren existiert zudem eine SDAJ‑Betriebsgruppe. Die intensiven Streikerfahrungen des Betriebs, der der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt ist, gelte es nun auszubauen und mit Widerstand gegen das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, die Militarisierung des Gesundheitswesens und das deswegen drohende Gesundheitssicherstellungsgesetz zu verknüpfen. Übergeordnet ist die Kernaufgabe, die Beschäftigten aus dem Kriegskurs herauszulösen.
Tim kam über politische Berufsberatung zur Post und arbeitet als Zusteller in einem Betrieb, in dem sich die Vertrauensleute-Struktur gegenüber Eigenaktivitäten der Kolleginnen und Kollegen abgeschottet hatte, während sich der Betriebsrat auf formelle Aufgaben beschränkt. Er beschrieb den Weg zur Betriebsgruppe und die Stimmung unter den Beschäftigten. Schlechte Tarifrunden mit unzureichenden Abschlüssen hätten zu Unzufriedenheit geführt. Vor allem die Flexibilisierungsstrategie der Post sei unbeliebt, da sie zu Arbeitsverdichtung führt. Das war der Ausgangspunkt für den Aufbau einer Betriebsgruppe. Was als Forum zum „Auskotzen“ begann, entwickelte sich weiter. Gemeinsam wurde „Dienst nach Vorschrift“ als Form des Protests organisiert. Gegenseitige Unterstützung bei Zweifeln und Fragen, beim Gang zum Betriebsrat oder beim Gespräch mit dem Vorgesetzten erzeugte ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Stärke. So haben sich die Genossinnen und Genossen als Ansprechpartner und Beistand das Vertrauen der Beschäftigten erarbeitet. Im April 2024 wurde die Betriebsgruppe gegründet.
Auch bei Caro stellte sich die Frage der politischen Berufsberatung. Das Ziel war, Genossinnen und Genossen in einem Betrieb zu bündeln, um im Großkonzern Deutsche Bahn politisch Fuß zu fassen. Die Frankfurter Betriebsgruppe existiert seit Mai 2025. Zentrale Themen der Kolleginnen und Kollegen waren der Stellenabbau und die geplante Zerschlagung des Konzerns sowie die Militarisierung. Die Besonderheit von Juliettes Sammelbetriebsgruppe besteht in der Zusammensetzung aus den Bereichen Bahn, IT, Kita und U‑Bahn. In der wachsenden DKP-Ortsgruppe war gar nicht genug Raum, um betrieblich-politische Fragen zu erörtern und bessere Absprachen zu treffen. Konkret ging es hier um den Abbau von bis zu 5.000 Arbeitsplätzen in der IT sowie um Versetzungen, die mit weniger Gehalt und Urlaub einhergingen.
Die große Bedeutung der Betriebsgruppen stellten alle Podiumsdiskutanten hervor. Als Kommunisten im Betrieb war allen das Ziel klar: Betriebsgruppen zu gründen, um Kapazitäten zu bündeln, drohende Überforderungen der Kernaktiven zu vermeiden und die notwendige politische Orientierung zu geben. Im Fokus der Analyse der Betriebe standen vor jeder Gründung die betriebseigenen Entwicklungsschritte und die Tarifkämpfe. Es musste ein direkter Zusammenhang zwischen Sozialabbau und Militarisierung sowie zwischen Arbeitsbedingungen und Kapitalismus hergestellt werden, um politisches Wissen und Bewusstsein zu verankern und in Aktivität überzuleiten.
Einige der so erreichten Erfolge dieser Strategien wurden von den Diskutanten präsentiert: In Kassel wurde die Zeitung „Der rote Postler“ herausgegeben und in Berlin wurde festgestellt, dass die Effektivität in der politischen Arbeit in einer Betriebsgruppe höher ist als in einer Wohngebietsgruppe. Aus Essen kam die Erkenntnis, dass man diesen Schritt ruhig eher hätte wagen können, da sich so konzentriertere politische Arbeit umsetzen lässt. Vor wenigen Wochen erschien hier die Jubiläumsausgabe der „Klinikpresse“, einer Sammlung aller politischen Zeitungen von 2018 bis heute. Die Frankfurter Betriebsgruppe wirkt mit regelmäßigen Aktionen, wie einer Postkartenverteilung zu den Zuständen im Betrieb, Plakat- und Social-Media-Aktionen sowie Demos, die deutlich machen, dass öffentlicher Druck wirkt.
In allen Beiträgen wurde die Bedeutung der Gewerkschaften und ihre Verknüpfung zu den Betriebsgruppen deutlich. Wir Genossinnen und Genossen müssen uns stärker in die Gewerkschaften einbringen, um auch dort kämpferischer aufzutreten zu können und politisch zu arbeiten. Doch was, wenn es dazu keine Übereinstimmung in der Gewerkschaft an sich gibt? Tim betonte die Bedeutung der Wahl der Vertrauensleute für die Gestaltung gewerkschaftlicher Arbeit am Beispiel einer Betriebsvereinbarung: In Höxter wurde von Vertrauensleuten ein Forderungspapier zu Kälte und Hitze verfasst – ein wichtiges Thema für Postler im Außendienst. Da die Beschäftigten aber nicht beteiligt wurden und keine eigenen Forderungen stellen konnten, konnte kein Druck in die Verhandlungen gebracht werden. Diese Vereinbarung ist somit ein schlechtes Beispiel für die Arbeit von Vertrauensleuten und Gewerkschaften. Wichtig ist es stattdessen – im Betrieb wie auch in den Gewerkschaften –, Forderungen über Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen konkret zu erarbeiten, Druck zu erzeugen, die Verhandlungen zu begleiten, und bei der Betriebsleitung auch mal mit dem Holzhammer auf Missstände hinzuweisen. Caro wies auf die Möglichkeit hin, auch mit Fingerspitzengefühl Hilfe anbieten zu können und so Mitgestaltung zu bewirken. Paul nahm für Essen Bezug auf die gewerkschaftliche Bezirksebene, die auch politisch gut besetzt ist und viel Potenzial bietet, Aktionen und Gremienarbeit zu verbinden. Die kommenden Sozialproteste geben die Chance, auch auf Gewerkschaftsebene in die Diskussionen zu gehen und am Bewusstseinsstand zu arbeiten. Für die Uniklinik steht der konkrete Kampf auch in der Gewerkschaft um den Tarifvertrag Entlastung an, der die Personalbesetzung zu den belegten Betten regelt. Dieser Tarifvertrag steht hart unter Beschuss, wie auch derzeit in Berlin. Zudem muss die Militarisierung des Gesundheitswesens mit all ihren Facetten wie der Unterstellung unter militärische Führung in die Gewerkschaften getragen werden, um Kriege zu verhindern und die Daseinsvorsorge für die Gesellschaft zu erhalten, anstatt sie der Kriegstüchtigkeit unterzuordnen. Bei den Beschäftigten wirkt jedoch teilweise auch die antirussische Propaganda. Der Zusammenhang zwischen den Sozialprotesten, den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht und den kommenden Tarifauseinandersetzungen muss sowohl bei den Beschäftigten als auch in der Gewerkschaft hergestellt werden. Juliette brachte es auf den Punkt: Nur wer überzeugt ist, gewinnen zu können, kann kämpfen. Wenn du weißt, warum kein Geld da ist, und wenn du weißt, wo es ist – dann kannst du kämpfen. In Frankfurt nahm die gewerkschaftliche Arbeit über Proteste gegen die AfD Fahrt auf und erzielte eine hohe Beteiligung bei Protesten gegen Stellenabbau und die Nutzung der Bahn für militärische statt zivile Zwecke. Dass durch den Vorrang der Bundeswehr Aufträge fehlen und Stellen abgebaut werden, muss Thema im Betrieb und in den Gewerkschaften sein.
In der anschließenden Plenumsrunde kamen Fragen zu Widerständen. Paul benannte das fehlende politische Bewusstsein, das Gefühl von Lethargie und Frust sowie eine Jugend ohne Kampferfahrung als Schwierigkeiten. Auch Gewerkschaften seien keine kämpferischen Anlaufpunkte mehr. Caro berichtete von der Angst vor Repression durch offenes Auftreten – eine Erfahrung, die Juliette konkret bestätigen konnte. Beide fühlen sich jedoch im Kollektiv und mit ein wenig Vorsicht bei der Offenlegung wieder sicher. In der Frage nach der Gründung von Bündnissen und fraktionellen Netzwerken betonte Tim, dass sich die Betriebsgruppe der DKP durchaus deutlich von Bündnisgruppen abhebt, da der prinzipielle Standpunkt besser herausgearbeitet und zur Ausbildung von Kadern genutzt werden kann. Die Bildung von Betriebsgruppen sieht er als genuine Aufgabe der Partei. Rainer führte dazu aus, wie der Umgang mit betrieblichen Realitäten aussehen sollte. Die politische Begleitung der betrieblichen Arbeit ohne Abgleiten in oberflächliche gewerkschaftliche Sprechbilder und die Aktiventreffen der DKP führen verschiedene Berufe und Realitäten politisch zusammen.
Zum Abschluss fassten die Diskutanten ihre Schlussfolgerungen aus ihren Betriebsgruppengründungen zusammen. Ziel muss es sein, Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsame Schwerpunkte, auch über Tarifkämpfe hinaus, zu setzen. Die Betriebsgruppen fungieren als Keimzelle des gesellschaftlichen Konflikts und sind in der Lage, die Friedensarbeit in Form von interessengeleiteten Anträgen und Beschlüssen in die Betriebe zu tragen. Das drohende Gesundheitssicherstellungsgesetz kann in klaren Worten für die Ansprache genutzt werden: Willst du zur Arbeit gezwungen werden? Wenn dies mit den Protesten gegen die Wehrpflicht und den Sozialprotesten zusammengeführt wird, können wir breit wirken. Die Sehnsucht nach Wirksamkeit ist bei vielen Kolleginnen und Kollegen spürbar – unsere Aufgabe in den Betrieben ist es, sie dort abzuholen und zu gewinnen. Zum Abschluss wurde allen Betriebsgruppen unter tosendem Applaus feierlich ihre Fahne überreicht. Allen Teilnehmenden des Workshops war klar, dass dies nicht die letzte Gründung einer Betriebsgruppe gewesen sein darf. Dieser Workshop auf den Friedenstagen war dafür sehr hilfreich – mit den klaren Schritten von der Verankerung im Betrieb bis zur Gründung der Gruppe, und mit den konkreten Beispielen zur Umsetzung, die von den Genossen auf dem Podium konkret vorgestellt wurden, liegt es jetzt an uns, den Weg zu den nächsten Betriebsgruppen zu beschreiten.







