„Wir wurden verarscht“ sagen Schülerinnen und Schüler – zu Recht. Von der Demokratie, Freiheit und Freiwilligkeit, die der Kriegsminister noch vor dem ersten Schulstreik gegen die Wehrpflicht versprochen hatte, ist nicht viel übrig geblieben. Erst die Ausreisebeschränkungen für junge Männer und jetzt verpflichtende Musterungen – und zwar schon vor dem ursprünglich angekündigten 1. Juli 2027. Die „Vorladungen“ erreichen vor allem Jugendliche, die im verpflichtenden Fragebogen angegeben haben, null Interesse an der Bundeswehr zu haben. Zu Recht fragen die Schülerinnen und Schüler: Wo wurden wir noch verarscht? Oder besser gefragt: Wo werden wir und unsere Rechte noch angegriffen? Da fallen einem doch direkt einige Punkte ein.
Die Militarisierung der Gesellschaft macht auch vor Klassenzimmern nicht halt. Im letzten Jahr wurden über 133.000 Schülerinnen und Schüler von Jugendoffizieren der Bundeswehr mit Kriegspropaganda um ihren Unterricht betrogen. Während immer mehr Stunden ausfallen, Klassen immer größer werden und Lehrkräfte fachfremd unterrichten müssen, kommen nicht nur Soldaten, sondern auch Lernmaterialien von Rüstungskonzernen und der Bundeswehr leichter in die Klassenzimmer. Wen wundert da noch der „Pisa-Schock“?
Auch Jugendlichen, die die Schule hinter sich gebracht haben, geht es nicht besser. Der Sozialkahlschlag trifft die Jugend besonders hart. Mit Rente rechnet schon lange keiner mehr. In Zukunft können wir wohl auch Arztbesuche, Jugendzentren, Kultur und Freizeitangebote abschreiben. Dazu kommen die wachsende Unsicherheit, nach der Ausbildung übernommen zu werden, die Angriffe auf den Achtstundentag und weitere erkämpfte Rechte der Arbeiterklasse sowie Kürzungen von Sozialleistungen. Jugendliche spüren ganz direkt, was es bedeutet, wenn die ganze Gesellschaft kriegstüchtig gemacht werden soll. Kanonen statt Butter, aber Kanonen machen nicht satt, gesund und schon gar nicht zufrieden.
Selbst wer noch einen Job findet, hat damit noch lange keine Perspektive. Deindustrialisierung ist angesagt. In Deutschland werden Industriestandorte abgebaut oder für die Kriegsproduktion umgerüstet. Selbst wer aktuell also noch einen Job hat, muss immer mit der Gefahr rechnen, diesen zu verlieren oder in die Rüstungsindustrie gezwungen zu werden. Ersteres bedeutet in Verbindung mit dem Sozialkahlschlag die Zerstörung der individuellen Perspektive – Letzteres läuft auf die Vernichtung der gesamten Menschheit hinaus.
Das sind genug Gründe für eine ganze Generation, sich zu erheben und dem Werbeslogan des deutschen Militarismus „Generation Wehrdienst“ die Losung „Wir sind Generation Widerstand“ entgegenzusetzen. Dass es gute Ansätze für eine antimilitaristische Jugendbewegung gibt, zeigen die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht, die in die vierte Runde gehen. Die Orientierung darüber hinaus auf die Sozialproteste am 26. September und die Friedensdemonstrationen am 3. Oktober sind der Grundstein, um lernende und arbeitende Jugend gemeinsam und im Schulterschluss mit der Friedens- und Arbeiterbewegung auf die Straße zu bringen. Bestärkt wurden die Schülerinnen und Schüler auch umgekehrt: die ver.di-Jugend hat erneut bundesweit zu den Schulstreiks aufgerufen. Gelingt es, diesen Schulterschluss langfristig zu etablieren und gemeinsam zu kämpfen, bietet er eine echte Perspektive zur Zurückdrängung der Macht der Kriegstreiber und grundlegenden Veränderung der Kräfteverhältnisse in diesem Land.

