Für Essenslieferdienste war die Corona-Pandemie geradezu ein Geschenk: Die Restaurants durften nicht öffnen, aber Rider ausliefern. Die meisten Kuriere, die während dieses Booms unterwegs waren, sprachen Deutsch als Muttersprache. Das ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, die eigenen Rechte zu kennen und sich zur Wehr setzen zu können, wenn diese ihnen vorenthalten werden. Das ist Geschichte, wie das Feature „Ausbeutung mit System – Indische Fahrradkuriere in Deutschland“ zeigt, abrufbar in der ARD-Audiothek.
2022 schloss der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ein Abkommen mit der indischen Regierung: Deutschland wollte Fachkräfte in Indien abwerben und indische Studenten an deutsche Universitäten locken. „Große Mittel“ wollte Scholz dafür zur Verfügung stellen, mehrere Jahre lang. Was Interessenten bekommen, die deutsche Konsulate in Indien konsultieren? Eine Liste zum Abhaken.
Erste Voraussetzung für ein Studentenvisum: ein Studienplatz an einer deutschen Hochschule. Wer noch kein Deutsch spricht, ist gezwungen, sich an einer privaten Hochschule einzuschreiben mit Englisch als Unterrichtssprache. Das ist teuer. Zweite Voraussetzung: Die Überweisung von etwa 12.000 Euro auf ein deutsches Sperrkonto. Damit soll sichergestellt werden, dass junge Studentinnen und Studenten aus nichtwestlichen Drittstaaten ihren Lebensunterhalt im ersten Jahr finanzieren können. Junge Menschen, die aus Indien nach Deutschland kommen, beginnen ihr Studium hoch verschuldet. Die Wohnungsnot verschärft ihre Lage weiter. Sie brauchen schleunigst einen Job, um über die Runden zu kommen. Ein Fest für Lieferdienste und deren dubiose Mittelsmänner.
Einer der Betroffenen, die ihre Situation in dem ARD-Feature schildern, lässt sich Raúl nennen. Er hat Angst, erkannt zu werden. Für einen Schlafplatz von fünf Quadratmetern in einer überbelegten Wohnung kassierte ein Mittelsmann 500 Euro im Monat von ihm. Ein weiterer Betroffener, Ashish, berichtet, dass sein Chef maximal 8,80 Euro pro Stunde bezahlt. Der gesetzliche Mindestlohn liegt in Deutschland bei 13,90 Euro. Arbeitsverträge sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Betroffene trauen sich nicht, sich zu wehren. Sie befinden sich in existenziellen Notlagen, sehen sich verschachtelten Unternehmensstrukturen gegenüber und leiden unter ständiger Kontrolle und Druck.
Dass überwiegend junge Männer aus Indien und Pakistan mit unförmigen Rucksäcken auf E-Bikes durch deutsche Städte rasen, ist kein Zufall. Marktführer Lieferando, eine Tochter von Just Eat Takeaway, setzte anfangs auf „reguläre“ Arbeitsverhältnisse, um sich im deutschen Markt zu verankern. Das hatte Vorteile: Die „Rechtssicherheit“ gegenüber dem Einsatz von Leiharbeitern oder (Schein-)Selbstständigen – so Lieferando selbst –, niedrigere Kosten für die Akquise von Mitarbeitern und die Möglichkeit, sich als besserer „Arbeitgeber“ gegenüber der Konkurrenz ausgeben zu können. Eine erfolgreiche Strategie: Lieferando übernahm die Konkurrenten Lieferheld.de, Foodora, Pizza.de und McDelivery. Deliveroo zog sich 2019 aus Deutschland zurück. Konkurrenz machen dem Platzhirsch Lieferando nur noch Wolt und Uber Eats. Beide Firmen lassen fast ausschließlich von Subunternehmern ausliefern.
Auf dieses Vorgehen verlegt sich Lieferando zunehmend selbst. Zum einen verdient das Unternehmen schon heute mehr mit den Kommissionsgebühren, die Restaurants für Bestellungen an Lieferando zahlen. Zum anderen hilft es der Firmenleitung bei der Verhinderung betrieblicher Mitbestimmung. In Städten, in denen man keine Niederlassung unterhalte, könne es auch keinen Betriebsrat geben, argumentiert Lieferando.
Die Gewerkschaft NGG, in der einige der Fahrradkuriere organisiert sind, hat sich auf den Kampf für einen Sozialplan für die Lieferando-Beschäftigten verlegt, die von Massenentlassungen bedroht sind. Die ersten 2.000 Entlassungen hatte Lieferando 2025 angekündigt. Geschasste bekommen oft kurz nach ihrer Kündigung Angebote von Flottendienstleistern wie Fleetlery. Die Rider liefern dann in ihren gewohnten Gebieten aus – zu wesentlich schlechteren Bedingungen als zuvor. Sie müssen Arbeitsmittel wie Fahrrad und Smartphone selber mitbringen und werden pro Auftrag bezahlt. Selbst für den Zugang zu der App, über die Aufträge disponiert werden, müssen die Fahrer häufig Gebühren überweisen. Der Mindestlohn ist außer Kraft gesetzt. Wartezeiten werden nicht vergütet. Sie bekommen keinen bezahlten Urlaub und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Das Feature „Ausbeutung mit System – Indische Fahrradkuriere in Deutschland“ ist in der ARD-Audiothek abrufbar.









