Es dürfte ein herbes Erwachen für Indiens Premierminister Narendra Modi gewesen sein. Trotz seiner Charmeoffensive verhängte Donald Trump Strafzölle gegen sein Land. Ganz allgemein und speziell wegen des Imports russischen Rohöls. Wenn diese Zölle Bestand gehabt hätten, wären sie ruinös für die indische Exportlandwirtschaft und Exportindustrie gewesen. Trump hatte, so schien es, eine dramatische Wende im Verhältnis zu Indien inszeniert.
Ein Rückblick: April 2025, kurz nach seiner Amtsübernahme, begann Trumps Zolloffensive gegen praktisch alle und jeden. 25 Prozent „Reciprocal Tariffs“ (wechselseitig wirkende Zölle) sollten es für Indien sein. Von „reciprocal“ konnte natürlich keine Rede sein. August 2025, Trump verlangte zusätzliche Strafzölle von 25 Prozent von Indien wegen des Kaufs von russischem Erdöl. Washington hatte sich entschlossen, im Ukraine-Konflikt öffentlich so zu tun, als sei man ein vertrauensvoller Vermittler, in der Sache aber Hardball zu spielen. 1. September 2025, Modi erschien bestens gelaunt auf dem Meeting der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Geradezu freundschaftliche Atmosphäre beim Treffen mit Putin und Xi. Modis Botschaft war klar: Wir haben Alternativen. Es sah so aus, als hätte er seine Lektion gelernt und würde seine taktisch wankelmütige Haltung gegenüber den multipolaren Integrationsbemühungen BRICS, der SCO, der Neuen Seidenstraße (BRI) und ähnlichen Organisationen aufgegeben. Anfang Februar 2026 die erneute Kehrtwende. Den Medien war die Nachricht zu entnehmen, dass Washington und Delhi ein Handelsabkommen geschlossen hätten. Viele Details sind, wie üblich, alles andere als klar, die ganze Zollstrategie steht nach dem Urteil des Supreme Court im Feuer, und selbst wenn in diesem Monat, wie angekündigt, ein Deal zustande kommt, ist fraglich, ob er den Tag überleben wird, an dem er geschlossen wurde.
Der US-israelische Angriff auf den Iran macht deutlich, dass das zentrale Ziel der USA bei Weitem nicht nur darin besteht, Indien vom weiteren Kauf russischen Öls abzubringen. Im Fadenkreuz der Trump-Regierung steht die multipolare Integration ganz allgemein. Und Trump ist klar, dass Indien eines der schwächsten und zugleich wichtigsten Glieder der BRICS-Kette ist. Indien wird liefern müssen, da ist sich das Weiße Haus sicher, und da kann Modi noch so gut gelaunt beim SCO-Meeting auflaufen.
Hunger nach Energie
Indien ist der zweitgrößte Kohlenwasserstoffimporteur nach China mit einer Importabhängigkeit von 82 Prozent bei Rohöl und 45 Prozent bei Erdgas. Die gesamten indischen Ölimporte lagen 2025 bei satten 4,784 Millionen Barrel pro Tag (MMbd). Hiervon lieferte Russland 2024 1,754 MMbd (36,6 Prozent). Die russischen Rohöllieferungen waren seit 2022 mit einem Discount von rund 10 US-Dollar unter dem Brent-Weltmarktpreis versehen, so dass eine Win-win-Situation entstand. Indien konnte das überschüssige russische Öl raffinieren und die so erzeugten praktisch konkurrenzlos günstigen Produkte auf dem Weltmarkt zu Geld machen.

Nun steckt die Modi-Regierung in der Klemme. Der Preisvorteil und die Liefersicherheit von russischem Öl sind dahin. Die harte Haltung der Trump-Regierung und die windelweiche Reaktion von Modi haben hitzige Debatten im indischen Parlament sowie besorgte Stellungnahmen der indischen Bauern ausgelöst. Sie sehen die indische Ernährungssouveränität in Gefahr und fürchten den Einzug der Gentechnologie durch die Hintertür. Die indischen Farmen sind zu 86 Prozent Kleinbetriebe mit einer Wirtschaftsfläche von weniger als 2 Hektar. Sie sind in gar keiner Weise in der Lage, mit den hochtechnisierten US-amerikanischen Großfarmen in Konkurrenz treten zu können, wie es das US-indische Handelsabkommen nun vorsieht. Der Protest der indischen Bauern ist zurück auf der Straße. Handelsminister Piyush Goyal versuchte, die aufgebrachten Bauern zu beruhigen. Mit geringem Erfolg.
Hindunationalismus
Die weitgehend prinzipienfreie, nennen wir es multivektorielle (sich in verschiedene Richtungen orientierende) Außenpolitik ist, wenn man so will, ein Markenzeichen der hindunationalistischen, im Grunde rassistischen Regierung Narendra Modis und seiner „Volkspartei“ Bharatiya Janata Party (BJP). Modi verfügt dabei über ein beträchtliches demagogisches Potenzial. Das war im letzten indisch-pakistanischen Konflikt 2025 zu beobachten, als er die Stimmung gegen das Nachbarland vor großen Menschenmengen anheizte. Ziel seiner Politik ist es, die sich bietenden taktischen Vorteile abzugreifen, Nachteile und Verpflichtungen möglichst zu meiden. Doch damit nicht genug. Anders als noch sein Vorgänger Manmohan Singh, der Indien zu einem BRIC-Gründungsstaat machte, sieht Modi die Entwicklung der Eurasischen Integration, vor allem die ökonomischen Handelskorridore der Belt-and-Road-Initiative (BRI) weniger als Chance, sondern eher als Bedrohung.
In erster Linie ist da natürlich der China-Pakistan Economic Corridor (CPEC), welcher Westchina durch Pakistan einen relativ sicheren Zugang zum Arabischen Meer, zum Persischen Golf und zum Roten Meer verschafft und der Pakistan infrastrukturell massiv vorangebracht hat. Der „Bangladesh, China, India and Myanmar Economic Corridor“ (BCIM) wurde von der Modi-Regierung von Beginn an derart torpediert, dass er schließlich komplett aus dem BRI-Programm verschwand. Zumindest BCIM hätte für Indien eine Reihe erheblicher Vorteile gebracht, ebenso wie eine konstruktive Mitarbeit am BRI-Projekt ganz allgemein. Diese China- und Pakistan-kritische Grundhaltung Modis und seiner Partei hat nicht zu unterschätzende selbstschädigende Anteile. Gleichzeitig bringt sie Modi-Indien immer mehr in die Nähe des US-Imperiums und Israels.
Historische Wurzeln
Traditionell hatten die indische Befreiungsbewegung unter Gandhi und Nehru, ebenso wie die chinesische kommunistische Partei und ihre Volksbefreiungsarmee gute und enge Beziehungen zur Sowjetunion und ihrer Politik des proletarischen Internationalismus. Diese guten Beziehungen konnten zwischen Russland und Indien ebenso wie zwischen Russland und China in den letzten 25 Jahren wieder aufgebaut und konsolidiert werden. Weniger gut hatten sich, trotz russischer Bemühungen, die indisch-chinesischen Beziehungen entwickelt.
Betrachtet man die maoistische Politik der ersten drei Jahrzehnte, so ist die von Jawaharlal Nehru und seiner Kongress-Partei geprägte indische Haltung bis zu einem gewissen Grad verständlich. Indien hatte praktisch umgehend diplomatische Beziehungen zur frisch gegründeten Volksrepublik aufgenommen und die Ein-China-Politik Maos unterstützt. Über das chinesische Vorgehen in Tibet Anfang der 1950er Jahre kam es jedoch recht schnell zu ernsthaften Zerwürfnissen, in denen Mao die indische Position als Einmischung in innere Angelegenheiten zugunsten einer reaktionären feudalen Macht ansah. Bekanntlich hatte auch die CIA den tibetischen Separatismus nach Kräften angeheizt. Der Konflikt konnte 1954 zwar zugunsten Chinas beigelegt werden, aber als es 1959 zu einem CIA-inszenierten einwöchigen Aufstand gegen die chinesische Verwaltung und Bevölkerung kam, floh der Dalai Lama mit rund 100.000 Getreuen und mit Gold und millionenteuren Kunstschätzen in das indische Dharamsala im Bundesstaat Himachal Pradesh. Dass ihm von der indischen Regierung Asyl, Unterstützung und erheblicher internationaler politischer Spielraum eröffnet wurde, führte erneut zu chinesischem Unmut.
Koloniales Erbe
Wie der Tibet-Konflikt im Falle Chinas, so sind auch die Konflikte Indiens mit seinen anderen Nachbarn zu einem erheblichen Teil Produkte des kolonialen Erbes. Der British Raj (die britische Kronkolonie) hatte eine Ausdehnung von 4.993.650 Quadratkilometern, Indien dagegen verfügt heute nur noch über 3.287.263 Quadratkilometer. Es hat aufgrund des britischen religiös-kulturellen „Teile und herrsche“ und des hauptsächlich muslimischen Separatismus Mohammad Ali Jinnahs gewaltige Gebietsverluste akzeptieren müssen. Die Teilung Indiens 1947 vollzog sich unter katastrophalen Bedingungen und führte zur Vertreibung von 10 bis 20 Millionen Menschen und zu einer bis zwei Millionen Todesopfern. Dieses Trauma wirkt bis heute. Das zeigt sich am gefährlichsten durch den Dauerkonflikt der Atommächte Indien und Pakistan.
1962 löste die britische Grenzziehung der McMahon-Linie die Konflikte um die Regionen Aksai Chin und Arunachal Pradesh und damit den ersten indisch-chinesischen Krieg aus. Seither war der Streit um diese Areale im unbewohnten Hochgebirge immer wieder Ausgangspunkt für sinnlose Dauerkonflikte.
Quad ist kein Ausrutscher
Die von der Kongresspartei Ghandis und Nehrus gestellten indischen Führungen hatten versucht, mit der komplizierten Lage zwischen dem rasch wachsenden Riesen im Nordosten, dem außer Kontrolle geratenen US-Imperium sowie dem traditionellen Bündnispartner Russland klarzukommen. Narendra Modi und seine BJP hingegen versuchen sich bei Beibehaltung einer multipolaren Rhetorik de facto immer stärker an der Seite des US-Imperiums zu positionieren.
2017 etablierte sich die Vierergruppe USA, Australien, Japan und Indien unter dem Titel Quadrilateral Security Dialogue (Quad) mit klarer antichinesischer Ausrichtung unter Führung der USA. Dass die antichinesischen Mächte Japan und Australien mit an Bord waren, verwunderte nicht. Aber dass das BRICS-Gründungsmitglied Indien mit von der Partie ist, irritierte schon. Was hoffte Modi hier zu gewinnen?
Dass Quad kein „Ausrutscher“ war, wurde bei den letzten Staatsbesuchen Modis in Israel und Washington mehr als deutlich. Der Überfall der US-israelischen Kriegsmaschine auf die Islamische Republik Iran stand – für alle sichtbar – unmittelbar bevor, als Modi seinen Kotau vor den Warlords Trump und Netanjahu vollzog. Man fragt sich unwillkürlich, welches der beiden Ereignisse wohl das Unappetitlichere war. Die „starke Freundschaft“ zum Völkermörder Benjamin Netanjahu zu bejubeln, von ihm „mehr als nur ein Freund, ein Bruder“ genannt und in der Knesset mit Standing Ovations und der Knesset-Medaille ausgezeichnet zu werden? Oder zusammen mit einem egomanischen Donald Trump die chinesische und islamische Bedrohung in grellen Farben an die Wand des Oval Office zu malen?
Natürlich war von Modi nichts zum israelischen „Sieben-Fronten-Krieg“ und nur dröhnendes Schweigen zum Genozid in Gaza zu hören. Auch in den USA sprach er nicht über die zahllosen politischen, militärischen und ökonomischen Konflikte, die Trump in kürzester Zeit vom Zaun gebrochen hat. Modi demonstrierte unbedingte Unterstützung für Trump und Netanjahu. Wenn die beiden Warlords nun die globale US-amerikanische Dominanz mit der Brechstange zurückholen wollen, will Modi mit im Boot sein – bei den Siegern der Geschichte. Oder zumindest bei jenen, die er dafür hält. Allerdings zeigt sich schon in den ersten Kriegstagen, dass sich der indische Premier erneut selbst austaktiert hat. Es wird teuer werden für Indien – und ebenso für Europa. Die Öl- und Gaspreise kennen nur eine Richtung: nach Norden. Sich in einem geopolitischen Großkonflikt an die Seite der Aggressoren gegen die Fossilenergiegiganten Russland und Iran zu stellen ist in Kriegs- und Krisenzeiten keine gute Idee.
2014, am Ende seiner Amtszeit, hatte Manmohan Singh eine Regierungsübernahme Narendra Modis als „katastrophal für das Land“ bezeichnet – und für die multipolare Inte-gration, wäre zu ergänzen. Man kann Singh einen gewissen Weitblick nicht absprechen.









