Marx und Engels zu den Entwicklungsphasen des Kommunismus

Konturen der Zukunft

„Sagen, was ist!“ So lautet das Kriterium der Theorie der Kommunisten. Ihre theoretischen Sätze, heißt es im „Kommunistischen Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels, „sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“. (MEW 4, S. 475) „Wir sagen ihr (der Welt – H. M.) nicht: Lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug, wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein.“ (MEW 1, S. 345)

Anders als bei den großen Utopisten fielen Sozialismus und Klassenkampf nicht mehr auseinander. Als theoretischer Ausdruck der proletarischen Bewegung hörte der Sozialismus auf, ein naiver Traum zu sein. Herausbildung und Entwicklung der kommunistischen Gesellschaftsformation sind damit das Resultat der Wirkungen einer gesellschaftlichen Kraft, die der Kapitalismus selbst erzeugt hat. Deshalb und weil es praktische Erfahrungen gibt, sind wissenschaftliche Vorhersagen auf der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung, der Theorie der Klassen und des Klassenkampfes über den Kommunismus möglich. Notwendig sind sie, weil es in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus mehr denn je um weltanschauliche Orientierung und zielbewusstes politisches Handeln geht.

Tatsachen statt Dogmen

„Unsere Ansichten über die Unterschiede zwischen einer künftigen, nichtkapitalistischen Gesellschaft und der heutigen“, betonte Engels, „sind exakte Schlussfolgerungen aus den historischen Tatsachen und Entwicklungsprozessen und sind, wenn sie nicht im Zusammenhang mit diesen Tatsachen und dieser Entwicklung dargelegt werden, theoretisch und praktisch ohne Wert.“ (MEW 36, S. 429) Die materiellen Voraussetzungen der kommunistischen Gesellschaft entstehen im Kapitalismus. Wir wissen auch, dass die revolutionäre Umwandlung der ökonomischen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft erforderlich ist. Ökonomischer Kern dieser Umwandlung ist die Beherrschung der entstandenen Produktivkräfte durch die Gesellschaft. Schließlich ist bekannt, dass der Sozialismus nicht bei den im Kapitalismus entstandenen materiellen Voraussetzungen stehen bleiben kann. Die Erfahrungen der ehemaligen sozialistischen Länder in Europa – in hohem Maße gerade der DDR – und die Erfahrungen der sich weiterhin zum Sozialismus entwickelnden Länder bestätigen die Voraussagen von Marx und Engels – im Positiven wie im Negativen.

Sie zeigen aber auch, dass es völlig verfehlt wäre, daraus ein Dogma zu machen. Engels verstand die „sozialistische Gesellschaft“ nicht als ein „ein für allemal fertiges Ding“, sondern, „wie alle andern Gesellschaftszustände (ist sie – H. M.) als in fortwährender Verändrung und Umbildung begriffen zu fassen. Kritischer Unterschied vom jetzigen Zustand besteht natürlich in Organisation der Produktion auf Grundlage des Gemeineigentums zunächst der Nation an allen Produktionsmitteln.“ (MEW 37, S. 447)

Prognose des Gesamtprozesses

Im Detail zurückhaltend, zeichnete sich der Entwurf der Zukunft von Marx und Engels durch große Weitsicht aus. Eine Schlüsselstellung nimmt die „Kritik des Gothaer Programms“ (MEW 19, S. 15 ff.) von Marx ein. Es handelt sich um „Randglossen“ zum Entwurf des Vereinigungsprogramms der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht geführten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) unter Ferdinand Lassalle. Abzuwehren waren opportunistische Fehler, vor allem die Hinnahme des Dogmas vom „ehernen Lohngesetz“ und die Illusion eines „friedlichen Hineinwachsens“ in den Sozialismus.

Bis 1914 war Marx’ Programmkritik nur in geringem Umfang bekannt. Erst Lenin hat sie am Vorabend der Oktoberrevolution umfassend erschlossen. Heute gelten die „Randglossen“ als ein wissenschaftlich sehr bedeutsamer Ausgangspunkt, um das Werden der kommunistischen Gesellschaftsformation und ihre innere Dialektik zu verstehen.

Im Mittelpunkt der „Randglossen“ steht die Klarstellung der Machtfrage als Grundfrage des Kampfes der Arbeiterklasse. Den Schwerpunkt bildet die Gesellschaftsprognose. Die „Kritik des Gothaer Programms“ enthält die klassische Definition der Übergangsperiode. Marx stellte fest, dass die Ablösung der kapitalistischen durch die kommunistische Gesellschaft, die auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln basiert, notwendig in einer ganzen historischen Periode erfolgt. Der Staat dieser revolutionären Umwandlung ist die Diktatur des Proletariats. Der ökonomischen Übergangsperiode entspricht auch eine politische Übergangsperiode. Die „langen Geburtswehen“, von denen Marx sprach, sind Bestandteil der Übergangsperiode, charakterisieren ihren Inhalt. Lenin systematisierte das von Marx herausgearbeitete Gesamtbild der kommunistischen Umgestaltung mit den Worten: „I. ‚lange Geburtswehen‘; II. ‚erste Phase der kommunistischen Gesellschaft‘; III. ‚höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft‘.“ (Marxismus und Staat, Berlin 1972, S. 47)

Es war die Erfahrung der Pariser Kommune, dass die Übergangsperiode niemals Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaftsformation sein kann, sondern bereits zur kommunistischen Gesellschaftsformation gezählt werden muss. Sie ist weder mit dem Sozialismus zu identifizieren noch kann sie alle Probleme lösen, die den Aufbau des Sozialismus betreffen. Dieser beginnt sich erst nach ihrem Abschluss zu entfalten – wie sich gezeigt hat, in einem länger währenden stufenweisen historischen Prozess.

Die wichtigste Erkenntnis der „Randglossen“ ist die Unterscheidung der zwei großen Entwicklungsphasen der kommunistischen Formation. Dabei beschrieb Marx grundlegende Wesenszüge der ersten Phase, des Sozialismus, wie sie später hieß. Er sah in ihr einen notwendigen Abschnitt auf dem Weg zum Kommunismus. Dass es sich hier nur um eine „Übergangsetappe“ von kurzer Dauer handeln würde, wird durch Marx’ Programmkritik nicht gestützt. Dies zu betonen, bleibt nach wie vor wichtig. So gingen die Formulierung „Sozialismus als relativ selbstständige Gesellschaftsformation“ und die Installierung des NÖS (Neues Ökonomisches System) in der DDR davon aus, „dass es eines weitaus längeren Zeitraums als 1.000 Tage bedürfe, um die Grundlagen eines sozialistischen Gemeinwesens zu schaffen, das für die eigene Bevölkerung, aber auch für die Wirkung nach draußen attraktiv sei. Und es drängte sich die Einsicht auf, dass dies eine schwierige Phase intensiven Lernens und der Mobilmachung bedeutender intellektueller und materieller Potenzen sein würde.“ (Wolfgang Berger, Weißenseer Blätter, S. 31)

Zwei grundlegende Entwicklungsphasen

Ohne die Vorarbeiten zum „Kapital“ (insbesondere Band III), ohne die „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“, in denen der Charakter der Gesellschaftsformation als sich immer mehr ausbildende Totalität qualitativ bestimmter gesellschaftlicher Beziehungen herausgearbeitet wurde, wären die Prognose des Gesamtprozesses der Entwicklung der kommunistischen Gesellschaftsformation und die vorgenommene Unterscheidung zwischen einer ersten und einer höheren Entwicklungsphase nicht möglich gewesen. Diese Erkenntnis ist gewachsen aus der zunehmenden Einsicht, dass das für den entfalteten Kommunismus erforderliche Entwicklungsniveau der Produktivkräfte erst nach dem Sturz des Kapitalismus – in der neuen Gesellschaft selbst – erreicht werden kann. Es geht um die entscheidende Rolle der Arbeitsproduktivität.

Umfassender als in früheren Arbeiten zeigte Marx, dass die beiden einander ablösenden Verteilungsprinzipien der künftigen Gesellschaft abhängig von der Entwicklung der Produktivkräfte sind. Die Verteilung nach der Leistung und die Verteilung nach den Bedürfnissen entsprechen damit den zwei großen ökonomischen Reifestufen der kommunistischen Formation,

In Bezug auf die Eigentumsform und die Klassenstruktur unterschied Marx nicht zwischen der ersten und der höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft. Beide Phasen werden als klassenlose Gesellschaft bezeichnet, die auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln beruhen.

Marx und Engels setzten in der Regel die Abschaffung des Privateigentums mit der Abschaffung der Klassen gleich. In den „Randglossen“ wurden die gemeinsamen Merkmale beider Entwicklungsphasen herausgearbeitet und mit ihnen allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Formationsentwicklung. Bei der Interpretation der Marxschen Auffassung ist das unbedingt zu beachten. Daraus ergibt sich, dass die ökonomische Struktur des Sozialismus einen spezifischen Übergangszustand der Gesellschaft vom Kapitalismus zum voll entwickelten Kommunismus charakterisiert. (Vgl. A. K. Pokrytan, Produktionsverhältnisse und ökonomische Gesetze des Sozialismus, Berlin 1973, S. 43) Diese Erkenntnisse wurden durch die Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus vertieft und konkretisiert.

Es ist die historische Funktion des Sozialismus, die „Muttermale“ der alten Gesellschaft, wie es bei Marx heißt, zu überwinden und die Voraussetzungen für den Übergang zur höheren Phase der kommunistischen Formation zu schaffen. Ohne die vollständige Entwicklung des Sozialismus gibt es keinen Übergang zum Kommunismus. Streicht man die kommunistische Perspektive aus der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, dann bewirkt man ihren Niedergang. Gleiches passiert, wenn man versucht, die Entwicklung zur höheren Phase hin künstlich zu beschleunigen, den Reifungsprozess abzukürzen, die Besonderheiten des Sozialismus zu ignorieren.

Dennoch weist der Sozialismus das Merkmal „relativer Selbständigkeit“ als erster Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation auf. Das eben zeigt sich an dem realisierbaren Grad der Gleichheit, der sich aus dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte ergibt und sich im Prinzip der Verteilung nach der Leistung äußert.

Hinsichtlich der Frage der Warenproduktion im Sozialismus, also einer Realität, reißen die Diskussionen nicht ab. Die Ware-Geld-Beziehungen im Sozialismus werden unter Berufung auf die „Kritik des Gothaer Programms“ zu den „Muttermalen“ des Kapitalismus gerechnet, die schnellstmöglich zu beseitigen sind. Allerdings: Wenn die Arbeitskraft keine Ware mehr ist, kann es sich auch nicht mehr um kapitalistische Warenproduktion handeln. Die Ware-Geld-Beziehungen haben also einen anderen Charakter. Für die DDR sei auf die Darstellung von Wolfgang Berger verwiesen, der Mitglied im Beratungsstab Walter Ulbrichts war: „In der DDR bestand das wichtigste Vorhaben – es erhielt den Namen Neues Ökonomisches System (NÖS) – darin, die volkseigenen Betriebe so umzugestalten, dass sie fähig wurden, den neuesten Anforderungen der wissenschaftlich-technischen Entwicklung gerecht zu werden. In diesem Sinne wurde begonnen, die volkseigenen Betriebe als sozialistische Warenproduzenten zu organisieren, das heißt die Eigenverantwortung zu steigern, eine exakte Kostenrechnung durchzusetzen, die Preisgestaltung so zu ändern, dass jeder gut arbeitende Betrieb Gewinne erzielte und so die Mittel erhielt, neue produktivere Maschinen und Anlagen zu kaufen.

Darüber hinaus sollten aus diesem Gewinn der Prämienfonds aufgestockt und soziale Maßnahmen im Betrieb finanziert werden. Es ging darum, auf diese Weise das materielle Inte­resse der Angehörigen des Betriebskollektivs an guter Arbeit, am Gedeihen ihres Betriebes zu festigen. (…) Die Planung der Volkswirtschaft wurde den Erfordernissen angepasst.“ (WB 5/1992, S. 31) Der oben genannte sowjetische Ökonom Pokrytan hat das Problem auf den Punkt gebracht: „Der Sozialismus ist eine Phase der kommunistischen Formation; deshalb sind ihm allgemeine kommunistische Züge eigen. In diesem Sinne kann man vom Wesen des Sozialismus sprechen, indem man die Beziehungen zur kommunistischen Formation als Ganzes im Auge hat. Der Sozialismus als erste Phase des Kommunismus hat jedoch auch ein spezifisches Wesen, das ihn als ein besonderes sozialökonomisches Gebilde charakterisiert. (…) Wenn es möglich und sogar notwendig ist, von den Elementen der Warenproduktion zu abstrahieren, dann ist die Rede vom allgemeinen kommunistischen Wesen des Sozialismus, während man kaum von diesen Elementen abstrahieren kann, wenn man über das spezifische Wesen des Sozialismus spricht.“ (A. a. O., S. 180)

Erst auf der Grundlage praktischer Erfahrungen konnten die Fragen des Inhalts und der Gesetzmäßigkeiten der Übergangsperiode, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der zwei Phasen des Kommunismus, der Bedingungen für den Übergang von der ersten zur höheren Phase konkreter beantwortet werden. Dieser Prozess schreitet trotz Konterrevolution und Zickzack-Kurs der Geschichte weiter voran. Der Sozialismus erweist sich als eine Gesellschaft, die in ihrer eigenen Qualität, in ihren spezifischen Gesetzmäßigkeiten, in ihrer historischen Stellung begriffen werden muss. Die Geschichte wird deshalb das Bild vom Sozialismus ständig weiter konkretisieren und bereichern.

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"Konturen der Zukunft", UZ vom 16. Januar 2026



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