Zu „Anna Seghers und die Romantik“, UZ vom 20. November

Kuckucksei

Olaf Brühl, Berlin

Da hat sich die UZ aber ein schönes Kuckucksei ins Nest legen lassen. Drauf steht: Anna Seghers – und drin ist bloß Hans Meyer. So wird nicht nur mit den Worten des antikommunistischen Marxisten die in der Tat erzreaktionäre Romantik „rehabilitiert“, sondern Hans Meyer gleich mit. Eigentor. Revisionismus? Indem nämlich des kommunistischen Marxisten Georg Lukács für uns so wichtige Arbeit „Die Zerstörung der Vernunft“ (!) ungenannt mit abgetan wird, wo die Tradition der Romantik (Mystizismus, Anti-Aufklärung, Pessimismus, Nationalismus) bis hin zu ihrer Konsequenz, dem Ungeist der Faschisten, aufgedeckt ist. Denn was da Hans Meyer über Romantik bei Anna Seghers (wo deren Rolle auch anders interpretierbar ist) und die Konferenz in der DDR 1961 sagt, ist eben nur ein kleiner Aspekt des ganzen Eisberges. Eine halbe Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit, eher Unwahrheit. Das Wahre ist ohnehin erst das Ganze (s. Hegel): die Tradition der Romantik-„Rehabilitation“ in der DDR als Weg zur ideologischen Beseitigung des Marxismus-Leninismus (und wahrlich nicht nur in der Literaturwissenschaft!) konnten deren Wortführer am 4. November 1989 siegesgewiss auf dem Alexan­derplatz feiern, um das Ende der DDR einzuläuten. Die Namen stimmen! Sie alle sind von dem Kommunisten Peter Hacks in dem Essay „Zur Romantik“ hinlänglich charakterisiert worden.

Folgt logisch zu erwartender Weise in der UZ demnächst auch wieder eine Rehabilitation der Romantik-Koryphäe Friedrich Nietzsche – und das dann neuerdings mit den Worten des Stefan Hermlin: um die protestierenden Marxisten, so wie Mitte der 80er Jahre in der DDR Wolfgang Harich und Peter Hacks, mundtot zu machen? – „Sag mir, wo du stehst …“

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"Kuckucksei", UZ vom 27. November 2020



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