Rede von Thomas Geggel am 8. Mai in Berlin-Karlshorst

Dank an Mutmacher

Thomas Geggel

Mehrere hundert Antifaschisten kamen am Nachmittag des 8. Mai, dem 81. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, auf Einladung der DKP nach Berlin-Karlshorst. In Karlshorst hatte Wehrmachtchef Wilhelm Keitel im sowjetischen Hauptquartier die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Auf der Kundgebung sprachen neben weiteren Sevim Dağdelen (BSW), Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, und Thomas Geggel, Mitglied der GRH und der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ (siehe Interview in UZ vom 8. Mai). Im Folgenden dokumentieren wir seine Rede:

Vor genau einem Jahr stand ich hier und äußerte meine ganz persönlichen Gedanken zum Tag der Befreiung vom Faschismus. In diesem einen Jahr ist so viel passiert, was mich veranlasst, hier und heute erneut meine persönliche Sicht auf die aktuellen Entwicklungen zu äußern.

Die schon gehaltenen und noch folgenden Reden von Verbündeten und Freunden, die ich sehr schätze, können viele Entwicklungen und Zusammenhänge viel besser erläutern. Mich bewegt heute beim Gedenken an die Befreiung vom Faschismus durch die Sowjetarmee vor allem, welche unbeschreiblichen Opfer die Völker der Sowjetunion dafür erbrachten. Und damit meine ich nicht nur die unvorstellbare Zahl der 27 Millionen Ermordeten. Alle diese Opfer und die Leiden der Menschen in diesem faschistischen Krieg müssen für uns nicht nur Mahnung, sondern auch Verpflichtung sein.
Hier in Deutschland wird dem Völkermord an 6 Millionen jüdischen Opfern, davon 165.000 deutsche Juden, gedacht. Dem Genozid an den über 27 Millionen sowjetischen Opfern und den ermordeten und verfolgten deutschen Antifaschisten aus vielen politischen und sozialen Bereichen wird in dem heutigen Deutschland jede Ehrung und Gedenken verweigert.

Vor vier Wochen war ich in Buchenwald, zum Gedenken an die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers. Bis 1990 hieß es „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“, jetzt heißt es nur noch „Gedenkstätte Buchenwald“. Die Mahnung wird massiv unterdrückt und sanktioniert. Das heißt, jeder Bezug zu aktuellen Geschehnissen in der Welt, zu Ausbeutung, Unterdrückung, Friedenskampf und Kampf gegen Völkermord wird verboten. Die Selbstbefreiung in Buchenwald hat es, so die neue deutsche Geschichtslehre, nicht gegeben.

Leider haben sich sowohl Teile von Opferverbänden als auch Nachkommen von überlebenden Antifaschisten dieser staatlich verordneten wahrheitswidrigen und geschichtsfälschenden „Gedenkkultur“ angeschlossen. Der Schwur von Buchenwald, „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“, bedeutet doch, die richtigen Lehren auch für die heutige Zeit zu ziehen und im Kampf gegen den Faschismus und gegen Krieg nicht nachzulassen.

Die in meinen Augen faschistische und kriegerische Entwicklung in weiten Teilen der Welt und besonders auch in Deutschland erfüllt mich mit sehr großer Sorge. Es gibt sehr viele Erinnerungen an meine Familiengeschichte, die immer mehr in den Vordergrund treten. Solche sind die Erzählungen meiner Großmutter und meiner Mutter über 1933. Meine Großmutter und meine damals vierjährige Mutter berichteten, wie mein Großvater, den ich nie kennenlernte, von der SA halbtot geschlagen und später wegen Hochverrat verurteilt wurde. Er war aktiv im RFB, in einer Schallmeien-Kapelle, hier in Berlin. Diese und andere Ereignisse haben mich mein Leben lang geprägt. Sie bestimmen noch heute unsere, meiner lieben Frau und meine, Haltung und unsere Aktivitäten.

Ich sage dies, weil mir immer wieder Bilder und Erinnerungen in den Kopf kommen und sehr stark mein Herz bewegen, wenn ich heutige Ereignisse und Entwicklungen sehe. Der Kampf für Frieden, Völkerverständigung, Solidarität und soziale Gerechtigkeit wird in Deutschland immer mehr verboten, unterdrückt, sanktioniert und auch strafrechtlich verfolgt. Die Medien und auch die Justiz sind in meinen Augen gleichgeschaltet, und das zeigt seine Wirkung. So hat bei einer Veranstaltung, als ich auch über den heute notwendigen Klassenkampf sprach, ein vermeintlich linker Teilnehmer allen Ernstes geäußert, dass das von mir wohl ein Scherz gewesen sei und es heute keinen Klassenkampf mehr gebe und er auch nicht notwendig sei.

Die Kriegsvorbereitung und das Eroberungsstreben des Imperialismus auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit, besonders auch in Deutschland, erfordern aber einen konsequenten Kampf für Frieden, Solidarität und soziale Gerechtigkeit.

Nun könnte man den Kopf in den Sand stecken, angesichts der Übermacht und der Gleichschaltung großer Teile der Bevölkerung. Aber nein. Wenn wir heute sehen, wie viele junge Menschen an diesem Tag auf die Straße gehen und gegen die Wehrpflicht protestieren, gibt mir dies Mut und die Kraft, gemeinsam weiterzumachen in unserem täglichen Kampf. Heute heißt es verleumderisch, „Linksextreme steuern Schulstreiks gegen Wehrpflicht“, und Kommunisten unterwanderten die Demos und den Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Da kann ich nur ganz deutlich sagen: Absolute Klasse und danke, SDAJ!

Die Revolutionäre-1.-Mai-Demonstration in Berlin führte unterschiedliche, vor allem junge Kräfte, in Einheit im Kampf für den Frieden zusammen. Bei den Palästina-Solidaritäts-Demos und Kundgebungen sind es vor allem junge Menschen, dies sich für Frieden in Nahost, in Palästina, Libanon und Iran einsetzen. Dies trifft auch auf die Mitglieder der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ zu, die überwiegend sehr junge Menschen jüdischer Abstammung, vor allem junge Frauen, in ihren Reihen vereint.

Merzens Vision von einem Deutschland 2035 darf nicht zu einem zweiten Deutschland 1935 werden.
Die Schlussfolgerung lautet für mich: Schaffen wir in allen Bereichen Bündnisse für Frieden und soziale Gerechtigkeit, trotz zum Teil unterschiedlicher Auffassungen. Stärken und vereinen wir die neue Friedensbewegung. Stellen wir uns als Kommunisten an die Spitze dieser Bewegung. Die Geschichte hat bewiesen, dass diese Veränderungen nur mit Kommunisten erfolgen können.

Rot Front und: Hoch die internationale Solidarität!

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