Die Ruhrfestspiele nach dem Ende des Steinkohlebergbaus

Kunst ohne Kohle?

Von Klaus Wagener

„Während die Welt digital und real immer näher zusammenzurücken scheint, wächst der Grad der Komplexität unserer Wirklichkeit“, glaubt der neue Intendant der Ruhrfestspiele, Olaf Kröck, und folgert, „Offensichtlich löst das bei uns Impulse aus, die sich nach radikalen Vereinfachungen sehnen“. Die Folge seien „Angstmacherei, Ablehnung alles vermeintlich Fremden und Entsolidarisierung“. Prozesse, die in Europa und der Welt zunehmend um sich griffen, „mit der Gefahr, unsere Demokratie schleichend zu unterhöhlen“. Es ist also die Sehnsucht nach radikaler Vereinfachung der Komplexität, die seiner Meinung nach „unsere Demokratie schleichend unterhöhlt“.

Das Theater sei „die Kunstform, die die vielen Facetten der Wirklichkeit eines menschlichen Miteinanders zeigen kann“, umreißt Kröck sein Gegen-Konzept „Poesie und Politik“. Theater wirke „immer unmittelbar emotional“. So könne „es einen Gegenimpuls setzen“. Denn es habe „die Fähigkeit, eine Verbindung herzustellen zwischen Poesie und Politik“.

Kröck tritt seinen Job in einer Zeit des Umbruchs an. Die altvertrauten Loyalitäten zerbrechen. Die Berliner Kartell-Parteien erleben einen nie dagewesenen Vertrauensverlust. Der Steinkohlebergbau, ein Gründungsmythos der Ruhrfestspiele „Kunst für Kohle – Kohle für Kunst“, ist nicht mehr. Nicht aus ökologischen Gründen. Kohle, Braunkohle wird weiter verfeuert. Noch Jahrzehnte. Das ist zwar noch umweltschädlicher, aber bringt noch mehr Profit.

Mit den letzten Bergleuten ging auch die Sozialdemokratie. Das, was sich heute SPD nennt, ist von der CDU, von den „Schwatten“, kaum zu unterscheiden. Wer heute gegen die asoziale Berliner Sparpolitik protestieren will, sieht sich unversehens bei der AfD, wenn er oder sie nicht ohnehin resigniert hat. Mit den letzten Bergleuten ging auch die „Evonik“, der Hauptsponsor, von Bord. Der Essener Chemie-Riese „Evonik Industries“ ist das, was von dem alten Monopolisten „Ruhrkohle AG“ noch übriggeblieben ist. Kröck muss mit einem deutlich kleineren Etat auskommen. Minus 30 Prozent von bislang 7 Mio. Euro, wie man hört. Minus 30 Prozent, das ist im Ruhrgebiet nicht ungewöhnlich. Für Millionen, die in Gerhard Schröders „bestem Niedriglohnsektor Europas“ arbeiten, ist es in etwa die Marge, mit der sie nun zurechtkommen müssen. „Europa ist die Lösung!“ plakatiert die SPD für den 26. Mai. Da können viele nur müde abwinken. Ausgerechnet Brüssel, die neoliberale Lobbyisten-Hochburg, soll es richten? „Poesie und Politik“ plakatieren gleichzeitig die Ruhrfestspiele. „Facetten eines menschlichen Miteinanders“ will man zeigen. Das klingt vertraut. Das Ruhrgebiet ist eine Ansammlung von Auswanderern, „Gastarbeitern“, Zugezogenen. Menschliches Miteinander war hier seit mehr als einem Jahrhundert die Betriebsgrundlage. Ohne menschliches Miteinander funktionierte kein Hochofen und kein Stahlwerk.

„War“ die Betriebsgrundlage. Bis der Neoliberalismus das menschliche Miteinander im „eiskalten Wasser egoistischer Berechnung“, der Profitgier des „Shareholder-Value“, ertränkt hat, um Karl Marx abzuwandeln. Seither versucht die kleinbürgerliche Nostalgie eine kauzig-knuddelige Revier-Romantik zu verklären, und sich in den auf nobel getrimmten Trümmern der eingerissenen Industriegiganten „stilvoll“ einzurichten. Doch Tote werden vom Geklingel der Prosecco-Gläser nicht lebendig und entsprechend schwer haben dürfte es auch die „emotionale Wirkung des poetischen Gegenimpulses“, der doch stark nach moralischem Appell riecht. Kröck kann immerhin trotz seiner klammen Taschen die beachtliche Zahl von 90 Produktionen und 210 Vorstellungen, viele von internationalen Künstlern, präsentieren. Es geht also auch ohne die Konzernsilberlinge. Und auf den Hollywood-Glamourfaktor kann das Revier gut verzichten.

Nicht verzichten kann das Revier, und nicht nur das Revier, auf Erkenntnis. Auf die Erkenntnis dessen „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie Goethe seinen Faust sagen lässt, oder das, was Shakespeares Hamlet den „Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters“ nennt. Es käme darauf an, Kröcks „unmittelbar emotionale Wirkung“ mit rationaler Welterkenntnis produktiv zu verbinden. Aus der Erkenntnis der neoliberal-kapitalistischen Zurichtung der Welt die emotionale Bereitschaft zum Handeln für eine bessere Welt, zur Rettung des Planeten vor Krieg und Umweltzerstörung zu generieren. Die Notwendigkeit zum Handeln ist mit Händen zu greifen. Viele, auch junge Menschen, haben sie begriffen. Es ist sehr zu hoffen, dass auch die Ruhrfestspiele die Herausforderungen der Zeit begreifen.

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"Kunst ohne Kohle?", UZ vom 3. Mai 2019



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