Simone Buchholz leuchtet im „Hotel Cartagena“ in beschädigte Seelen

Menschen im Hotel

Sankt Pauli im November 2018. Es ist kalt, dunkel, still. Ivo Stepanovic, LKA Hamburg, ist zu einer Geburtstagsfeier unterwegs, will da aber nicht hin. Und geht dann doch. Auch Chastity Riley, Kiezstaatsanwältin und „der eher unübersichtliche Typ Frau“, ist auf dem Weg in dieses verdammte River Palace Hotel am Hafen. Faller, ihr langjähriger Chef, feiert in der Bar im 20. Stock seinen Fünfundsechzigsten und damit den endgültigen Abschied aus dem Polizeidienst. Geladen sind alle ehemaligen Kollegen und Freunde, darunter Chas‘ ehemaliger Lover Klatsche und der noch gelegentliche Inceman. Grund genug für Stepanovic, der Chas liebt, ohne es ihr sagen zu können, keinen Bock auf die Zusammenkunft zu haben. Aber auch sie selbst kommt mit gemischten Gefühlen, der Lover wegen; säße lieber am Tresen einer Hafenkneipe, um sich langsam aber sicher zu betrinken. „Diese Bar macht so sehr einen auf Ausblick, dass ich eigentlich keinem Drink, den ich nicht selber gemixt habe, über den Weg trauen sollte. Zu viel aufdringliche Schönheit, zu viele Sieh-mich-an-Sachen, zu viel Ablenkung. Da kann sich doch keiner auf seinen Alkohol konzentrieren.“ Prompt verletzt sie sich am Blatt der Ananas-Deko auf ihrem Cocktail. Was Folgen haben wird. Eine Handvoll anderer Gäste, eher unsympathisch, Pfeffersäcke oder deren Kinder, runden das Bild ab. Und dann fallen Schüsse.

Die feiernden Cops werden zu Geiseln. Die Typen sind Profis, gut vorbereitet. Uzis, SEK-Uniformen, Schlüsselkarten – alles da. „Tragen ihre Waffen wie Frauen ihre Handtaschen.“ Jetzt Ruhe bewahren. Begreifen. Dann denken. „Keiner. Spielt. Den Helden.“„Zu viele Waffen, zu viele Männer in Anzügen. Wenn man es genau nimmt, ist die Situation nicht beschissener als überall sonst auf der Welt.“

Während sich in der Bar die Situation zuspitzt, kommt draußen die Polizeimaschinerie in Gang, SEK, MEK, Psychologen, Verhandler und nicht zuletzt Stepanovic trudeln ein, eine Strategie wird entwickelt. Keine Hektik, erst mal stillhalten. Einzig Stepanovic steht kurz vorm Amoklauf.

Simone Buchholz nutzt die Situation in der Bar zu einem Kammerspiel mit ungewissem Ausgang. Mit einer Mischung aus Ironie, messerscharfen Dialogen, rotzigen Sprüchen, lakonischem Galgenhumor und eigenwilligen Metaphern lässt sie uns in das Innenleben ihrer Protagonisten schauen. Dabei ist bei diesem Fall der „Verbrecher“ eindeutig der Held, Chastity der kaum einsatzfähige Gegenpart. Eine Blutvergiftung durch den Schnitt im Daumen trübt ihre Wahrnehmungsfähigkeit. Aber was heißt schon Fall. Hier geht es nicht um einen Kriminalfall, hier geht es ums Ganze, hier kommen die Karten auf den Tisch. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur sagt die Autorin: „Es geht mehr und mehr darum, wie im altmodischen Roman Noir, Seelen zu ermitteln. Mich interessiert, wie Leute, die – wodurch auch immer – an den Rand ihrer Existenz gebracht werden, wie die da weitermachen, wie die da durchgehen. Mich interessiert die Menschlichkeit, die Menschenwürde und das, was bleibt, wenn man so vor Trümmern steht oder was dann auch nicht mehr bleibt. Oft ist ja dann auch keine Menschlichkeit mehr da.“

Parallel zu den Ereignissen im und vor dem Hotel blättert Simone Buchholz Henning Garbareks Lebensgeschichte auf.

Sankt Pauli, Sommer 1984. Henning hadert mit seinem Leben. Den Vater kennt er nicht, seine Mutter hatte sich erst dem Leben, dann dem Suff hingegeben, und er wurde zum Habenichts,Tagedieb, Vollidioten. Heuert auf einem Schiff nach Südamerika an. Motto: „Gib uns deine Arbeitskraft, wir geben dir ein Bett.“ So strandet er in Cartagena, Kolumbien, und nach ein paar Jobs und Partys beim Medellín-Kartell. Als Vermittler in Hamburg sucht er ein paar alte Bekannte für einen Deal aus und macht Karriere. Das Geschäft läuft reibungslos, die Schauspieler in Eppendorf, die Musiker in Eimsbüttel, der Jet-Set in Winterhude, die High Society der Elbvororte, sie alle zählen zu den Kunden. Henning wird Barbesitzer, heiratet die bildschöne Mariacarmen, die im Café Havanna die linke Faust in die Höhe reckt, und gründet eine Familie. Er ist eine Berühmtheit: „Der Deutsche mit der Gitarre“. Sieben Jahre lang.

In Hamburg geht das Verteilernetz hopps, der Kaufmannsschnösel verrät alle, und Henning samt Familie landen auf einer Todesliste. In einer Bretterbude auf Curaçao finden sie Unterschlupf, versuchen nicht aufzufallen. Zwei Jahre später tötet ein Killerkommando Mutter und Sohn, Henning gibt auf, geht ins Wasser und wird rausgezogen. Von da an ist er Henk, lebt für seine Rache und dann ist die Chance da, er nimmt ein Containerschiff zurück nach Hamburg.

Die Handlungsstränge laufen unerbittlich aufeinander zu.

Chas erlebt in der geschlossenen Gesellschaft der Bar, was all die Zumutungen, Beschädigungen und Verletzungen, die das Leben den Meisten bereitet, aus Menschen machen, die ein Zuviel davon abbekommen. Kaputte, nur notdürftig zusammengeflickte Seelen überall. Dabei sind ihr die Geiselnehmer, allen voran ihr Boss, durchweg sympathischer als die anderen Gäste.

Buchholz gelingt das Kunststück, selbst bei den ekligsten Schilderungen nicht mit dem moralischen Zeigefinger zu winken. Es geht ihr um Menschen im Ausnahmezustand. In einem Fiebertraum besteigt Chastity ein Karussell und ihre Männer, Kolleginnen, Freunde steigen hintereinander zu. Sie malen ein Bild von ihr, der Unnahbaren mit „einem flammenden Schwert aus Eis“. Und sie geben den Blick frei auf ihre eigenen gebrochenen Seelen, zerstört von einem Leben, in das sie geboren oder als Frauen gezwungen wurden. Alle reden sie von der Liebe und deren Unmöglichkeit. Chas‘ Delirium ist ein lyrischer Rap, lässig und kompromisslos. Zeitgleich gibt auch Stepanovic seine Lebensbeichte ab.

In Hamburg sagt man Tschüss. Rasanter Endspurt, Minikapitel, Schlag auf Schlag und ab geht’s.

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"Menschen im Hotel", UZ vom 24. Januar 2020



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