Junge Gewerkschafter fordern 4-Stunden-Tag

Provokative Forderung

Von Robin Schmidt

„Zukunftsgerecht“ – unter diesem Motto findet der fünfte ver.di-Bundeskongress vom 22. bis 28. September 2019 in Leipzig statt. Unter anderem wird über einen Antrag der besonderen Art abgestimmt, den die Bundesjugendkonferenz der ver.di-Jugend eingereicht hat: Im Antrag „Arbeitszeitverkürzung zum Gegenstand einer gesellschaftspolitischen Kampagne machen“ heißt es: „Es gilt, einen langwierigen Prozess ins Werk zu setzen, dessen Ziel darin bestimmt ist, dass der 4-Stunden-Regelarbeitstag bei vollem Lohn- und Personalausgleich auf der Grundlage von maximal fünf Arbeitstagen pro Woche erstritten wird.“ Wenn man bedenkt dass in Österreich mittlerweile der 12-Stunden-Tag von der FPÖ/ÖVP-Koalition durchgesetzt wurde, klingt das erst mal nach einer unumsetzbaren Forderung, die in den Raum geworfen wird, um radikaler zu sein als alle anderen. Aber war es nicht Che Guevara, der sagte: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche?“

Das Unmögliche zu versuchen, daran arbeiten die Mitglieder der sogenannten „4-Stunden-Liga“. Die Gewerkschaftsaktiven dieser jungen Gruppe aus Kassel haben auch die Anträge in die Landes- und Bundesjugendkonferenz der ver.di-Jugend eingebracht und hatten damit Erfolg. Und dafür, dass die Forderung utopisch erscheint, haben die mehrheitlich jungen Leute es schon ganz schön weit gebracht. Vor einigen Wochen gründete sich die „4-Stunden-Liga – Sektion Frankfurt“ und im kommenden Monat steht die Gründung der Berliner Sektion an. Auch die SDAJ mischt sowohl in Kassel als auch in Frankfurt mit.

Zur Sektionsgründung in Frankfurt rief der Bezirksjugendvorstand der ver.di-Jugend FFM & Region auf. In ihrem Aufruf stellten sie fest, dass es Deutschland an einer breiten kämpferischen Arbeiterbewegung fehlt „Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die politisch fortschrittlichen Kräfte sich lieber in Kleinkriegen untereinander zerstreiten, anstatt die Menschen in den Betrieben zu mobilisieren. Was es dafür braucht, ist ein großes gemeinsames utopisches Ziel, das sich breite Teile der Bevölkerung auf die Fahne schreiben können.“

Angeregt diskutierte die Sektion Frankfurt auf ihrem letzten Treffen, wie man die Menschen in den Betrieben konkret mobilisieren kann. Die Teilnehmer kamen zu dem Schluss, die Forderung nach radikaler Arbeitszeitverkürzung könne sich nur verbreiten, wenn man den Menschen konkret etwas anbieten kann, wie sie in ihrem Betrieb aktiv werden können. Nun will man in den kommenden Monaten die Frankfurter Kolleginnen und Kollegen dazu aufrufen, kollektiv Überstunden zu vermeiden. Bei knapp einer Milliarde geleisteter unbezahlter Überstunden in Deutschland erscheint das als eine berechtigte Orientierung.

Die DKP fordert die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Die Forderung leitet sich aus der gestiegenen Arbeitsproduktivität ab. Der ständig gestiegene Druck auf die Beschäftigten durch zunehmende Arbeitsverdichtung unterstreicht die Berechtigung. Die „4-Stunden-Liga“ mit ihrem provokativen Anspruch wird jedenfalls neue Erfahrungen und Impulse im Kampf um die Arbeitszeitverkürzung schaffen.

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"Provokative Forderung", UZ vom 23. August 2019



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