Der Vertrag von Kensington soll fit für den Krieg machen

Rüstige Freundschaft

Ob er auch Eierkuchen bringt, der Kensington-Vertrag, das weiß man noch nicht. Klar ist aber – jedenfalls, wenn man dem medialen Mainstream, etwa dem „Deutschlandfunk“, glaubt –, dass das Abkommen, das Bundeskanzler Friedrich Merz und der britische Premierminister Andrew Burnham am 8. Oktober durch Austausch der Urkunden in Kraft gesetzt haben, Frieden und Freude schaffen wird. Ein „Freundschaftsvertrag“ sei sie, die am 17. Juni 2025 unterzeichnete Vereinbarung, berichtete der öffentlich-rechtliche Sender stolz; Merz habe bei seinem Treffen mit Burnham insbesondere „die Neuregelungen für Schüler und Studenten“ hervorgehoben, die künftig „Reiseerleichterungen wie Visafreiheit für Klassenfahrten“ genössen. Wunderbar! „Eine direkte Bahnverbindung zwischen Deutschland und Großbritannien“ soll es auch geben; man muss bloß hoffen, dass nicht die Deutsche Bahn auf ihr fährt. Auch sonst seien lauter nützliche Dinge geplant – die „Eindämmung irregulärer Migration“ etwa und Kooperation in der „Verteidigungspolitik“. Alles, was echte Freundschaft eben so braucht.

Schluss mit Unfug: Der im vergangenen Juli in London geschlossene Kensington-Vertrag über Freundschaft und bilaterale Zusammenarbeit – so heißt er mit vollem Titel – besitzt für den Ausbau der deutsch-britischen Rüstungskooperation einen zentralen Stellenwert. Ihm ging ein längerer Vorlauf voraus; mit einer intensiven Zusammenarbeit der Waffenschmieden beider Länder befassten sich bereits Erklärungen der Regierungschefs aus Berlin und London vom April 2024 und der Verteidigungsminister vom Juli 2024, bevor das Trinity House Agreement vom Oktober 2024 erste „konkrete Schlüsselprojekte für den gemeinsamen Fähigkeitsaufbau in allen Dimensionen“ auflistete. Es folgte der Kensington-Vertrag, in dem nun abschließend eine umfassende Rüstungskooperation vereinbart wurde. Eine ganze Reihe bilateraler Projekte war bereits vorher systematisch in die Wege geleitet worden. Nach der Unterzeichnung des Kensington-Vertrags aber gewann die Zusammenarbeit so richtig Schwung.

Sie umfasst längst nicht mehr nur Projekte deutscher Traditionskonzerne wie Rheinmetall; das Düsseldorfer Unternehmen stellt unter anderem in einem Joint Venture mit Großbritanniens größtem Rüstungskonzern BAE Systems Schützenpanzer des Typs Boxer her. Daneben haben mittlerweile aber auch junge deutsche Rüstungs-Start-ups begonnen, im Vereinigten Königreich Fabriken aufzubauen. Stark Defence etwa, ein Drohnenlieferant der Bundeswehr, produziert inzwischen auch in Swindon im Südwesten des Landes Drohnen aller Art. Helsing, aktuell Europas wertvollstes Rüstungs-Start-up mit einer Bewertung von satten 18 Milliarden Euro, stellt in Plymouth Unterwasserdrohnen her. Arx Robotics wiederum, ein Lieferant unbemannter Bodensysteme für die Bundeswehr, fertigt Roboter auch für die britischen Streitkräfte und hat dafür ein Werk in Englands Südwesten errichtet. Allen drei Startups dient das Vereinigte Königreich als Standort für ihre Expansion.

Es kommt hinzu, dass die Bundesrepublik und Großbritannien gemeinsam weitreichende Präzisionswaffen (Deep Precision Strike, DPS) entwickeln wollen. Dies ist bereits im Trinity House Agreement festgelegt. Konkret geht es um Raketen verschiedenster Art – darunter Hyperschallraketen –, die eine Reichweite von über 2.000 Kilometern haben und damit in der Lage sind, Ziele recht weit im russischen Hinterland zu treffen; auch Moskau selbst lässt sich mit ihnen von Deutschland aus erreichen. Das Vereinigte Königreich hat darüber hinaus am Rande des NATO-Gipfels in Ankara eine weitere Initiative gestartet, in der zwölf NATO-Staaten – darunter die Bundesrepublik – ebenfalls DPS-Waffen entwickeln; die Rede ist nicht zuletzt von einem europäischen Marschflugkörper. Einsatzbereit sollen die weitreichenden Präzisionswaffen in der ersten Hälfte der 2030er Jahre sein. Dann wäre Europa diesbezüglich unabhängig von den USA – dank der gemeinsamen deutsch-britischen Rüstungsproduktion, wie sie ausdrücklich auch der Kensington-Vertrag vorsieht.

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"Rüstige Freundschaft", UZ vom 16. Oktober 2026



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