Der Schriftsteller Lu Xun beschrieb 1922 die Widersprüche, die zur kulturellen Revolution drängten

Schlimmer als eine Krankheit

Neue Ideen, neue Literatur

Der russisch-japanische Krieg von 1904 und 1905 war ein Krieg, den zwei imperialistische Mächte auf und um chinesisches Gebiet führten. Keine chinesische Regierung hatte dabei etwas mitzureden – zu tief war die Krise der alten, feudalen Gesellschaft und zu schwach die von ausländischem Kapital durchdrungene Wirtschaft. Zu zersplittert war das einmal starke Reich in die Einflussgebiete regionaler Beamter und späterer Warlords. Zu erstarrt war das Denken, das die Eliten in den überkommenen Bahnen hielten, und zu groß die Niederlagen, in denen die letzten Volkserhebungen geendet hatten. Der Schriftsteller Lu Xun beschreibt in diesem Text, wie er und einige andere neue Intellektuelle die Unterdrückung ihrer Nation und die Hilflosigkeit des Volkes wahrnahmen.

Die viele Jahrhunderte alte Tradition des chinesischen Kaiserreiches verstand unter Wissen und Gelehrsamkeit, die konfuzianischen Klassiker zu pauken und an den ritualisierten Beamtenprüfungen teilzunehmen. Diese Prüfungen fanden bis 1905 statt, sie waren der offizielle Weg in höhere Ämter. Wer sie bestehen wollte, musste viele Jahre lang nur eines lernen: In einer toten Sprache – dem klassischen Chinesisch –, in einem streng formalisierten Stil über zweitausend Jahre alte, auswendiggelernte Lehrsätze wiederzukäuen.

Die Intellektuellen, die China erneuern wollten, orientierten sich am Westen, sie bewunderten die westliche Wissenschaft und verachteten die konfuzianische Borniertheit. Sie nahmen wahr, wie sich mit Japan ein ostasiatisches Land seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Rückständigkeit gelöst hatte – und nun, gemeinsam mit den europäischen Imperialisten, China beherrschen wollte. China zu erneuern und gegen die Großmächte zu verteidigen war in ihren Augen eins.

So entstand ab etwa 1915 eine Bewegung gegen die feudale Ideologie und Kultur, eine Kulturrevolution, die ausländische Errungenschaften aneignen und gleichzeitig den Imperialismus bekämpfen wollte. Diese kulturelle Bewegung war verwoben mit der politischen Bewegung, die sich in den Massenprotesten am und nach dem 4. Mai 1919 bündelte.

Sie regte die ersten Werke der modernen chinesischen Literatur an. Die Masse des Volkes für eine nationale Erneuerung zu gewinnen forderte eine neue Literatur in einer verständlichen Sprache, die sich am gesprochenen Chinesisch orientierte – ein vergleichbarer Prozess hatte in Europa stattgefunden, als in Renaissance und Reformation begonnen wurde, die Nationalsprachen als Schriftsprachen zu verwenden. Lu Xun war der bedeutendste Schriftsteller dieser neuen Literatur. Der nebenstehende Text, 1922 geschrieben, ist ein Auszug aus seinem berühmten Vorwort zu seiner ersten Sammlung von Erzählungen „Aufruf zum Kampf“ – ein programmatischer Text der neuen Literatur.

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„Ich glaube, wer einmal Wohlstand genoss und dann verarmt, gelangt im Ablauf dieses Geschehens zum Verständnis der Welt, wie sie wirklich ist. Ich wollte, vielleicht weil ich mich nach einem anderen Schauplatz und anderen Gesichtern sehnte, die Jiangnan-Marineakademie in Nanjing beziehen, also blieb meiner Mutter nichts übrig, als die acht Silberstücke für meine Reisekosten aufzutreiben und zu sagen, ich möge tun, was mir beliebte. Dass sie weinte, war nur natürlich, wurde doch damals das Studium der Klassiker und das Ablegen der Staatsprüfungen als das einzig Richtige angesehen; wer sogenannte ‚ausländische Lehrgegenstände‘ studierte, kam in den Verdacht, dies aus Verzweiflung zu tun, musste er doch seine Seele den fremden Teufeln verkaufen, was ihn bei jedermann verächtlich machte. Mutter weinte auch, weil ich ihr fehlen würde. Dessen ungeachtet reiste ich nach Nanjing und bezog die Jiangnan-Marineakademie, und dort erfuhr ich, dass es Gegenstände gibt wie Naturwissenschaften, Arithmetik, Geographie, Geschichte, Zeichnen und Gymnastik. Physiologie wurde nicht unterrichtet, doch kamen mir Bücher über den menschlichen Körper und Chemie und Hygiene zu Gesicht. Die Reden und Rezepte mir bekannter Ärzte fielen mir ein, und als ich sie mit dem verglich, was ich jetzt wusste, kam ich zu dem Schluss, dass diese Ärzte entweder unwissentlich oder bewusst Scharlatane waren, und ich empfand Mitleid mit den Kranken und deren Familien, die darunter zu leiden hatten. Aus übersetzten Geschichtswerken erfuhr ich auch, dass die Umgestaltung Japans in großem Ausmaß auf die Einführung der medizinischen Wissenschaft des Westens nach Japan zurückzuführen war.

Diese Hinweise veranlassten mich zum Übergang in die medizinische Fakultät in einer Provinzstadt Japans. Ich träumte, ich würde, nach China heimgekehrt, Patienten wie meinen Vater, der falsch behandelt worden war, heilen können; und wenn ein Krieg ausbräche, wollte ich als Arzt im Heer dienen und gleichzeitig den Glauben meiner Landsleute an eine Umgestaltung stärken.

Ich weiß nicht, was jetzt für fortgeschrittene Methoden zum Unterricht in Bakteriologie angewandt werden; damals wurden Filme verwendet, um die Mikroben zu zeigen, und wenn die Vorlesung zeitig zu Ende war, führte der Dozent, um die Zeit auszufüllen, Kulturfilme oder die Wochenschau vor. Da dies während des Russisch-Japanischen Krieges geschah, gab es viele Kriegsfilme, und ich musste mich oft dem Beifallsklatschen und Beifallsbrüllen der anderen Studenten anschließen.

Es war lange her, seit ich irgendwelche Landsleute gesehen hatte, da wurde eines Tages ein Film abgerollt, der einige Chinesen zeigte. Einer von ihnen war gefesselt, und viele meiner Landsleute standen um ihn herum. Sie alle waren kräftige Gesellen, schienen jedoch völlig apathisch zu sein. Der Kommentar besagte, dass der eine mit den gebundenen Händen Spion im Dienste der Russen gewesen sei, wofür ihm die japanischen Soldaten – zur Warnung der anderen – nun den Kopf abschlagen würden; die Chinesen rings um ihn seien gekommen, um das Schauspiel zu genießen.

Noch vor Ende des Semesters war ich nach Tokio abgereist, weil ich nach diesem Film zu der Überzeugung gelangt war, die medizinische Wissenschaft sei gar nicht so wichtig. Ich hatte erkannt, dass Menschen eines schwachen und rückständigen Landes, wie stark und gesund sie auch sein mochten, zu nichts anderem dienten, als stumpfsinnige Zuschauer oder willenlose Objekte solch öffentlicher Schauspiele abzugeben; und das war schlimmer, als an einer Krankheit zu sterben. Am wichtigsten war es darum, ihren Geist zu ändern, und da ich Literatur für das beste Mittel zu diesem Zweck hielt, beschloss ich, eine literarische Bewegung ins Leben zu rufen.“

Aus dem Vorwort zu: Lu Xun: Aufruf zum Kampf. Erzählungen, Peking: Verlag für Fremdsprachige Literatur, 2002.

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"Schlimmer als eine Krankheit", UZ vom 3. Mai 2019



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