Engels und die Dialektik der Natur

„Schmeicheln wir uns indes nicht so sehr
mit unseren Siegen über die Natur“

Die industrielle Revolution veränderte im 18. und 19. Jahrhundert grundlegend die Produktion und das Leben der Menschen. Wer diese Umbrüche verstehen will, muss sich auch mit den naturwissenschaftlichen Entdeckungen jener Zeit befassen. Genau das tat Friedrich Engels. Er beschäftigte sich – wie auch Marx – immer wieder mit den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Davon zeugen viele Exzerpte.

Zudem waren es die Naturwissenschaften, die eine Revolution im Denken vorbereiteten. Seit dem 16. Jahrhundert stellten Kopernikus, Kepler, Galilei und andere die vorherrschenden kirchlichen Lehren in Frage. Die Newtonsche Mechanik bot zum ersten Mal eine umfassende theoretische Erklärung für viele physikalische Erscheinungen in der Natur. Im 18. und 19. Jahrhundert zeigten Naturforscher mit ihren Entdeckungen in der Geologie, im Tier- und Pflanzenreich, aber auch im Hinblick auf die Entwicklung der Planeten und unseres Sonnensystems zudem, dass nicht nur die menschliche Gesellschaft, sondern auch die Natur eine Geschichte hat, dass es Zusammenhänge und Übergänge gibt und es auch in der Natur „dialektisch“ zugeht. Es waren im 19. Jahrhundert vor allem drei Entdeckungen, auf die sich Engels beruft:

  • der Energieerhaltungssatz,
  • die Entdeckung der organischen Zelle als Grundeinheit der Organismen
  • und die Darwinsche Entwicklungstheorie unter Einschluss der natürlichen Abstammung des Menschen.

Die Arbeit an der „Dialektik der Natur“

Im letzten Viertel des 19. Jahrhundert wurde es für die Ausarbeitung der wissenschaftlichen Weltanschauung und ihre Verbreitung nötig, die sich häufenden Entdeckungen und neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften systematisch zu ordnen, in den Zusammenhang zu stellen und zu verallgemeinern. Am 30. Mai 1873 beschrieb Engels in einem Brief an Karl Marx seine Idee zur Herangehensweise an die Darstellung der „Dialektik der Natur“. Die „Bewegungsformen der Materie“ sollten im Mittelpunkt stehen. Das Echo war positiv. Engels begann mit den Vorarbeiten: Das Studium der wichtigsten Ergebnisse der Naturwissenschaften gehörte ebenso dazu wie deren Geschichte und die der Naturphilosophie, die Beschäftigung mit dem französischen und englischen Materialismus und das erneute kritische Studium der HegeIschen Dialektik.

Engels musste seine Arbeit an der „Dialektik der Natur“ immer wieder unterbrechen. Aber für seine zwischen September 1876 und Juni 1878 entstandene Schrift „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ konnte er das bis dahin gesammelte Material sowie seine in diesem Zusammenhang entwickelten philosophischen Überlegungen nutzen. Die Polemik im „Anti-Dühring“ schlug, wie Engels später selbst feststellte, um „in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung der von Marx und mir vertretenen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung, und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten“.

Die Aufgabe, die sich Engels bei der Arbeit an der „Dialektik der Natur“ gestellt hatte, formulierte er im Vorwort zur zweiten Ausgabe des „Anti-Dühring“ 1886: „Es handelte sich bei dieser meiner Rekapitulation der Mathematik und der Naturwissenschaften selbstredend darum, mich auch im Einzelnen zu überzeugen – woran im allgemeinen kein Zweifel für mich war –, dass in der Natur dieselben dialektischen Bewegungsgesetze im Gewirr der zahllosen Veränderungen sich durchsetzen, die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen“ Und er stellte fest, dass es sich für ihn nicht darum handeln konnte, „die dialektischen Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren, sondern sie in ihr aufzufinden und aus ihr zu entwickeln“.

Sein Werk zur „Dialektik der Natur“ blieb unvollendet. Trotz des fragmentarischen Charakters vieler Notizen geben die Manuskripte einen tiefen Einblick in sein Herangehen und sein dialektisches Verständnis der Naturwissenschaften.

Nach seinem Tod wurde das Gesamtmanuskript an August Bebel und Eduard Bernstein übergeben. Bernstein veröffentlichte nur zwei Teilmanuskripte, „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ und „Die Naturforschung in der Geisterwelt“. Um seine Entscheidung zu rechtfertigen, das Gesamtmanuskript nicht zu veröffentlichen, stützte sich Bernstein auf ein Gutachten, demzufolge das von Engels verwandte naturwissenschaftliche Material teilweise veraltet sei – ein Argument, das nicht falsch war, aber den tatsächlichen theoretischen Gehalt der Engelsschen Untersuchungen sowie das Neue darin missachtete. Einige seiner Darlegungen – zur Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung, zum Verhältnis von Mensch und Natur, den Folgen menschlichen Handelns, haben noch heute theoretische wie praktische Bedeutung, wie seine Überlegungen zum Mensch-Natur-Verhältnis.

Erst zum 30. Todestag von Engels erschien die „Dialektik der Natur“ 1925 in der Sowjetunion in deutscher und russischer Sprache. Damit wurden die gesammelten Manuskripte erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Engels zum Verhältnis von Mensch und Natur

Die Naturauffassung und das Verhältnis von Mensch und Natur gehören zu den alten und wichtigen Themen der Philosophie. Karl Marx und Friedrich Engels kehrten in ihren Arbeiten im Laufe der Jahrzehnte immer wieder zu diesem Thema zurück. Bereits in „Die deutsche Ideologie“ (1845/46) schrieben sie über das Verhältnis von Mensch und Natur unter anderem: „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig.“ An anderer Stelle wurde hervorgehoben, dass alle Geschichtsschreibung von den natürlichen Grundlagen menschlicher Existenz „und ihrer Modifikation im Lauf der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen“ muss.

In der „Dialektik der Natur“ beschrieb Engels dann später in der Einleitung zunächst den Prozess der Entwicklung von Sternen, Sternsystemen und Planeten bis zur Entstehung des Lebens auf der Erde. „Und von den ersten Tieren aus entwickelten sich, wesentlich durch weitere Differenzierung, die zahllosen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten der Tiere, zuletzt die Form, in der das Nervensystem zu seiner vollsten Entwicklung kommt, die der Wirbeltiere, und wieder zuletzt unter diesen das Wirbeltier, in dem die Natur das Bewusstsein ihrer selbst erlangt – der Mensch.“ Die Menschwerdung erfolgt in ständiger Wechselwirkung mit der Natur. „Nur der Mensch hat es (im weiteren Verlauf seiner Entwicklung – NH) fertiggebracht, der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflanzen und Tiere versetzte, sondern auch den Aspekt, das Klima seines Wohnorts, ja die Pflanzen und Tiere selbst so veränderte, dass die Folgen seiner Tätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des Erdballs verschwinden können.“

Und im Manuskript „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ betonte er, das „Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt.“

Im gleichen Manuskript macht er aber auch darauf aufmerksam, dass das menschliche Handeln Folgen hat. Von der bewussten, behutsamen Veränderung der natürlichen Umwelt bis zu ihrer Zerstörung und damit der eigenen Lebensbedingungen. Beispiele dafür gab es genug in der Geschichte – vom Neolithikum bis in die Neuzeit. Friedrich Engels hatte sich während seiner Arbeit an der „Dialektik der Natur“ in diesem Zusammenhang unter anderem mit der Arbeit von Carl Fraas (Botaniker und Agrarwissenschaftler, 1810 – 1870) „Klima und Pflanzenwelt in der Zeit“, beschäftigt. In der Arbeit von Fraas wurden schwerwiegende Folgen der Ausbeutung der Natur durch den Menschen aufgezeigt, unter anderem die Folgen umfassender Waldrodungen in Europa im Mittelalter. Engels notierte unter anderem: „Hauptnachweis dass die Civilisation ein antagonistischer Prozess ist, der in seiner bisherigen Form das Land erschöpft, den Wald verwüstet, den Boden für seine ursprünglichen Produkte unfruchtbar macht & das Klima verschlechtert. Steppenböden & erhöhte Temperaturen & Trockenheit des Klimas seien die Folge der Kultur. In Deutschland & Italien sei es jetzt 5 – 6° R. (gemeint ist offensichtlich die Rankineskala, umgerechnet wären das dann ca. 2,8 bis 3,3° C – NH) wärmer als zur Waldzeit.“

Die Folgen menschlichen Handelns berücksichtigen

Engels warnte vor unbeabsichtigten Folgen menschlichen Handelns: „Wir beherrschen die Natur nicht, sondern wir gehören ihr an, stehen in ihr. Unser Vorzug als Menschen ist nur, dass wir ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden können. Schmeicheln wir uns indes nicht so sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns.“

Spätere Folgen müssen bedacht werden. Zweite, dritte können „ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen“ haben, „die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, dass sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, dass sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. (…) Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk (…) – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“

Er forderte, sowohl die näheren wie die entfernteren „Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur“ zu berücksichtigen. Dass der Mensch jedoch durch sein Handeln nicht nur lokal oder regional die Umwelt zerstört und Einfluss auf das Klima nimmt, sondern wesentlich zu globalen Veränderungen beiträgt, war damals noch nicht absehbar: Es gab zwar in der Forschung jener Zeit Hinweise auf einen Treibhauseffekt und die Rolle des Kohlendioxids in der Atmosphäre, aber menschliche Einflüsse auf das Klima wurden in diesem Zusammenhang erst Ende des 19. Jahrhunderts vermutet. Engels forderte aber auch gesellschaftliche Folgen sowie die „entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen“ zu berücksichtigen. „Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft“, so Engels, „kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, dass die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind (…).“

Wie zu Engels‘ Zeiten sind es jedoch auch heute nicht Unwissenheit, Unbedachtheit oder der wissenschaftlich-technische Fortschritt, der zu gravierenden Folgen für die Natur und den Menschen führt, sondern die Jagd nach Profit – und die Ignoranz gegenüber der Wissenschaft. Seit den 60er/70er Jahren des 20. Jahrhunderts warnen Wissenschaftler vor einer globalen Erwärmung und ihren Folgen. Um etwas grundlegend zu verändern, so Engels in seiner Schrift, gehört aber „mehr als die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung.“

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"„Schmeicheln wir uns indes nicht so sehr
mit unseren Siegen über die Natur“", UZ vom 25. September 2020



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