Jörg Zimmers „Dialektik der Gegenwart“ untersucht das besondere Verhältnis von Politik und Ethik

Marxistische Ethik

Dean Wetzel

Auf dem weiten Parkett der Politik wird kaum noch eine Entscheidung ohne Anrufung von moralischen Werten getroffen. Allgemeinverbindlich sollen sie sein. Aber worin der Unterschied zwischen den neu beschworenen Werten und den altmodischen Interessen bestehen soll, ist nicht leicht zu erkennen. Miteinander verglichen, weisen die behaupteten Werte und die kapitalistischen Interessen der westlichen Staaten auffällige Überschneidungen auf. Wie praktisch für die herrschende Politik – kann sie doch nun unter dem Deckmantel der wertebasierten Politik alle neokolonialistischen und imperialistischen Motive von sich abweisen. Mehr noch: Da ein höheres Gut in Gefahr sei, müsse dieses mit allen Mitteln verteidigt werden. Dass in diesem höheren Gut nicht nur der moralische Begriff des Guten, sondern auch das Gut als Besitz und Eigentum anklingt sowie die zu verteidigenden Güter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, ist dabei kein Zufall. Der Begriff des Werts wird in der kapitalistischen Gegenwart doch fast selbstverständlich mit dem Tauschwert gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, gegen die sich der Philosoph Jörg Zimmer in seinem neuen Buch „Dialektik der Gegenwart“ wehrt. Er zeigt aber auch auf, dass sich hinter dem Begriff des Werts noch eine weitere – zu bewahrende – Bedeutung verbirgt.

Verwunderung als Anfang der Philosophie

Was aus der Perspektive der Kapitalisten als selbstverständlich erscheint, gibt für die arbeitende Bevölkerung doch mindestens Grund zur Verwunderung – womit man als Arbeiter auch schon mit einem Bein in der Philosophie steht. Denn das griechische Wort „thaumázein“, das oft mit dem Ausdruck „Staunen“ übersetzt wird – und nach Aristoteles den Anfang einer jeden Philosophie darstellt –, lässt sich vielleicht besser mit „Verwunderung“ übersetzen. Wer sich nämlich über eine Sache wundert, geht davon aus, diese Sache noch nicht ganz erkannt und verstanden zu haben. Und daraufhin fängt man an, das nur Behauptete – meistens nicht Begründete – zu hinterfragen.

Ein Anfang, den auch Zimmer in seinem Buch nimmt. Er wundert sich über unseren Begriff der Gegenwart und fragt sich, welche Konsequenzen mit diesem alltäglichen Verständnis einhergehen. So betont er, dass das alleinige Verständnis der Gegenwart als eines an sich leeren Übergangspunkts der Vergangenheit in die Zukunft die theoretische Eigenständigkeit der Gegenwart verkennt. Sie müsste weniger als Übergangs-, vielmehr als Ort und Treffpunkt von Vergangenheit und Zukunft verstanden werden – eine Verschiebung der Perspektive, unter der sich auch unser Blick auf Politik und Ethik grundlegend wandelt. Wie in der Philosophie nicht unüblich, braucht es dazu am Anfang die Arbeit am Begriff – die ist meist anstrengend –, bevor sich mit wachsendem Begreifen die Welt „erschließt“.

Neubestimmung der Gegenwart

Zimmer möchte als Schüler von Hans Heinz Holz das Problem der Dialektik der Gegenwart systematisch durcharbeiten. Er beginnt damit, den Begriff der Gegenwart sowie den Begriff der Dialektik zu bestimmen, den er in der Tradition seines Lehrers mit Leibniz und Hegel versteht – wobei es sich nicht um zwei verschiedene Problemstellungen, sondern um einen geteilten Problemkomplex handelt. So betont Zimmer in seinem Begriff der Dialektik neben dem treibenden Element der Prozessualität – das heißt dem Aufein-anderfolgen und Auseinanderfolgen von verschiedenen Momenten, insbesondere die Simultaneität, sprich die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Momente. Daraus folgert er, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht als Getrennte auseinanderfallen, sondern in ihrer differenzierten Einheit gedacht werden müssen. Aus den drei getrennten Formen der Zeit wird somit eine dreieinige Zeit.

Damit zielt Zimmer auf eine Gegenwart, der nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine räumliche Dimension zukommt. Unter Rückgriff auf die von Holz entworfene Widerspiegelungstheorie gelangt er zur Bestimmung des Seins als Gegenwart: In der Metapher der Spiegelung drückt sich für ihn die punktuelle und absolute Präsenz des Seins als ein gegenwärtiges Ganzes aus – ein gegenwärtiges Ganzes, das ebenso geworden wie auch vergänglich ist. Die Gegenwart ist damit nicht mehr nur Moment des zeitlichen Prozesses, sondern Knotenpunkt der Simultaneität von Raum und Zeit.

Ausgehend von dieser Einsicht müssen wir, wie Zimmer vorschlägt, Dialektik und mit ihr auch die Gegenwart als Strukturmodell der Simultaneität verstehen. „Gegenwart wird zum Ort des Umschlagens, die Simultaneität eines gegenwärtig gegebenen Zusammenhangs von Verhältnissen enthält das Moment der Veränderung, und das bedeutet, dass die Kategorie Möglichkeit ins Zentrum dialektischer Theorie rückt.“ Die Gegenwart wird so als Ort der Möglichkeit erkannt – eine Erkenntnis, in der Zimmer auch eine politische Konsequenz sieht, denn der Ort der Möglichkeit rückt damit aus der Zukunft in die Gegenwart. Die Veränderung ist keine kommende, sie besitzt ihren Ausgangspunkt im Hier und Jetzt, womit sich uns eine „Offenheit des Wirklichen“ erschließt und wir einen Blick in den Maschinenraum des Wandels wagen.

Die Priorität des Ethischen

Nach dieser theoretischen Vorarbeit kommt Zimmer zum Ausgangspunkt eines jeden bewussten Weltverhältnisses: dem Menschen. Das Wesen des Menschen lässt sich jedoch nicht so einfach bestimmen und somit wiederum auch nicht sein Weltverhältnis. Denn wie schon Hegel wusste und Marx bekräftigte, ist der Mensch ein historisches Wesen. Genau aus dieser kniffligen Lage heraus muss der Mensch – in der Frage, die er sich selbst ist – eine Haltung zu sich einnehmen. Unmittelbar verbunden mit der Frage „Was ist der Mensch?“ ist auch die nach seinen Lebensverhältnissen, nach dem „guten Leben“.

Die besondere Verfasstheit des Menschen führt hier aber schon zu einem Problem. Als historisches Wesen ist der Mensch niemals „fertig“ und auch das „gute Leben“ kann immer besser sein. Dadurch wird der Mensch immer wieder dazu getrieben, nach historischen Ausdrucksformen seiner selbst zu suchen – Ausdrucksformen, in denen er sich fortwährend unergründlich bleiben muss, weswegen er erneut fortgetrieben wird. Mit Blick auf diese besondere Verfasstheit des Menschen betrachtet Zimmer den Versuch einer rein normativen Theorie der Ethik als fehlgeleitet. Allgemeinverbindliche, für immer geltende Werte kann es nicht geben, wenn sich der Mensch im ständigen Wandel befindet. Normative Ethik täuscht über diese wirkliche Verfasstheit des Menschen als ein grundlegend unverwirklichtes Wesen hinweg.

Begriff der Freiheit

Da Zimmer die Ethik aber nicht einfach verwerfen möchte, sucht er nach einem möglichen Anschluss, den er in der aristotelischen Ethik sieht. In dieser wird das menschliche Handeln von seinem Tätigsein ausgehend und nicht von irgendwelchen abgelösten Ideen verstanden. Die aristotelische Ethik erinnert uns daran, dass der Ausgangspunkt einer jeden Ethik beim Menschen liegt. Das heißt vor allem, sich zu anderen Menschen in ein Verhältnis zu setzen und durch eigene Entscheidungen in diesem Verhältnis zu handeln. Hier kommt der Begriff der Freiheit ins Spiel – und ohne diesen Begriff lässt sich nach Zimmer keine Ethik entwickeln. Dabei darf sie zum einen nicht auf ihre Bestimmung als negative (Freiheit von äußeren Zwängen), andererseits aber auch nicht auf ihre Bestimmung als positive Freiheit (Freiheit als Selbstbestimmung) verkürzt werden. Nur in ihrer dialektischen Einheit kann ein Begriff der konkreten Freiheit entstehen.

Wir müssen jedoch einsehen, dass sich der dialektische Widerspruch innerhalb der konkreten Freiheit und damit auch einer jeden Ethik nicht in einer Sphäre des rein individuellen Handelns auflösen lässt. Er lässt sich nur in einem neuen Widerspruch, dem Widerspruch der politischen Praxis, aufheben. Zimmer spricht daher vom „Primat des Politischen“ und der „Priorität des Ethischen“.

Wessen Werte?

Auch wenn er sich gegen eine rein normative Theorie der Ethik stellt, sieht Zimmer die Notwendigkeit einer dem individuellen Handeln übergeordneten, aber nicht von diesem losgelösten Vermittlungsebene – womit wir auf den Wertbegriff zurückkommen. Denn Werte sind nicht als subjektive (Be-)Wertungen misszuverstehen, sondern sind als intersubjektive Vermittlungsbegriffe anzusehen, in denen sich die Maßstäbe oder auch Ziele der menschlichen Praxis widerspiegeln. In ihnen zeigt sich etwas Gemeinsames, das sich nur in dem Verhältnis der Menschen zueinander herausbildet und nicht von einer höheren, göttlichen Instanz gestiftet wird. Der Wertemonotheismus ist somit nur eine imperialistische Maske, die das Gemeinsame schamlos für kapitalistische und geopolitische Interessen vereinnahmt. Sie hat mit dem Wertbegriff nicht viel mehr als den Namen gemein, weswegen es für Zimmer auch wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass „die vereinfachende Rede von universalen Werten einer Revision bedarf“. Denn Werte bilden weder Subjektives noch Objektives ab, sondern Verhältnisse und sind damit Ausdruck „realer Pluralität“.

Um den Wertbegriff näher zu bestimmen, knüpft Zimmer an Marx’ Unterscheidung von Tauschwert und Gebrauchswert an. Nachdem Marx im „Kapital“ die Möglichkeit eröffnete, die „Grundstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft freizulegen“ und aus dieser anatomischen Untersuchung kategoriale Grundbegriffe herausarbeitete, können wir, nach Zimmer, nun an seine Arbeit anknüpfen und sie für die Entwicklung einer marxistischen Ethik fruchtbar machen. Der Wertbegriff stellt damit das Bindeglied von Politik und Ethik dar.

Das Primat des Politischen

Die Entwicklung einer „Theorie der Bedürfnisse“ stellt das Grundproblem einer jeden systematisch an der Dialektik orientierten politischen Philosophie dar. Aufgabe einer so verstandenen politischen Philosophie ist es, die Bedingung der Möglichkeit der bestimmten Negation der herrschenden Verhältnisse zu untersuchen – die Betonung liegt dabei auf dem Bestimmten dieser Negation. Womit die Erkenntnis einhergeht, dass es sich je nach historischer und gesellschaftlicher Situation um unterschiedliche Bestimmungen dieser Negation handelt.

Mit einem philosophischen Begriff des Politischen – der in der vernünftigen Vermittlung von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem liegt – muss erkannt werden, dass die gesellschaftliche Ordnung sich nicht durch die Vermittlung der Produktion an eine unsichtbare Hand des Marktes herstellen lässt. Mit ihm muss ersichtlich werden, dass nur eine Organisation der Produktion nach „Maßstäben vernünftiger Zwecksetzung“ ihm angemessen ist. Das bedeutet, dass der philosophische Begriff des Politischen an die kritische Reflexion der eigenen Kriterien gebunden ist.

Zimmer schlägt daher vor, Leibniz’ Begriff der Kompossibilität, sprich, der Verträglichkeit von Möglichkeiten, in die Entwicklung einer Theorie der Bedürfnisse miteinzubeziehen. Übertragen auf das Gebiet des Politischen bedeutet das, „in gesellschaftliche Prozesse so einzugreifen, dass bei der Förderung und Behinderung von Kräften und Interessen insgesamt eine Steigerung von Möglichkeiten entsteht“. Der Begriff der Kompossibilität zielt also auf eine maximale Vielfalt von nebeneinander existierenden Möglichkeiten ab – und da der Kapitalismus diesem Prinzip zutiefst zuwiderläuft, ist diese Ordnung für Zimmer nicht länger hinnehmbar.

Eine bestehende Gesellschaftsformation – vornehmlich die des Kapitalismus – ist jedoch nicht dazu angetan, sich von selbst aufzulösen. Um den Kapitalismus niederzuringen, benötigt es einen politischen Begriff der Überwindung – einen Begriff, der nicht am Reißbrett zu entwickeln ist, sondern die Vermittlung von Theorie und Praxis voraussetzt. Wenn Marx in seiner 11. Feuerbachthese schreibt: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern“, zielt er genau auf dieses Verhältnis ab. Denn im originalen Wortlaut befindet sich kein „aber“ – wie es so oft falsch zitiert wird –, sondern nur ein dialektisches Verhältnis.

Jörg Zimmer bietet mit seinem neuen Buch, in dem er unseren Blick auf die Gegenwart lenkt, viele Möglichkeiten, über die Vermittlung von Theorie und Praxis nachzudenken.

Jörg Zimmer
Dialektik der Gegenwart
Grundprobleme ihrer Begründung
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2023, 170 Seiten, 38,00 Euro

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"Marxistische Ethik", UZ vom 22. Dezember 2023



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