Quantencomputer im Dienst von Kapital und Kriegsvorbereitung

Tolle Technik in den falschen Händen

„Heute starten wir die Mission Quantencomputer Made in Germany“, erklärte Anja Karliczek, Ministerin für Bildung und Forschung, kürzlich voll Stolz vor der Presse und gab zwei Milliarden Euro für die Entwicklung dieser Systeme frei. 1,1 Milliarden Euro kommen aus ihrem eigenen Ressort und 878 Millionen Euro stammen aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Diese Steuergelder kommen obendrauf auf die Milliarden, die in den letzten Jahren von der Bundesregierung für die Unterstützung der Digitalisierung, insbesondere von Technologien wie der „Künstlichen Intelligenz“, bereitgestellt wurden.

Was soll hier gefördert werden? Quantencomputer sind eine neue Generation von Rechnern, die bisherige Hochleistungscomputer an Schnelligkeit übertreffen. Das Online-Magazin für Digitaltechnik „t3n“ berichtete über Rechengeschwindigkeiten, die an Utopien grenzen. In der Ausgabe vom 9. Dezember 2020 hieß es: „Im Herbst des vergangenen Jahres hatte Google den Prototypen eines Quantencomputers vorgestellt. Das System Sycamore mit 53 Qubit soll eine Aufgabe in rund 200 Sekunden gelöst haben, für die einer der leistungsstärksten aktuellen Supercomputer 10.000 Jahre gebraucht hätte. Jetzt wollen chinesische Forscher einen Quantencomputer entwickelt haben, der noch einmal zehn Milliarden Mal so schnell wie Googles Sycamore sein soll.“ Was daran Marketing ist und was Realität, lässt sich derzeit nur schwer überprüfen. Tatsache ist, dass mit der Einführung der Algorithmen für „Künstliche Intelligenz“ Rechenleistungen erforderlich sind, die selbst in den riesigen Rechnerfarmen von Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft in den USA oder in Hattersheim bei Frankfurt, wo der weltweit viertgrößte dieser Riesenrechner steht, nicht mehr bereitgestellt werden können.

Wer braucht Quantencomputer?

Doch wer braucht dermaßen leistungsfähige Computer? Die Frage ist schnell beantwortet: zunächst einmal das Kapital. An erster Stelle steht das Finanzkapital, um seine Aktivitäten wie Cum-Ex, Sekundenhandel, Optionsgeschäfte und Wetten beziehungsweise Spekulationen auf das Scheitern von Unternehmen und Staaten noch effizienter betreiben zu können. Ebenso notwendig sind die Supercomputer für die IT-Monopole, um ihre riesigen Datenmengen auszuwerten und die Werbe- und Konsumkampagnen noch zielgenauer auszurichten. Die als Realwirtschaft bezeichnete deutsche Vorzeigeindustrie im Maschinen- und Anlagenbau sowie die Automobilindustrie lechzen ebenfalls nach solchen superschnellen Rechnern. Wer automatisches Fahren als „die Zukunft der individuellen Mobilität“ verwirklichen will, braucht riesige Rechenleistungen über das Internet für die Steuerung der Ströme der Autos. Um diese Fahrzeuge zu steuern, sind unter anderem superschnelle Sensoren erforderlich. Zu den Firmen, die besonders auf die Quantentechnologie setzen, gehört zum Beispiel das in Waldkirch ansässige mittelständische Unternehmen Sick, das zusammen mit einer Tochter des weltbekannten Maschinenbauers Trumpf aus Ditzingen einen Quantenoptik-Sensor für die deutsche Industrie entwickeln will.

Die militärische Bedeutung des Quantencomputers

Untrennbar verbunden mit der Aufrüstung ist die Digitalisierung der Kriegführung, insbesondere in den USA und der EU. Alles, was im zivilen Bereich erforscht wird, wird auch militärisch genutzt. Das wird in aller Öffentlichkeit zugegeben. Im Abschlussbericht der Enquetekommission des Bundestags über „Künstliche Intelligenz und Ethik“ vom Dezember 2020 findet sich folgende Feststellung: Bei der militärisch nutzbaren Forschung habe „sich ein Paradigmenwechsel ergeben in der Hinsicht, dass lange Zeit das Militär technologische Entwicklungen im Bereich KI mit eigenen Mitteln und Einrichtungen angestoßen hat. Wegen der Technologieführerschaft bei KI im zivilen Bereich ist man bei der Entwicklung autonomer Systeme aber dazu übergegangen, zivile Produkte für militärische Zwecke umzubauen, weil dies kostengünstiger und schneller ist als die Entwicklung eigener Technologien.“ Die Bundesregierung will autonome Waffensysteme. Das augenfälligste Beispiel ist das 100 Milliarden Euro teure Projekt FCAS (Future Combat Air System) – ein Kriegsflugzeug, das von einem Schwarm autonomer bewaffneter Drohnen begleitet wird. Die Drohnen koordinieren automatisch ihre Angriffe – und wenn sie einmal den „Marschbefehl“ bekommen haben, kann sie kein Mensch mehr aufhalten. Dafür ist die superschnelle IT notwendig. Das zweite große Anwendungsgebiet der Quantentechnologie widmet sich der Ver- und Entschlüsselung. Auch über diesen Aspekt künftiger Kriegführung wird durchaus öffentlich berichtet – so hieß es am 17. April 2021 im Wissensmagazin des MDR, die Quantenrechner könnten „in der Kryptografie auch aktuelle Verschlüsselungsmethoden knacken oder neue Methoden möglich machen, was ein Grund dafür ist, warum man sich unter anderem bei Militär und Nachrichtendiensten für die Technologie interessiert“.

Warum die Bundesregierung Milliarden ausgibt

Diese Frage wird ebenfalls in aller Öffentlichkeit beantwortet. Es geht darum sicherzustellen, dass sich Deutschland „im Digitalzeitalter behaupten und in der Welt selbstbewusst für unsere Werte und Interessen eintreten kann“, wie es Michael Roth aus dem Außenministerium im Oktober 2020 in einem Artikel der „FAZ“ formulierte. Ziel und Zweck des „selbstbewussten Auftretens“ werden klar benannt: „Europa muss sich entscheiden. Aber eben nicht zwischen Amerika und China, sondern für einen eigenen, einen europäischen Weg.“ Der „Quantencomputer Made in Germany“ ist Teil des Großmachtstrebens des deutschen Imperialismus – wobei die Kriegsoption inbegriffen ist.

Dass Deutschland bei diesen Techniken zurückhängt, wie es von Industrieverbänden und der Mainstream-Presse kolportiert wird, trifft übrigens nicht zu: Am 15. Juni 2021 wurde, wie es in Pressemeldungen hieß, in Ehningen (Baden-Württemberg) „der bislang leistungsstärkste Quantencomputer auf europäischem Boden enthüllt (…) Das von der Fraunhofer-Gesellschaft und dem US-Unternehmen IBM betriebene System ‚IBM Quantum System One‘ wurde erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete den Quantenrechner als ‚glänzendes Aushängeschild‘ für den IT-Standort Deutschland.“


Ein bisschen Technik und Physik
Die Computer, die wir heute kennen, basieren auf der digitalen Technik des binären Bit. Es kann den Wert Null oder Eins annehmen – Zwischenwerte gibt es nicht. Wird ein Bit „gelesen“, ändert sich sein Wert nicht, und wenn ein benachbartes Bit gelesen oder geschrieben wird, ändert sich an dem Wert des Bits ebenfalls nichts. Dies macht die Stabilität und Sicherheit der Bits und Bytes aus. Ein Quantenbit oder Qubit kennt auch Werte zwischen Null und Eins. Die Änderung eines Quantenbits kann in Lichtgeschwindigkeit andere Quantenbits ebenfalls verändern. Damit werden Systeme auf Basis der Quantenbit-Technik um ein Vielfaches schneller als „klassische“ Computer. Im Hintergrund stehen Forschungsergebnisse aus der Quantenphysik. Ein Stichwort hierfür ist die sogenannte Superposition, in der sich Teilchen wie Wellen verhalten. Ein weiterer Aspekt ist die physikalische Erkenntnis, dass man Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig genau kennen kann (Heisenbergsche Unschärferelation).


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"Tolle Technik in den falschen Händen", UZ vom 6. August 2021



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