Der Bildhauer, Maler und Grafiker Alberto Giacometti

Verletzlich, aber unendlich hartnäckig

Bergell ist ein Tal im Südosten der Schweiz. Es ist die Verbindung des Kanton Graubünden mit Norditalien und hat eine bewegte Geschichte: Über Jahrhunderte eine der lebendigsten Schmuggellandschaften der Alpen, ein besonderer Grenzraum. Einmal besucht, wird man das alpine Tal nicht vergessen. Es ist auch untrennbar verbunden mit der Lebensgeschichte des Malers und Künstlers Alberto Giacometti (1901 – 1966), der dort am 10. Oktober vor 125 Jahren geboren wurde. Die Schweizerische Post ehrt ihn mit einer Sonderbriefmarke. Sie zeigt eine seiner 1960 entstanden berühmtesten Skulpturen, den „Homme qui marche“, den sogenannten „wandelnden Mann“. Für Alberto Giacometti war dieses Tal Ursprung, Maßstab, Prüfstein seines künstlerischen Schaffungsprozesses.

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Adolf Hoffmeister,
„Alberto Giacometti“, 1957 (Foto: Adolf Hoffmeister / Wikimedia / CC BY-SA 4.0 / Bearb.: UZ)

In Stampa, einem unscheinbaren Dorf zwischen Granit und Kastanien, steht das Elternhaus Giacomettis. Hier arbeitete sein Vater Giovanni Giacometti, der Maler des Berglichts. Und hier, im Dachatelier, begann Alberto zu zeichnen – zuerst die Brüder, dann die Berge, dann die Welt. Stampa liegt zwischen Vicosoprano und Promontogno, direkt an der alten Talstraße. Das Dorf ist mit dem Museo Ciäsa Granda in Stampa – das kulturhistorische Museum des Bergells mit einer eigenen Giacometti-Abteilung – gewissermaßen ein stilles Zentrum der europäischen Moderne. Nur wenige Minuten entfernt ist das Giacometti-Atelier in Borgonovo ansässig, ein unscheinbarer Ort, an dem Alberto Giacometti arbeitete. Stampa ist heute das Zentrum der Erinnerungskultur an die Familie Giacometti. Als Forschungs- und Vermittlungsort dient das Giacometti-Zentrum. Geleitet wird es von Marco Giacometti: Forscher, Kurator, Autor und Initiator zahlreicher Projekte, die das kulturelle Gedächtnis des Tals sichern. Der Sitz befindet sich im Geburtshaus von Giovanni Giacometti, im ehemaligen Hotel Piz Duan in Stampa. Auch Giacomettis Atelier ist erhalten und kann im Rahmen von Führungen des Centro Giacometti besucht werden.

Die Berge mit ihren scharf geschnittenen Graten prägten Giacomettis Blick. Wer sie ansieht, lernt, dass Form nicht glatt ist, sondern erarbeitet werden muss. Giacometti sagte einmal, er habe im Bergell gelernt, „wie weit ein Mensch entfernt sein kann, selbst wenn er vor einem steht“. Diese Distanz, diese Unschärfe, dieses Schwanken zwischen Nähe und Ferne – sie ist in jeder seiner Figuren eingeschrieben. 1922 kam Giacometti nach Paris. Die Metropole war für rund 42 Jahre sein Lebensmittelpunkt, sein Atelierraum und geistiges Zentrum. Giacometti hatte sich in Paris in die politischen und intellektuellen Netzwerke der kommunistischen und surrealistischen Szene eingefügt. Seine Beziehungen zu Künstlern wie Louis Aragon und André Breton prägten sein Selbstverständnis als ein unabhängiger, aber engagierter Mitstreiter. Er galt als „Compagnon de route“, ein respektierter Sympathisant, der die Ziele der Kommunisten Partei unterstützte, ohne sich organisatorisch an sie zu binden. Der kommunistische Dichter Aragon war einer seiner engsten Freunde. Er schrieb 1948 den berühmten Essay „Giacometti“, eine poetische Hommage an ihn. Er nannte ihn den „Bildhauer der inneren Entfernung“ – ein Künstler, der Menschen so darstellt, wie man sie in der Ferne eines Passes sieht: klein, verletzlich, aber unendlich hartnäckig. Für Aragon war Giacometti ein Mann, der „aus einem Tal kommt, in dem die Menschen gegen die Elemente leben“. Das Bergell sei für ihn wie ein mythischer Ursprung – ein Raum, in dem Kunst und Überleben ineinander übergehen, erschienen. Obwohl er in Paris lebte, kehrte Giacometti immer wieder ins Bergell zurück.

Nicht aus Nostalgie, sondern aus Notwendigkeit. Hier war der Ursprung seiner Wahrnehmung – und der Prüfstein seiner Kunst. Seine letzten Sommer verbrachte er wieder im Tal. Er zeichnete, sprach wenig, sah viel. Das Bergell blieb sein innerer Maßstab. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof von Borgonovo.

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"Verletzlich, aber unendlich hartnäckig", UZ vom 9. Oktober 2026



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