Der Regierende Bürgermeister von Berlin erhält vom Kanzler gute Noten

Wegner wird geholfen

Kolumne

Kai Wegner hatte in der vergangenen Woche zwei Blackouts zu bewältigen. Den tagelangen Stromausfall für anfangs rund 45.000 Haushalte im Südwesten Berlins und den eigenen: Nach einigen Stunden Telefonierens am Vormittag des 3. Januar war der Mann so fertig, dass er nach eigener Aussage beim Tennisspielen ab 13 Uhr „den Kopf frei“ bekommen musste. Das gelang so gut, dass er sich zunächst bei Fragen nach seiner Abwesenheit im Amtssitz oder gar bei betroffenen Bürgern nicht an Tennis erinnern konnte – wie Olaf Scholz nicht an Bankertreffen. Immerhin war, so der „Tagesspiegel“, um 12.46 Uhr gemeldet worden, „dass ein Zeitpunkt für die Wiederversorgung derzeit noch nicht genannt werden“ könne. Die Dimension des Schadens und der Folgen für Arme, Kranke, Ältere und Kinder waren also absehbar.

Die Bürgermedien interessierte das wenig, sie machten den Horror „Linksextremismus“ und „Linksterrorismus“ zum Thema. Der „Tagesspiegel“ ging zum Beispiel in die Operation „Hilfe für für Wegner“ mit der Meldung „aus dem Umfeld“ des Regierenden Bürgermeisters, der habe schon am Vormittag des Anschlagtages erkannt, dass Stadtbezirk und Land Unterstützung bräuchten. Am Abend habe er die Ausrufung einer Großschadenslage verlangt, um Hilfe von außen anfordern zu können, aber das könne laut Katastrophenschutzgesetz nur die Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Was die erst 24 Stunden später tat, weil – so deren „Umfeld“ – Zeit benötigt wurde, um alles dafür vorzubereiten. Wegner und Spranger sind Opfer böswilliger Berichterstattung.

Arnold Schoelzel 1 - Wegner wird geholfen - Berlin, Friedrich Merz, Kai Wegner, Staatshilfe, Stromausfall - Positionen
Arnold Schölzel

Beim Besuch einer Notunterkunft am Sonntagmorgen trafen Wegner und Spranger daher auf wütende Fragen von dadurch irregeleiteten Menschen, dokumentiert in Videos: „Wieso schläft so ein Mann die ganze Nacht in der Halle?“ – ein Rollstuhlfahrer mit Pflegegrad 5. Jemand sorgt sich um seine 98-jährige Mutter: „Sie hat Pflegegrad 4. Warum muss sie auf einem Feldbett liegen?“ Besserverdienende, die es in Zehlendorf häufiger gibt als anderswo in Berlin, kündigten im Video zugleich an: Wir gehen ins Hotel. Denen, die in Notunterkünften oder kalten Wohnungen blieben, half der „Bürgersinn“ („Tagesspiegel“). Denn die Solidarität der Nachbarn war groß. Bis zur Rückkehr des Stroms am Mittwoch folgen die Behörden dem Senatschef: Nichts oder nicht zu viel sagen.

Am Donnerstag gab Kanzler Friedrich Merz eine gute Kopfnote dafür: „In den Abläufen ist nichts zu kritisieren.“ Bei so viel Lob hatte Wegner keinen Grund, sich für was auch immer zu entschuldigen. In „Bild am Sonntag“ gab Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) dem Ganzen schließlich seinen Sinn: „Wir schlagen zurück – und überlassen den Linksextremisten und Klimaextremisten nicht das Feld“, und zog ein „Maßnahmepaket“ für Dienste und Polizei hervor: „mehr Personal, mehr digitale Befugnisse und härtere Infrastrukturschutzgesetze“. Anschließend flog er nach Israel und unterzeichnete mit dem steckbrieflich gesuchten Staatsterroristen Benjamin Netanjahu ein „Sicherheitspaket“ zur Terrorismusbekämpfung.

Zusammengefasst: Brandanschlag und Stromausfall offenbaren bei vermeintlichen Brandstiftern, Senat und Bürgermedien den gleichen Klassenstandpunkt: Eure Armut kotzt uns an, seht zu, wie ihr ohne Strom bei Minusgraden auskommt. Denn die angeblichen Erklärungen der „Vulkan“-Gruppe enthalten nützliche Idiotie: „Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen für Teile der Bevölkerung hätten wir diese Aktion in eine warme Jahreszeit verlegt.“ Zu den „toten Villen“, von denen schwadroniert wird, gehören auch das Haus der Wannsee-Konferenz, auf der 1942 die Vernichtung der Juden Europas koordiniert wurde, und die Villa Liebermann, deren Gemäldesammlung durch die Kälte in Gefahr geriet. Die „Vulkan“-„Feinde“ helfen, dass Wegner bei den Abgeordnetenhauswahlen am 20. September trotz allem gut abschneidet.

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"Wegner wird geholfen", UZ vom 16. Januar 2026



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