In „Die Kordillere der Träume“ wagt Patricio Guzmán eine Annäherung an seine verlorene Heimat

Wenn der Stein sprechen könnte

Nach der Atacama-Wüste in „Nostalgie des Lichts“ und dem Pazifischen Ozean in „Der Perlmuttknopf“ steht das Hochgebirge der Anden, die Kordillere, im Mittelpunkt des letzten Teils der Trilogie von Patricio Guzmán, in der er sich das zweite Mal mit Chile beschäftigt. 2019 gewann der Film den L’Œil d’or für den besten Dokumentarfilm bei den Filmfestspielen von Cannes.

Seinen erster Dreiteiler über Chile, „La Batalla de Chile“ (Die Schlacht um Chile), hat Guzmán 1973 mit Anfang 30 aus Chile retten können. Zuvor war er 15 Tage lang im Stadion von Santiago de Chile gefangen gehalten worden, am 11. September hatten die Putschisten um Pinochet, angeleitet von der CIA, die Regierung der Unidad Popular gestürzt. Hunderte wurden schon am ersten Tag ermordet, Tausende verhaftet, unzählige verschwanden spurlos. Patricio Guzmán lebt bis heute im Exil in Paris. Chile hat ihn nie losgelassen.

Zu Beginn des Films fliegt die Kamera über die schneebedeckten Kordillere, aus dem Off spricht Guzmán darüber, dass sie ihn an das Chile seiner Kindheit erinnern. „Ich erkenne meine Stadt (Santiago de Chile) nicht wieder.“ Guzmán versucht, sich über die Berge als Eingangstor das heutige Chile zu erschließen.

Durch die Anden nähert sich Guzmán dem Putsch und den Auswirkungen der Militärdiktatur auf das heutige Chile. „Der Putsch war das stärkste Erdbeben und hat unser Leben für immer verändert.“ Der Filmemacher führt Gespräche mit Bildhauern, die mit dem Stein aus den Kordilleren arbeiten, mit einem Vulkanologen, der Sängerin Xaviera Parra (Enkelin der unvergessenen Violeta) und dem Schriftsteller Jorge Baradit. Und er spricht mit Pablo Salas. Der ist nach dem Putsch in Chile geblieben, wurde Anfang der 80er Jahre zum filmischen Chronisten der Schrecken der Diktatur. Auf seine Aufnahmen greift Guzmán zurück, um zu zeigen, wie die Junta auch nach dem Putsch weiter wütete: auf friedlich demonstrierende Frauen einprügelnde Polizisten, Niederschlagung von Protest mit Wasserwerfern und Tränengas, Massenverhaftungen und das zu einem Konzentrationslager umgewandelte Stadion von Santiago. Salas filmte, um den Chileninnen und Chilenen das Gesicht der Diktatur zu zeigen, heute hat er ein riesiges Archiv, um die Gräuel des Putsches nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gegen dieses Vergessen ist „Die Kordillere der Träume“ ein Plädoyer.

Die Pflastersteine in Chiles Hauptstadt sind aus dem Stein der Anden gehauen. Heute sind zwischen ihnen kleine Tafeln mit den Namen der Opfer der Diktatur eingelassen. Von den in Guzmáns Film zu sehenden Tafeln ist eine einem gerade mal 16-Jährigen gewidmet. „Wenn die Pflastersteine sprechen könnten, würden sie vom Blut erzählen, das über sie geronnen ist“, so Guzmán aus dem Off.

Ist im heutigen Chile die Diktatur vergessen? Leider allzu oft, versteckt hinter den Lügen der Täter. Aber sie prägt die chilenische Gesellschaft. Es ist ihr gelungen, die Errungenschaften der Regierung Allende auszurotten. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher. Das Kupfer, Bodenschatz Nummer 1, gehört schon lange nicht mehr den Chileninnen und Chilenen. Für Filmemacher Pablo Salas ist klar:„Die Militärs haben uns reingelegt, bis heute ist der Putsch erfolgreich.“

Die „Chicago Boys“ haben ihr Ziel erreicht, Chile gehört dem Neoliberalismus. Hätte Guzmán seinen Film ein wenig später fertig gestellt, hätten die Proteste des letzten Jahres, in denen vor allem junge Menschen dagegen auf die Straße gingen, noch Einlass in den Film finden können. Dann hätte er hoffnungsvoller geendet.

„Die Kordillere der Träume“ („La cordillera de los sueños“), Regie: Patricio Guzmán, Chile/Frankreich 2019, 85 Minuten, aktuell im Kino

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"Wenn der Stein sprechen könnte", UZ vom 24. Juli 2020



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