Kolumne von Henning von Stoltzenberg

Auftritts- und Liederverbote

Die Repression gegen „Grup Yorum“ betrifft uns alle. Grup Yorum existiert bereits seit 1985 und ist unzählige Male auch in der BRD aufgetreten. Die antifaschistische und antiimperialistische Musikband ist ein großes Kollektiv, welches nicht ausschließlich aus festen Mitgliedern besteht, sondern aus zahlreichen Musikerinnen und Musikern, die in verschiedenen Formationen auftreten und die lange Tradition der revolutionären Lieder fortführen. Grup Yorum ist überall anzutreffen, wo soziale Bewegungen für ihre Forderungen kämpfen. Sei es bei einem Streik in der Türkei, Protesten gegen die Kriegspolitik des Erdogan-Regimes, auf dem UZ-Pressefest oder einer antifaschistischen Bündnisdemonstration in Dortmund.

In der Türkei werden die Bandmitglieder seit langem verfolgt und immer wieder inhaftiert. Der Grund dafür ist denkbar einfach. Musik bewegt die Massen und transportiert politische Forderungen, die sich gegen die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung wenden. Grup Yorum hat sich über die Jahrzehnte weder brechen noch verbiegen lassen. Das langfristige Ziel der Musikerinnen und Musiker ist nicht weniger als eine sozialistische Türkei. Dass eine so klare Ausrichtung weder Erdogan und seiner Clique noch den vielen vorherigen autoritären bis faschistoiden Regierungen in der Türkei nicht passt, ist völlig klar.

Aktuell sind zahlreiche Bandmitglieder eingesperrt und die Band darf in der Türkei offiziell nicht mehr auftreten. Gegen diese Repression sind zwei der Mitglieder in einen unbefristeten Hungerstreik getreten und drohen, im Todesfasten ihr Leben zu verlieren, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Na klar, werden jetzt einige sagen, die Türkei ist auf dem Weg in die Diktatur. Es ist zwar zu verurteilen, aber nicht verwunderlich, dass Linke dort nicht mehr auftreten dürfen. Was allerdings viele nicht wissen, ist die Tatsache, dass Grup Yorum auch in Deutschland nicht mehr auftreten können soll. In einem Runderlass des Bundesinnenministeriums wurden die Behörden schon vor Jahren angewiesen, Konzerte zu unterbinden. Seit 2015 wird das jährliche Großkonzert unter dem Motto „Ein Herz und eine Stimme gegen Rassismus“ massiv behindert.

Erstmalig verhindert haben die Behörden ein Konzert allerdings vor einiger Zeit in Köln. Dem vorausgegangen waren Auflagen, bestimmte Lieder nicht zu spielen und ähnliche Absurditäten. Begründet wird dies – übrigens genau wie in der Türkei bei allen Oppositionellen üblich – mit dem Verdacht der Verbindung oder Unterstützung einer „terroristischen Organisation“. Real wird aber einfach einer linken Band verboten, aufzutreten. Und das muss uns alle auf den Plan rufen. Es geht noch nicht einmal darum, ob die konkreten Inhalte zu hundert Prozent unterstützt werden. Es reicht der Fakt, dass Linken verboten wird, ihre Lieder zu spielen, damit wir alle steil gehen und dagegen protestieren müssen. Ja, wir müssen! Denn es braucht eigentlich nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Entwicklung diese Form der Repression nehmen kann. Wen wird es als nächsten treffen? Vielleicht eine der altehrwürdigen Punk-Bands oder Roten Rap, der zur Revolution aufruft? Der Angriff auf Grup Yorum ist im Wortsinn ein Angriff auf uns alle und darüber hinaus auf die Freiheit der Kunst.

Bandmitglieder hier in Deutschland haben jetzt die Kampagne „Lieder kennen keine Verbote“ ins Leben gerufen. Sie braucht Unterstützung, damit sie Kraft entfalten kann und die Auftrittsverbote zurückgenommen werden. Ob das gelingt, liegt auch an uns.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Auftritts- und Liederverbote", UZ vom 21. Februar 2020



Bitte beweisen Sie ein Mensch zu sein und wählen Sie den Baum aus.

Vorherige

Zwei Krisen, zwei Systeme

Abgewandert

Nächste