Die Hauptstadt setzt auf Kriegswirtschaft – und will Ostdeutschland mitziehen

Berlin – Stadt des Krieges?

Vor gut zwei Wochen verkündeten die Berliner Senatsverwaltung und der regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zusammen mit der Industrie- und Handelskammer Berlin den Start der Initiative „Tech Hub SVI Ost“. Hinter dem skurrilen Kürzel steckt der Aufbau eines Netzwerks (Hub) für die sogenannte Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI). Der Berliner Klüngel aus Politik und Wirtschaft setzt vor allem auf die sogenannte DefTech-Industrie – erprobt auf den Schlachtfeldern des Ukraine-Kriegs.

Die relativ neuen Akteure der DefTech-Industrie haben sich mit Drohnen, Sensorik, Robotik und vermeintlicher Künstlicher Intelligenz zu ernstzunehmenden Playern der Kriegsindustrie gemausert. Namen wie Hensoldt und Quantum Systems gelten bereits als „Einhörner“ mit einem Unternehmenswert von über einer Milliarde Euro. Andere Start-ups wie Stark Defence, Arx Robotix oder German Drones sind auf dem Weg dorthin und haben zum Teil eigene Werke in der Nähe der ukrainischen Schützengräben aufgebaut.

Bislang werden die meisten Start-up-Erfolge im Großraum München und am Bodensee gefeiert. Dort wird das Zusammenspiel von Politik, Bundeswehr, traditioneller Industrie und eben jener Def-Tech-Start-up-Szene seit Jahren gefördert. Auch im Norden, in Kiel, wo die maritime Rüstungsindustrie beheimatet ist, wurde im September ein „Tech Hub SVI Nord“ eingeweiht.

Mit dem Start der Initiative „Tech Hub SVI Ost“ versuchen sich auch der Berliner Senat und die Berliner Wirtschaft auf diesem Markt zu positionieren. Die Hauptstadt hat gute Aussichten, erfolgreich zu sein. Ein Beleg dafür ist ein vergangene Woche veröffentlichtes Positionspapier der IHK Berlin, das sie gemeinsam mit Kai Wegner vorstellte. Das 18-seitige Dokument „Innovativ.Vernetzt.Verantwortungsvoll – Berlins Beitrag zu mehr Resilienz und Verteidigungsfähigkeit“ hat damit durchaus den Charakter eines offiziellen Dokuments und soll Fahrplan für die künftige Berliner Politik sein.

Die Hauptstadt erfülle aussichtsreiche Alleinstellungsmerkmale: Genannt werden unter anderem die Nähe zum Nationalen Sicherheitsrat, zu Bundesbehörden und ausländischen Botschaften – ebenso wie zu bestehenden starken Forschungs- und Start-up-Ökosystemen in Schlüsseltechnologien wie Luft- und Raumfahrt. Berlin hat eine ganze Bandbreite an Start-up-Initiativen gefördert. Zu nennen sind „Gaming Hub“, „Social Hub“, „DeepTech Hub“ oder „Gov Tech“. 2025 floß ein Drittel aller deutschen Start-up-Finanzierungen in die Hauptstadt, die damit bundesweit führend ist. Allerdings sei bisher nur ein Bruchteil aus dem Bereich „Def-Tech“-Start-ups, wie das Branchenmagazin „Business Punk“ schreibt.

Damit Berlin künftig „eine führende Rolle im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie“ spielt, soll vor allem die sogenannte Dual-Use-Ausrichtung in den Vordergrund gerückt werden. Gemeint sind damit vor allem die bislang eher zivil ausgerichteten Berliner Hochschulen, wie die Technische Universität Berlin (TU), die nach 1945 die erste Zivilklausel in ihrer Grundordnung verankert hat. Dass diese Selbstverpflichtungen von Universitäten durchaus selbstbewusst umgangen werden, zeigt das Beispiel eines Forschungsprojektes an der TU. Anfang 2025 wurde durch Recherchen von Studenten bekannt, dass Thyssen­krupp Marine Systems gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität an militärisch nutzbaren unbemannten Unterwassersystemen arbeitete.

Mit der Platzierung von Technologieparks für privatwirtschaftliche Unternehmen und Forschungseinrichtungen in unmittelbarer Nähe zu Universitäten, wie beispielsweise in Berlin Adlershof, wird der Zugriff auf öffentlich finanzierte Forschung und ihr Personal in sogenannten „Synergien“ seit etlichen Jahren gewährleistet. Unter den Akteuren im Technologiepark Adlershof finden sich zahlreiche außeruniversitäre Institute und Unternehmen, die teils personelle als auch institutionelle Verbindungen zur angrenzenden Humboldt-Universität pflegen. Dazu gehören zum Beispiel das rüstungsversierte Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum und das Ferdinand-Braun-Institut, die in den Bereichen der Raketenforschung, Satellitenkommunikation, Laser- und Radartechnik forschen und entwickeln. Mit „Tech Hub SVI Ost“ werden solche Verbindungen schwerpunktmäßig in die Förderpraxis für Forschung und Entwicklung gesetzt. Die Forschungslandschaft wird nachhaltig ins Militärische verschoben.

Der Umbau Berlins zur europäischen Rüstungsmetropole geht dabei deutlich über die Stadtgrenzen hinaus: Laut IHK-Papier soll Berlin Zentrum für den umfassenden Umbau des gesamten Ostens sein. Dafür sei eine enge, länderübergreifende Zusammenarbeit mit Brandenburg und den ostdeutschen Bundesländern entscheidend. Der Berliner Senat müsse „signifikante Strukturen, Zuständigkeiten und eigene Ressourcen bereitstellen, um eine glaubwürdige Vorreiterrolle einnehmen zu können“.

Ostdeutschland hat historisch bedingt keine nennenswerten Rüstungsstrukturen und steht in der Konkurrenz um die Rüstungsmilliarden noch hinten an. Der Anteil an Zuliefererbetrieben für die Rüstungsindustrie liegt laut IHK Berlin im Osten unter 10 Prozent – das biete aber auch Chancen. So haben die IHK in Potsdam und die Wirtschaftsförderung Brandenburg zum „Dialogforum“ zwischen Mittelständlern aus der Region und der großen Rüstungsindustrie eingeladen. Auf dem Treffen hatten Mittelständler der Region Anfang März die Gelegenheit, Kontakte mit führenden Rüstungsherstellern wie Rheinmetall, Rolls-Royce, Diehl oder Airbus zu knüpfen. Ähnliche Initiativen sind im gesamten Osten zu beobachten. Das prominente Beispiel in Brandenburg an der Havel, wo Heidelberger Druck in einem Joint Venture mit einem US-israelischen Rüstungskonzern künftig Drohnenabfangsysteme produziert, gibt einen ersten Vorgeschmack.

Die Initiative „Tech Hub SVI Ost“ ist der Versuch, Ostdeutschland in die Kriegswirtschaft einzubeziehen. Berlin als das Zentrum für Politik, Kapital, Forschung und Entwicklung der Technologien – das Umland, wo die Technologie des Todes in großen Mengen zu Niedriglohn produziert wird. So ließe sich das Vorhaben der Kriegstreiber aus Politik und Wirtschaft in Berlin zusammenfassen. Dagegen regt sich Protest, gerade im Osten. Beim letzten Schulstreik gegen Wehrpflicht trugen Schülerinnen und Schüler aus Ostberlin ein großes Transparent „Der Osten verweigert!“. Eine Parole, die breit und laut vorgetragen werden sollte, denn noch existieren die Pläne größtenteils nur auf dem Papier.

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Berlin – Stadt des Krieges?", UZ vom 8. Mai 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol LKW.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit