Die Netflix-Serie „Last Kingdom“ nimmt die Fakten nicht allzu ernst

Coole Wikinger

Von Christoph Hentschel

Seit 2013 läuft die Serie „Vikings“, seitdem sind Wikinger in. 2015 zog der Internet-Streaming-Dienst „Netflix“ mit der Serie „Last Kingdom“ nach. Seit Kurzem kann man die 3. Staffel der Serie anschauen. Der fiktive angelsächsische Adlige „Uhtred von Bebbanburg“ kämpft an der Seite des Königs „Alfred von Wessex“ gegen die Wikinger im England des 9. Jahrhunderts, das nach dem Ende der römischen Herrschaft in zahllose Kleinkönigtümer zerfallen ist. Wie auch Vikings hält sich Last Kingdom nur sehr vage an historisch verbriefte Fakten. Viel mehr, als dass Alfred ab 871 König der West-Sachsen (Wessex) war und, bevor er 899 starb, es schaffte, sein Königreich vor dem Ansturm der Nordmänner aus dem heutigen Dänemark und Norwegen zu sichern, kann man nicht als „historisches Wissen“ aus der Serie ziehen.

Aber nicht nur bei den historischen Ereignissen gehen die Macher der Serie recht freimütig mit belegbaren Fakten um. Auch das Bild des frühmittelalterlichen Englands ist mit viel Phantasie erschaffen worden. Hingewiesen sei auf fünf von vielen Anachronismen.

In der Serie sind viele Wikinger tätowiert, oft auch im Gesicht. Der einzige bekannte Hinweis auf „Tätowierungen“ – vielmehr Bemalungen – stammt aus dem 10. Jahrhundert u.  Z. vom Ahmad ibn Fadlan. Dieser berichtet über seine Reise in der Gesandtschaft des Kalifen von Bagdad zu den Wolgabulgaren im heutigen Russland. In einer Textstelle trifft er im Jahr 922 u.  Z. am Ufer der Wolga auf die „Waräger“ (skandinavische Händler und Krieger). Je nach Lesart haben diese Bemalungen auf ihrem Körper oder auf den Scheiden ihrer Schwerter.

Wikinger sind dreckig und haben zottelige Haare. Die Menschen in Mittel- und Nordeuropa wuschen sich. Schon Julius Cäsar war überrascht, welch großen Anklang die römischen Thermen (Badehäuser) bei den barbarischen Germanen hatten. Besonders beliebt war das Baden in warmem Wasser, was bis dahin bei den Römern immer als Zeichen für Zivilisation galt. In Wikingergräbern sind Kämme aller Art eine häufige Beigabe und weisen darauf hin, dass die Pflege der Haare eine große Rolle spielte. Nicht umsonst, denn Waschen und Kämmen behütete einen vor allerlei Krankheiten und Parasiten.

Wikinger sind in Leder gekleidet und mit Fellen behängt. Spätestens seit dem Beginn der Bronzezeit vor rund 5 000 Jahren etablierte sich in Europa – auch bei den Vorfahren der Wikinger – Kleidung aus Schafwolle und Pflanzenfasern, allen voran aus Flachs und Hanf. Leder trugen nur noch manche Handwerker während der Arbeit. Pelz wurde ausschließlich im Winter getragen, aber zu Mänteln genäht und fein verarbeitet.

Wikinger kämpfen mit Helmen auf dem Kopf und Lederschienen an den Armen. Helme sind in Wikingergräbern eine Rarität. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Rundschilde um einiges größer waren als in der Serie gezeigt. Der Durchmesser eines Schildes betrugt zwischen 70 und 100 Zentimeter und verdeckte den Großteil des Kämpfers. Dieser verwendete sein Schwert, um Hiebe auf den Schild des Gegners zu geben und dann den Kombattanten zu erstechen. Der Kampf Schwert gegen Schwert war nicht gewollt, da dies die Klinge beschädigte. Lederne Armschienen werden gerne in Historienfilmen als martialisch aussehendes Accessoire eingesetzt, waren aber weder in der Antike noch im Mittelalter bekannt.

Wikinger reiten auf großen, stattlichen Pferden. Anders als in der Serie gezeigt, ritten Wikinger nicht auf Kaltblütern oder großen Warmblütern. Sie ritten auf kleinen, drahtigen Pferden. Die letzten Nachfahren dieser Pferde sind die Island-Pferde. Große Pferde, die man später als Arbeitspferde züchtete, gab es während der Wikingerzeit nicht. Auch wurden Pferde – anders als in der Serie gezeigt – nicht zum Ziehen von Karren verwendet. Bis in die Neuzeit wurden dazu hauptsächlich Ochsen verwendet.

Die Aufzählung ließe sich noch lange weiter führen. Auch wenn „Last Kingdom“ eine unterhaltsame Serie ist, beeinflussen „historische“ Serien und Filme unser Bild von der Vergangenheit und somit auch von der Gegenwart und schließlich von unserer Zukunft.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Coole Wikinger", UZ vom 4. Januar 2019



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