Mark Carney macht ernst. US-Präsident Donald Trump hat am 22. August neue Willkürzölle in Höhe von 50 Prozent auf Einfuhren aus Kanada im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar in Kraft gesetzt. Kanadas Ministerpräsident tut nun, was er zuvor angekündigt hat: Anfang vergangener Woche verhängte er seinerseits Zölle in Höhe von 50 Prozent auf Einfuhren aus den USA im Wert von ebenfalls rund 20 Milliarden US-Dollar; sie sollen ab dem kommenden Dienstag erhoben werden. Andere haben in ähnlicher Lage nachgegeben, so zum Beispiel die EU, die im Sommer 2025 meinte, ihre Wirtschaft werde am wenigsten Schaden nehmen, wenn man Trumps wüste Forderungen für den bilateralen Handel stoisch erfülle. Das ist nicht eingetreten; Washington hat das Einknicken der EU-Kommission quittiert, indem es einseitig weitere Zölle erhob. Carney hat daraus die Konsequenzen gezogen: Er widersetzt sich den USA. Und dies, obwohl deren Präsident inzwischen droht, ab dem 1. Januar noch mehr Zölle auf Lieferungen aus Kanada zu kassieren.
Woran die Verhandlungen zwischen Washington und Ottawa über eine neue Vereinbarung zum bilateralen Handel letztlich gescheitert sind, die bis zum 21. August eigentlich auf dem besten Wege zu sein schienen, ist bis heute nicht ganz klar. Das „Wall Street Journal“ wollte erfahren haben, dass zum einen die US-Stahl- und die Kfz-Branche kurz vor Schluss neue Forderungen erhoben und dass zum anderen Trump Grenzen für Kanadas Handelsabkommen mit Drittstaaten erzwingen wollte – und damit eine offene Beschränkung der kanadischen Souveränität. Ex-Weltbank-Präsident Robert Zoellick mutmaßte in einem Meinungsbeitrag in der „Financial Times“, Washington gehe es darum, die Weiterverarbeitung von Aluminium zurück in die USA zu holen und außerdem die US-amerikanisch-kanadische Arbeitsteilung in der Automobilindustrie zu beenden; es solle vor allem die Produktion von Autoteilen und von Pick-ups in die USA gebracht werden. Gut möglich, dass all die genannten Gründe zutreffen, sie widersprechen sich jedenfalls nicht.
Dass Carney sich die Gegenzölle politisch leisten konnte, ist bemerkenswert. Denn eines ist klar: Sie werden nicht bloß die US-amerikanische, sondern auch die kanadische Bevölkerung treffen, die auf Einfuhren aus den USA, die sich nicht ersetzen lassen, künftig höhere Zölle zahlen muss als bisher. Allerdings dominiert in Kanada zur Zeit die Wut über die Trump’sche Aggressionspolitik und die mehrfach wiederholten Annexionsdrohungen, die in der Bevölkerung ganz schlecht ankommen. Zwar machen sich laut einer Umfrage 89 Prozent der Kanadier Sorgen über negative Auswirkungen des Zollkriegs. Aber zugleich sind 76 Prozent überzeugt, der Abbruch der Zollverhandlungen mit den USA am 21. August sei der richtige Schritt gewesen. 64 Prozent vertreten die Ansicht, ihr Land werde auf lange Sicht gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen. Die Verschiebung der Handelsströme weg von den USA, hin zu anderen Ländern von Europa bis China hat bereits begonnen, und sie dürfte noch längst nicht an ihr Ende gekommen sein.
All dies erlaubt es Carney, sich weiterhin als eine Art Führungsgestalt im Westen beim Widerstand gegen die Trump’schen Zumutungen hervorzutun. Schon beim World Economic Forum im Januar in Davos hatte er erklärt, wenn gewisse Staaten das eigene Land per Wirtschaftskrieg zu unterwerfen suchten, dann müsse man eben mit anderen kooperieren und sich um eine „größere strategische Autonomie“ bemühen. Diesem Kurs suchen sich weitere westliche Staaten inzwischen anzuschließen. Kanadas Aussichten sind keineswegs schlecht – zumal die Trump-Regierung sich in die Enge manövriert zu haben scheint. Bereits den Wirtschaftskrieg gegen China konnte sie nicht gewinnen. Jetzt hat sie im Iran-Krieg eine klare Schlappe hinnehmen müssen. Dass sie ein gemeinsames Manöver mit Südkorea kurzfristig mit der Begründung absagte, sie benötige alle Kräfte im Nahen Osten für den Krieg gegen Iran, war für alle, die sich bislang auf die militärische Stärke der USA verließen, ein Schlag ins Kontor. Sobald der Gegner schwächelt, geht man in die Offensive: Dies hat Carney völlig richtig erkannt.








