Er galt weltweit als Symbol der Immobilienkrise, in die China im Jahr 2021 schlitterte: der Immobilienkonzern Evergrande, 1996 gegründet, der im Lauf der Jahre zu einem der größten Unternehmen der Branche in der Volksrepublik und einer der wertvollsten Immobilienfirmen überhaupt aufstieg. Evergrande baute rasant, boomte, erwirtschaftete glänzende Profite, bis der Konzern im Jahr 2021 schließlich unter einem irren Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden US-Dollar kollabierte. Der Auslöser: Die Regierung hatte im Jahr 2020 begonnen, die dubios agierende Immobilienbranche mit neuen Regeln für die Kreditvergabe stärker an die Kandare zu nehmen; Präsident Xi Jinping hatte die Parole ausgegeben: „Häuser sind zum Wohnen da, nicht zur Spekulation“. Die strikten Vorgaben warfen Evergrande aus der Bahn; das Unternehmen, das seinen steilen Aufstieg mit – vorsichtig formuliert – windigen Methoden erreicht hatte, brach zusammen und wurde abgewickelt.
Wie der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 die globale Finanzkrise entfachte, so entzündete nun der Evergrande-Zusammenbruch Chinas große Immobilienkrise, die bis heute ernste Folgen für das Land und die Bevölkerung hat. Ein Beispiel: Die stark gesunkenen Immobilienpreise sind ein Problem für zahlreiche Chinesen, die ihr Erspartes für ihre Zeit in der Rente in Wohnungen angelegt haben. Die Verantwortlichen wurden jetzt zur Rechenschaft gezogen, allen voran der Evergrande-Gründer und -Chef Xu Jiayin. Xu war Hauptprofiteur des Aufstiegs seines Konzerns: Noch im Jahr 2020 brachte er es auf der Forbes-Rangliste der reichsten Chinesen mit einem Vermögen von rund 21,8 Milliarden US-Dollar auf Platz drei. In der vergangenen Woche wurde er vom Mittleren Volksgericht in der High-Tech-Metropole Shenzhen unter anderem wegen Betrugs, Veruntreuung und Bestechung zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem wurden ihm, auch das lebenslänglich, die politischen Rechte entzogen; sein gesamtes privates Vermögen wird beschlagnahmt.
Und nicht nur das. Insgesamt wurden 56 Personen, die bei Evergrande oder im Umfeld des Konzerns beschäftigt waren und sich an der Fälschung von Finanzdaten oder der Aufblähung von Vermögenswerten beteiligt hatten, zu Haftstrafen bis zu 18 Jahren verurteilt. Die Evergrande Group muss eine Strafe von 8,82 Milliarden Yuan zahlen – umgerechnet etwa 1,1 Milliarden Euro –, Evergrande Real Estate 7 Milliarden Yuan beziehungsweise 900 Millionen Euro. Es zeigt sich einmal mehr: Die chinesische Justiz greift gegen Wirtschaftsbosse, die mit ihren Machenschaften der Allgemeinheit schweren Schaden zufügen, hart durch. Nein, Evergrande ist kein Einzelfall. 2018 wurde Wu Xiaohui, Chef des Versicherungsriesen Anbang, zu 18 Jahren Haft verurteilt; er hatte sein viele Milliarden US-Dollar schweres Unternehmen mit dubiosen Mitteln aufgebläht und an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. Alibaba-Chef Jack Ma wurde 2020, als er sich heftig mit Staatsbankern anlegte, um riskante Bankgeschäfte zu ermöglichen, auf politischem Weg außer Gefecht gesetzt. Derlei bestätigt immer wieder: Peking hat, wenn es ernst wird, seine Wirtschaftsbosse im Griff.
Wie es damit im sogenannten freien Westen aussieht, weiß man. Obwohl es auch dort Unterschiede gibt. Als die „Financial Times“ im Jahr 2018 recherchierte, wie viele Banker für Vergehen im Kontext der globalen Finanzkrise von 2008 zur Rechenschaft gezogen wurden, kam sie – weltweit – auf 47. 25 von ihnen wurden in Island verurteilt, elf in Spanien, sieben in Irland; die maximale Haftstrafe belief sich – in nur einem Fall – auf sechs Jahre. In Deutschland kam es zu einem einzigen Urteil – zwei Jahre und zehn Monate Haft –, in den USA zu gar keinem. Das ist die Norm, die immer wieder bestätigt wird. Eines der jüngeren Beispiele bietet René Benko, der nach dem Bankrott seines milliardenschweren Immobilienkonzerns Signa sein Vermögen zu guten Teilen per Verschiebung sichern konnte und bis heute keine ernsten Strafen zu gewärtigen hat. Aber was ist das schon: In den USA steht ein Immobilientycoon an der Spitze des Staates und plündert ihn zugunsten seines Clans und seiner Clique nach Strich und Faden aus.









