20 Thesen zum Palast der Republik – von gestern bis heute

Der Palast lebt – trotz alledem

Freundeskreis „Palast der Republik“ Berlin

Im April vor 50 Jahren wurde in Ostberlin der Palast der Republik eröffnet. Ein Haus für das Volk – genutzt von 70 Millionen. Gefeiert, getagt, getanzt wurde auf allen Etagen. 1990 wurde der Palast geschlossen, 2006 begann der Abriss. Die Palastvernichtung ist nicht nur ein kulturpolitisches Verbrechen, sie ist ebenso ein grober Verstoß gegen den Einigungsvertrag. Der Freundeskreis „Palast der Republik“ Berlin hält den Palast in Ehren – unermüdlich. Getreu dem Motto: Der Palast lebt – trotz alledem. Zum 50. Geburtstag des Palastes hat er in 20 Thesen die Geschichte des Palastes nachgezeichnet, die wir im Folgenden veröffentlichen. In UZ vom 10. Juli gibt es zudem ein Interview mit Anna Franziska Schwarzbach, die als junge Architektin am Bau des Palastes mitwirkte.

Vor 36 Jahren, am 19. September 1990, wurde der Palast der Republik unter dubiosen, bis heute nicht eindeutig geklärten Umständen geschlossen. Bald danach entbrannte die Diskussion zum Schicksal des Palastes der Republik und zur künftigen Gestaltung des Platzes. Abrissabsichten, geäußert von damaligen CDU-Politikern, wurden bereits 1993 bekannt.

Der um den Palast herum führende Protestspaziergang am 27. März 1993, an dem mehr als 10.000 empörte Bürgerinnen und Bürger teilnahmen, markiert den Beginn einer organisierten, vielschichtigen und bis heute andauernden Protestbewegung gegen Palastschließung, Palastvernichtung und Schlossbauabsichten.

Der Abriss des Palastes der Republik ist ein Beispiel dafür, wie Mandatsträger auf Bundes- und Landesebene mit demokratischen Prinzipien umgehen und dabei die Meinung der Bevölkerung missachten – ein Beispiel von vielen, wie das Sport- und Erholungszentrum (SEZ), das Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, die Großgaststätte „Ahornblatt“ in Mitte, das Generalshotel am Flughafen Schönefeld und das Palasthotel zeigen – allesamt Bauten in Berlin, Hauptstadt der DDR.

Der Freundeskreis „Palast der Republik“, gegründet im März 2007, setzt die Protestbewegung der vergangenen Jahre gegen die politisch motivierte Palastvernichtung mit neuen Zielen und Aktivitäten unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse fort. Hauptziel dabei ist, eine dem Palast der Republik gerecht werdende Erinnerungskultur im Humboldt-Forum zu schaffen und mit der Stiftung „Humboldt-Forum im Berliner Schloss“ und anderen im Rahmen der Möglichkeiten des Freundeskreises Partnerschaften hierfür zu organisieren.

Am Beispiel des Palastes der Republik wollen die Mitglieder des Freundeskreises für geschichtsbewusste und politisch interessierte Bürger sichtbar machen, was in der Mitte Berlins während der letzten drei Jahrzehnte geschah und welche Schlussfolgerungen sich daraus für Gegenwart und Zukunft ergeben. Sie betrachten dies als einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik und des sogenannten Einigungsprozesses: historische Wahrheit am konkreten Beispiel als Teil von Erinnerungskultur und als Protest. Es geht darum, den Blick zu schärfen für viele ähnliche Beispiele in den neuen Bundesländern, gegen die es sich zur Wehr zu setzen gilt.

1. Das Schloss – Zeugnis der Vergangenheit

Das Berliner Schloss entstand in einem mehrere Jahrhunderte und verschiedene Bauphasen umfassenden Prozess. Im Berliner Unwillen brachten die Einwohner im Jahre 1448, fünf Jahre nach der Grundsteinlegung, erstmals ihren Protest gegen diesen Bau und den Kurfürsten zum Ausdruck, indem sie die Spreeschleusen öffneten und den Bauplatz unter Wasser setzten. An diesem Ort ging es um Macht. Und das Streben nach Macht provozierte Protest. Trotzdem konnten die Markgrafen von Brandenburg, die Könige von Preußen und letztlich der deutsche Kaiser das Schloss als Ort ihrer Herrschaft fast ein halbes Jahrtausend behaupten. Von ihm gingen weitreichende Impulse für die Auslösung des I. Weltkrieges aus.

Als der deutsche Kaiser infolge der Niederlage 1918 abdanken musste und nach Holland floh, war die Funktion des Schlosses als Macht- und Herrschaftszentrum beendet. Das Schloss hatte die Hohenzollern als Hausherrn verloren. Es wurde im November 1918 von revolutionären Soldaten der Volksmarinedivision besetzt, die die rote Fahne hissten. Während dieser Ereignisse wurde das Schloss von einer reaktionären Soldateska mit Geschützen angegriffen.

In der Zeit der Weimarer Republik nutzte man das Schloss als Museum, Institutionen nutzten es für Wissenschaft und Kultur. Regierungsfunktionen wurden von diesem Ort aus nicht mehr ausgeübt.

2. Der Abriss der Schlossruine – eine Notwendigkeit

Im Februar 1945 wurde das Zentrum Berlins mehrmals durch US-amerikanische Bomberverbände angegriffen. Auch das Schloss fiel diesem Bombardement zum Opfer. Es brannte in vier Tagen aus. Hierin lag der eigentliche Akt der Schlossvernichtung. Weitere Schäden ergaben sich im Verlauf der Kampfhandlungen im April 1945. Zurück blieb die Schlossruine als Ergebnis des verbrecherischen Krieges, der vom Hitlerfaschismus ausgelöst worden war und dessen Grundlage das deutsche Großkapital bildete.

Einige wenige Räume des Schlosses wurden von 1946 bis 1948 notdürftig hergerichtet und für Ausstellungen genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland durch die Westalliierten gespalten. Dazu benutzten sie deutsche Politiker wie etwa Konrad Adenauer. In diese Spaltung wurde auch Berlin einbezogen. Durch die Gründung zweier deutscher Staaten kam es zum ideologisch ausgerichteten Streit um das Areal, auf dem sich die Schlossruine befand. Dieser Streit endete damit, dass die Ruine ab 1950 beseitigt wurde.

3. Die Pläne zur Schlossplatzgestaltung – geschichtsträchtig und prägend

Am 1. Mai 1951 wurde der Schlossplatz als „Marx-Engels-Platz“ neu eingeweiht. Der Marx-Engels-Platz diente anlässlich der III. und X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1951 und 1973, als Ort für Massenveranstaltungen mit jeweils etwa einer Million Teilnehmern.

Diese Zeit war geprägt von vielfältigen Überlegungen zur Neugestaltung der Mitte Berlins. So wurde etwa im Jahre 1969 der Fernsehturm als bedeutendes Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR fertiggestellt.

4. Der Bau des Palastes der Republik – entschieden

Im März 1973 beschlossen das Politbüro der SED und der Ministerrat der DDR den Bau des Palastes der Republik, vorerst „Kulturelles Mehrzweckgebäude“ genannt. Im August des gleichen Jahres wurde die 180 Meter lange, 100 Meter breite und 12 Meter tiefe Baugrube ausgehoben. Daran waren 600 Bauarbeiter und 200 NVA-Soldaten beteiligt. Die Grundsteinlegung erfolgte im November 1973. Im November 1974 feierte man Richtfest.

Die Palasteröffnung wurde am 23. April 1976 mit einem Fest seiner Erbauer gefeiert. Ab dem 25. April war der Palast für die Bevölkerung geöffnet.

Die Baukosten beliefen sich auf etwa 500 Millionen Mark der DDR, der Wert des Palastes wurde auf eine Milliarde Mark der DDR geschätzt.

5. Der Palast der Republik – ein multifunktionales Gebäude

Der Palast der Republik war ein multifunktionaler Kulturpalast mit einmaligen Möglichkeiten. Er knüpfte an gewerkschaftliche Traditionen der Volkshäuser in den 1920er Jahren an. Mehr als 1.500 Plätze in 13 verschiedenen gastronomischen Einrichtungen, ein niveauvoller Jugendtreff, ein Bowlingzentrum, eine ständige Ausstellung zeitgenössischer Maler der DDR, ein Theater und ein großer Veranstaltungssaal mit einem variablen Platzangebot von 500 bis 5.000 Plätzen zeugten von seiner Leistungsfähigkeit.

Das Hauptfoyer mit der Gläsernen Blume lud zum Verweilen ein. Hier fanden zahlreiche eintrittsfreie Veranstaltungen statt, besonders an den Wochenenden. In einem gesonderten Teil befand sich die Volkskammer der DDR. Eine Bannmeile gab es für sie nicht.

6. Der Palast der Republik – das Volkshaus der Hauptstadt der DDR

In den weniger als 15 Jahren seines Bestehens zählte der Palast der Republik etwa 70 Millionen Besucher. Über 21.000 Shows, bunte Veranstaltungen, Tage der Volkskunst der Bezirke der DDR, Konzerte mit hochrangigen Orchestern und Künstlern aus aller Welt fanden in diesem Haus statt. Unvergessen sind die Palastbälle mit jeweils 5.000 Gästen. Gefeiert wurde auf allen Etagen.

Auch zu Betriebsveranstaltungen wurde eingeladen. Im Palast wurde Geselligkeit gepflegt. Hier feierten Familien, Brigaden, Hochzeitsgesellschaften, Betriebskollektive und Gemeinschaften aus der gesamten Bevölkerung. Hier trafen sich Berliner mit ihren Gästen, hier traf sich die Jugend. Der Palast der Republik wurde zum anerkannten Haus des Volkes. Die über 1.800 Angestellten und Mitarbeiter des Palastes hatten mit ihrer engagierten Arbeit daran großen Anteil.

7. Die Nutzer des Palastes – aus allen Teilen der Bevölkerung

Mindestens 15.000 Besucher zählte das Haus täglich. Besondere Veranstaltungen gab es für Kinder. Unvergessen bleiben dabei solche Veranstaltungen wie „Bärchen“, „Kichern und Kichern lassen“ oder der Märchenzirkus. In der 4. Etage gab es Seniorenveranstaltungen mit Künstlern. Folklore-Ensembles aus aller Welt und bekannte Ballettformationen traten im Palast auf. Der Palast wurde genutzt für Großveranstaltungen des Fernsehens der DDR, wie zum Beispiel „Ein Kessel Buntes“. Interpreten aus aller Welt begeisterten ein großes Publikum.

Die Besucher des Palastes der Republik waren vorwiegend Bürger der Deutschen Demokratischen Republik und ihre Gäste. Viele Besucher kamen aber auch aus Westberlin, der Bundesrepublik Deutschland, anderen europäischen Ländern und aus der ganzen Welt. Die Anerkennung der großartigen Leistungen und Möglichkeiten dieses einmaligen Hauses formte ihr Meinungsbild.

Zu etwa fünf Prozent wurde der Palast genutzt für Parteitage der SED, Kongresse von FDJ und FDGB, sowie für bedeutende internationale Konferenzen und Veranstaltungen.

8. Die Gegner des Palastes

Eine Palastgegnerschaft zeigte sich während seines Bestehens und ob der nicht zu verhehlenden Akzeptanz durch die Bevölkerung nur selten. Selbst die Medien der Bundesrepublik mussten seinerzeit den Palast der Republik würdigen.

Erst mit der politischen Wende 1989/90 wagten sich seine Gegner an die Öffentlichkeit – ermuntert und ermutigt durch erkennbare politische Absichten der im Hintergrund wirkenden einflussreichen politisch verantwortlichen Kreise der Bundesrepublik. Hauptgegner des Palastes war in dieser Zeit eine von deren führenden und meinungsbildenden Vertretern geprägte Medienlandschaft.

Gegner des Palastes waren zudem die Bundeskanzler Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel, die jeweiligen Bundesbauminister, führende Politiker von CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen. Gegner war und ist auch der Förderverein „Berliner Schloss e. V.“ unter seinem ehemaligen Vorsitzenden, später hauptamtlichen Geschäftsführer Wilhelm von Boddin, unterstützt und ausgezeichnet von den zuständigen Behörden der Bundesrepublik Deutschland.

Gegner waren und sind sogenannte Bürgerrechtler der DDR und Politiker mit einem blinden Hass gegen alles, was die DDR an guten und erhaltenswerten Errungenschaften hervorgebracht hat. Stellvertretend für diese Gruppe stehen Wolfgang Thierse, Vera Lengsfeld und Rainer Eppelmann. Als „Bürgerrechtler“ der DDR agierten sie selbstermächtigt, weitgehend isoliert und gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung der DDR. Auch an ihr „Wirken“ erinnert die Wanderausstellung des Freundeskreises.

9. Nicht zu Gesprächen bereit

Den mehrmaligen Angeboten des Freundeskreises zu sachlich-konstruktiven Gesprächen im Rahmen der Wanderausstellung „Der Palast lebt – trotz alledem!“ waren die Gegner des Palastes sich zu stellen nicht willens. So sagte Wolfgang Thierse, Kulturwissenschaftler der DDR, seinerzeit beschäftigt im Ministerium für Kultur der DDR, dort auch befasst mit Angelegenheiten zum Palast der Republik, in seinem Wahlbezirk, selbst in seiner Eigenschaft als Bundestagspräsident, Einladungen zum Ausstellungsbesuch mit vorgeschobenen Begründungen ab. Auch als stellvertretender Bundestagspräsident mied er jeden Kontakt mit dem Freundeskreis.

10. Die Palastschließung – ein Willkürakt

Am 18. Mai 1990 beauftragte die Regierung der DDR unter Ministerpräsident Lothar de Maiziere und vertreten durch die Direktion des Palastes der Republik die Westberliner Firma ATD aus Gründen der sogenannten Asbestproblematik mit der Erstellung eines Gutachtens zur Asbestbelastung im Palast der Republik.

Auf der Grundlage dieses vorläufigen Gutachtens wurde der Palast der Republik am 19. September 1990 – für Öffentlichkeit und Mitarbeiter überraschend – geschlossen, obwohl Raumluftmessungen ergeben hatten, dass die zulässigen Grenzwerte nicht überschritten wurden, also kein dringlicher Grund zu Schließung bestand. Die derzeitige Volkskammer, mit den Details des Einigungsvertrages beschäftigt und dabei zeitlich und politisch überfordert, verließ überstürzt ihren Bereich des Palastes und zog in ein Gebäude, das genauso mit Asbest errichtet worden war. Ähnlich der vorangegangenen Entfernung des Staatswappens der DDR aus der Volkskammer und von der Palastfassade war auch die Flucht aus dem Palast ein politisch-symbolischer Akt.

Die „Asbestbelastung“ bot sich als Argument gegen den Erhalt des Palastes an und wurde benutzt, insbesondere politisch und medial. Das Datum der Schließung, die vor dem 3. Oktober 1990 lag, bewahrte die politisch Verantwortlichen der alten Bundesrepublik davor, selbst die Verantwortung für die Schließung übernehmen zu müssen. Sie schoben die Verantwortung der letzten DDR-Regierung zu, die, am Tropf bundesdeutscher Berater hängend, nur ein Ziel hatte: sich selbst abzuschaffen.

11. Die Asbestbelastung – Mittel zum Zweck

Der Palast der Republik war am 18. März 1990 das zentrale Wahlzentrum der „ersten freien Wahlen“ der DDR. Dutzende von Fernsehstationen aus aller Welt berichteten aus diesem Wahlzentrum mit hohem medialen Aufwand über Wahlverlauf und Wahlergebnisse. Zahlreiche Spitzenpolitiker der Bundesrepublik gaben an diesem Ort ihre Erklärungen ab. Die Asbestbelastung des Hauses spielte dabei keine Rolle, denn eine gesundheitliche Gefährdung gab es weder zu diesem Zeitpunkt, noch am Tag der Schließung.

Erst in den letzten Wochen der DDR, nach der Palastschließung, setzte eine Kampagne ein, die das Ziel verfolgte, dieses Gebäude, eine herausragende Errungenschaft der DDR, zu diskreditieren. Aus heutiger Sicht stellt sich dieser Akt als ein Vorläufer der 1991 durch den seinerzeitigen FDP-Bundesjustizminister Klaus Kinkel verkündeten Delegitimierungsstrategie dar gegen alles, was die DDR an Positivem hervorgebracht hatte.

12. Bundestag und Bundesregierung missachten den jahrelangen Protest

Im März 1993 wurden durch ein Spitzentreffen von CDU- und FDP-Politikern und davon ausgehend, allerdings nicht vom Bundestag gedeckt, den Gemeinsamen Ausschuss „Bonn-Berlin“ die Weichen für den Palastabriss gestellt. Wenige Tage später, am 27. März 1993, kam es nach einem Aufruf der PDS zum eingangs erwähnten Protestspaziergang gegen den Abrissbeschluss. Dieses Datum markiert den offiziellen Beginn der Protestbewegung.

Es folgten Hunderte von Protestaktionen am Palast der Republik, wie etwa die sanften Belagerungen. Mehr als 100.000 Unterschriften gegen den Palastabriss wurden den politisch Verantwortlichen übergeben. Unter diesem öffentlichen Druck empfahl der Petitionsausschuss des Bundestages der Bundesregierung Erhalt und Weiternutzung des Palastes.

Mahnwachen, gehalten am Palast, jedoch von den führenden Hauptstadtmedien weitgehend ignoriert, versinnbildlichten den Protest gegen den Abriss. Mehrere Bürgerinitiativen und Aktionen entstanden im Protest gegen die geplante Palastvernichtung. Neben den finanziellen Konsequenzen für die Steuerzahler wurde auch dieser Protest von den Entscheidungsträgern des Bundestages letztlich missachtet.

13. Palast und Politik

Der Palast der Republik verkörperte eine bedeutende Errungenschaft der DDR und war von deren Bevölkerung in beeindruckender Weise angenommen. Er war eine Stätte der Begegnung der Bürger der DDR und derer Gäste, eine nachhaltig wirkende Kulturlandschaft und ein Ort bedeutender gesellschaftlicher Ereignisse. Hier wurde gezeigt, welche Fähigkeiten eine neue, sozialistisch orientierte Gesellschaft entwickeln kann und welche Leistungen daraus hervorgehen.

Die Palastvernichtung ist nicht nur ein kulturpolitisches Verbrechen, sie ist ebenso ein grober Verstoß gegen den Einigungsvertrag, wonach „Die kulturelle Substanz in dem in Artikel 3 genannten Gebiet keinen Schaden nehmen“ darf und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland: „Eigentum verpflichtet.“. Es „soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“.

14. Erfolgreiche Zwischennutzung – neue Möglichkeiten

Im Frühjahr 2002 erarbeitete eine Projektgruppe der Technischen Universität zu Berlin eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung des Palastes. Sie sah vor, im Zeitraum von 2004 bis 2006 Teile des Palastes mit temporären Projekten zu bespielen.

Nach einjährigem Streit auf politischer Ebene öffnete ab Juli 2003 der „entkernte“ Palast seine Pforten für ein wieder breites Publikum. Allein bis 2005 wurden etwa 15. 000 Teilnehmer bei den zahlreichen Palastführungen gezählt.

Im September 2003 inszenierte Christian von Borries mit dem Brandenburgischen Staatsorchester den Wagner-Komplex als erste Kulturveranstaltung nach der Palastschließung im Jahre 1990. Allerdings durften aus „Sicherheitsgründen“ je Konzert nur 100 Zuschauer anwesend sein. Reglementierungen und Behinderungen waren nicht zu übersehen.

Es folgten viele Einzelveranstaltungen. Im August 2004 wurde der sogenannte Volkspalast eröffnet. Zahlreiche Kunst-, Sport-, Film- und iskussionsveranstaltungen prägten die Zwischennutzung. So trat in dieser Zeit die St. Petersburger Kultband „Leningrad“ auf. Aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der Staatsoper Berlin wurde Richard Wagners „Parsifal“ auf eine Großleinwand in den Palast übertragen. In der „Langen Nacht der Museen“ erzielte man mit 19.000 Besuchern einen neuen Rekord.

Die Zwischennutzung dauerte zwei Jahre und erreichte Ende 2005 ihren Abschluss.

Während dieser Zeit fanden über 900 Veranstaltungen mit etwa 565.000 Besuchern statt. Die Zwischennutzung belebte die Diskussion zu Nutzung und Erhalt des Palastes und zeigte Möglichkeiten auf. Die politisch Verantwortlichen missachteten aber auch diese Signale und trieben den Palastabriss voran. So kam es am 19. Januar 2006 zu dem Beschluss des Bundestages, mit dem Palastabriss zu beginnen.

Als Alternativkonzept für Sanierung und Weiternutzung veröffentlichte ein Berliner Architekturbüro 2005 sein Projekt „Weltkulturpalast“. Darüber hinaus gab es weitere Vorschläge von Fachleuten zum Palasterhalt. Es wurde jedoch deutlich, dass aufgrund der undemokratisch erfolgten Abrissentscheidung vom März 1993 nie ein Wettbewerb für Sanierung, Neugestaltung und Nutzung des Palastes ausgeschrieben werden sollte. Genauso wurde der eingeleitete Denkmalschutz für das Gebäude hintertrieben.

15. Explodierende Kosten

Die Notwendigkeit der Palastsanierung nach knapp 15 Nutzungsjahren war schon in den späten 1980er Jahren erkannt worden. Über 70 Millionen Besucher hatten Spuren hinterlassen.

Nach seiner Schließung gab es Angebote ausländischer Firmen, das Gebäude für 10 bis 30 Millionen Euro zu sanieren. Solche Angebote wurden von der Bundesregierung und dem Berliner Senat verworfen. Die Weichen waren auf Abriss gestellt, die Kostenfrage daher zweitrangig.

Die offiziell veranschlagten „Sanierungskosten“ waren mit 85 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie die von den Sanierungsfirmen geschätzten 30 Millionen Euro und lagen weit über den vom Bund kalkulierten 40 bis 50 Millionen Euro. Dazu kamen die Abrisskosten von über 20 Millionen Euro. Schließlich wurden etwa 120 Millionen Euro an Steuergeldern für den Abriss verschleudert. Wobei allein der Wert des Gebäudes, des Palastes der Republik, mehrere 100 Millionen Euro betrug, die aus politischen Gründen vernichtet wurden.

Der Palast hätte in die Gesamtgestaltung des Schlossplatzes einbezogen werden können. Ein anerkanntes Gebäude und Hunderte von Millionen Euro hätten sinnvoll genutzt werden können. Einer der ersten Vorschläge dafür stammte von Professor Heinz Graffunder, dem Chefarchitekten des Palastes, aus dem Jahre 1991. Weitere folgten, zum Beispiel von Professor Wolf R. Eisentraut, einem Mitarchitekten des Palastes. Das Volk, der eigentliche Souverän und Eigentümer des Palastes, wurde weder umfassend informiert, noch einbezogen oder gefragt.

16. Das Humboldt-Forum im Berliner Schloss

Der Palastabriss begann am 6. Februar 2006. Nach einer weiteren Zwischennutzung des Areals als grüne Wiese erfolgte am 13. Juni 2013 die Grundsteinlegung des Humboldt-Forums. Anfang 2018 sollte das Gebäude fertiggestellt sein. Erst am 20. Juli 2021 wurde es dann durch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller und den Generalintendanten Professor Hartmut Dorgerloh eröffnet.

Der Freundeskreis „Palast der Republik“ hat in dieser Zeit bestimmte Aktivitäten dokumentiert, beispielsweise die Grundsteinlegung, fotografiert von der Aussichtsplattform des Berliner Doms. Diese Position erlaubte die Sicht auf das entsprechende Umfeld des Schlossplatzes. Weitere fotografische Dokumentationen erfolgten zu anderen Gelegenheiten und von anderen Standorten aus.

17. Geschichtsverfälschung – der Freundeskreis reagiert

Der im März 2007 gegründete Freundeskreis „Palast der Republik“ setzt die langjährige Protestbewegung gegen die Palastvernichtung unter den neuen Bedingungen, die sich nach dem Palastabriss ergeben haben, fort.

Er konzentriert sein Wirken auf folgende Schwerpunkte der Erinnerungspflege:

  • die Schaffung einer repräsentativen Dauerausstellung zum Palast der Republik im Humboldt-Forum
  • die Restaurierung des Originals der Gläsernen Blume und deren Aufstellung im Foyer des Humboldt-Forums
  • die Erneuerung und den Erhalt der roten Umrissmarkierung des Palastes
  • die Schaffung eines Palastmodells im Maßstab von 1:125 (200 x 130 cm) in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis PdR e. V.
  • die Organisation einer Galerie mit Palastgemälden
  • den Nachbau gastronomischer Einrichtungen des Palastes
  • die Aufstellung von Fassadenelementen des Palastes
  • die Aufbereitung des Fotoarchivs des Palastes
  • die Darstellung des Palastalltags
  • die Dokumentation typischer Palastveranstaltungen, des TIP (Theater im Palast), des Jugendtreffs, der Gemäldegalerie
  • die Darstellung der Volkskammer der DDR
  • die Dokumentation des langjährigen Protestgeschehens
  • die Darstellung der Zwischennutzung
  • die Aufbereitung des Palastabrisses für die Öffentlichkeit
  • die Sammlung von Zeitzeugenaussagen in Bild und Ton
  • die Organisation von Veranstaltungen und Ausstellungen zum Thema
  • die Bereitstellung von Materialien für Bildungszwecke
  • Recherchen zum politischen und fachlichen Umgang mit dem Palast.

Die Vorschläge des Freundeskreises sind in künftigen Gesprächen mit der Leitung des Humboldt-Forums weiter zu beraten, zu konkretisieren und zu realisieren.

Das Dokument „1976 – 2026. Daten und Fakten zum Palast der Republik und dem Schlossplatz Berlin aus der Sicht des Jahres 2026 anlässlich des 50. Jahrestages der Eröffnung des Palastes der Republik“ dokumentiert die bisherigen Ergebnisse des Freundeskreises und stellt eine Ergänzung der 20 Thesen dar.

Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat der Freundeskreis das Geschehen auf dem Berliner Schlossplatz seit 1994 fotografisch und durch Recherche dokumentiert. Die gesamte Fotodokumentation, besonders das Abrissgeschehen, die Zwischennutzung sowie die Zeitzeugenaussagen vor der Abrissruine stehen unter Urheberschutz. Die gesammelten Fotos und eine Reihe anderer Konvolute werden für das Wirken des Freundeskreises in vielfältiger Weise genutzt und in die Wanderausstellung einbezogen.

Die Wanderausstellung des Freundeskreises ist ein wirksames Mittel zur Pflege unseres kulturellen Erbes. Sie existiert seit 2004, organisiert von der damaligen Bürgerinitiative „Pro Palast“ und deren Leiter, Rudolf Ellereit. Mit der Gründung des Freundeskreises wurde sie von diesem übernommen. Die Wanderausstellung verfügt über variable Darstellungsmöglichkeiten. Ihre Grundthematik lautet:

Der Palast lebt – trotz alledem!

Dem Erbe verpflichtet – Erinnerung pflegen.

Die Wahrheit erkennen – Symbolik gestalten.

Gegen Geschichtsverfälschung!

Sie besteht aus 300 Tafeln mit kombinierten Bild- und Textbeiträgen und etwas über 200 meist großformatigen Fotos. Hinzu kommen Gemälde, Collagen, Denkzeichen, Digital- und Zeitzeugenschauen, Sachzeugnisse, jeweils aktualisierte Rechercheergebnisse sowie themenbezogene politische Aussagen in fünf Dokumentationsmappen und zahlreichen Konvoluten. Die Ausstellung ist digitalisiert. Dadurch erweitern sich ihre Einsatzmöglichkeiten. Sie steht jedem Interessenten gegen eine Spende zur Verfügung.

Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum an Informationen zum Palast der Republik. Bisher wurden 36 unterschiedliche Versionen gezeigt. Sie wurden von namhaften Persönlichkeiten wie Hans Modrow, Heinrich Fink, Ronald Paris, Siegfried Mechler, Klaus Blessing, Gesine Lötzsch oder Bruno Flierl eröffnet. Zehntausende Bürger haben diese Ausstellung besucht.

Die Ausstellung erhebt den Anspruch, die erste zum Palast der Republik zu sein. Die Eintragungen in den Gästebüchern zeugen von Wut, Empörung, Trauer, von guten Erinnerungen, nachhaltig wirkenden Erlebnissen und Anerkennung für die Ausstellungsmacher.

18. Der Palast ist Gegenwart

Die Ausstellung „Schloss – Palast der Republik – Humboldt-Forum“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung von Bruno Flierl 2009, die Ausstellung der 16 großformatigen Gemälde aus dem Foyer des Palastes zum Thema „Dürfen Kommunisten träumen?“ im Potsdamer Museum Barberini 2017/18, die Ausstellung „Palast der Republik – Utopie, Inspiration, Politikum“ in der Rostocker Kunsthalle 2019, die Sonderausstellung „Palast der Republik“ im Berliner DDR-Museum 2020/22, die Ausstellung „Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“ im Humboldt-Forum 2024/25, an deren Gestaltung der Freundeskreis beteiligt war, und schließlich Fachgespräche, organisiert von der Stiftung „Humboldt-Forum im Berliner Schloss“ verdeutlichen einmal mehr, welche Anziehungskraft und Popularität der Palast noch immer in der Bevölkerung ausübt und genießt.

19. Aus heutiger Sicht – das Hauptziel des Freundeskreises

Erst wenn im Humboldt-Forum an einem für interessierte Besucher geeigneten Ort eine eintrittsfreie Dauerausstellung zum Palast der Republik zu besichtigen ist, dann ist das gegenwärtige Hauptziel des Freundeskreises erreicht. Veranstaltungen und entsprechendes Informationsmaterial müssen als Begleitprogramm angeboten werden. Damit würde auch eine vielfach erhobene Forderung der Besucher der Ausstellung „Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“ erfüllt.

Der Freundeskreis schlägt vor, dass für die Dauerausstellung Palastmitarbeiter, Zeitzeugen, Besucher des Palastes, Künstler und Interpreten, die im Palast aufgetreten sind, einbezogen werden.

20. Künftiges Wirken

In den Gästebüchern und an den Bronzewänden der Ausstellung „Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“ im Humboldt-Forum wurde oft und unübersehbar auf die Situation des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin-Friedrichshain hingewiesen und dessen Erhalt gefordert – schließlich bezeichnete man das SEZ auch als „kleinen Bruder“ des Palastes.

Die Vorgehensweise beim SEZ ähnelt der beim Palast der Republik, das Ziel ist wiederum die Entsorgung einer der Errungenschaften der Deutschen Demokratischen Republik. Aus diesem Grund wird der Freundeskreis das SEZ in sein künftiges Wirken einbeziehen und dessen Erhalt im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützen.

Wir rufen die ehemaligen Mitarbeiter des Palastes der Republik, Besucher des Palastes und des SEZ sowie interessierte Bürger auf, sich unserem Anliegen, der Erinnerungspflege, mit eigenen Aktivitäten anzuschließen oder im Rahmen des Freundeskreises mitzuwirken, beispielsweise bei der Gestaltung unserer nächsten Wanderausstellung, bei Aktionen zum Erhalt des SEZ oder Recherchearbeiten. Die Teilnahme an Beratungen, Verhandlungen und Gesprächen ist ebenfalls möglich und erwünscht.

Der Freundeskreis ist aktives Mitglied im Ostdeutschen Kuratorium von Verbänden e. V., seine Mitglieder agieren in allen Bundesländern. Er verfügt über ein Netzwerk nationaler und internationaler Verbindungen. Der Freundeskreis ist eine Bürgerinitiative, kein eingetragener Verein.

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