Gelsenkirchen, 3. Juli. Während verhaltener Sonnenschein zwischen den Wolken hervorlugt, füllt sich der Heinrich-König-Platz in der Innenstadt um kurz vor 16 Uhr schnell. Die meisten der Menschen, die sich hier sammeln, tragen rote T-Shirts. Viele bringen Gewerkschaftsfahnen mit. Aufgerufen zu diesem Treffen hatte die IG Metall Duisburg-Dinslaken. Der Termin in Gelsenkirchen ist der Auftakt zu ihrer „Ruhrpott-Rebellion“. Unter dem Motto „Es reicht: Der Ruhrpott wehrt sich. Bis hierhin – und nicht weiter!“ möchten die Metaller die Reste des Sozialstaats gegen den Generalangriff der Bundesregierung verteidigen. Unterstützung bekommen sie von Kolleginnen und Kollegen des DGB, aus ver.di, der IG BCE, der IG BAU, GEW, EVG und NGG. Auch Parteien wie die DKP, Jugendverbände wie die SDAJ und DIDF und viele andere Organisationen haben ihre Mitglieder dazu aufgerufen, die Ruhrpott-Rebellion zu unterstützen.
Etwa 350 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter stehen auf dem Heinrich-König-Platz, als Ralf Goller, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Gelsenkirchen, die Kundgebung um kurz nach 16 Uhr eröffnet. „Ihr habt genug!“, ruft er den Kollegen entgegen. Die antworten mit einem ohrenbetäubenden Konzert aus Trillerpfeifen und Klatschen. Die Rebellion sei am Laufen, stellt Goller zufrieden fest. Starke Signale wolle man senden, kündigt er an. Die massiven Angriffe der Bundesregierung auf diejenigen, die Tag für Tag durch ihrer Hände Arbeit Reichtum schaffen, zählt Goller kurz auf. Den Kurs von Kanzler Friedrich Merz vergleicht er mit einem sinkenden Schiff, auf dem defekte Rettungswesten kritisiert würden.

Die Wut der Kolleginnen und Kollegen über die massiven Angriffe auf alles, was sich Gewerkschafter in der BRD mühsam erkämpft haben, ist spürbar. Viele blicken düster in die Zukunft. Aus vielen der Redebeiträge, die Gewerkschaftsfunktionäre im Laufe der Kundgebung halten, spricht Ratlosigkeit. Und Unverständnis darüber, warum die Regierung handelt, wie sie handelt.
Klarer sieht die örtliche IG-Metall-Jugend. Zu Beginn ihres Auftritts spielen sie „Frieden“ von K.I.Z. ab. Damit sind sie die ersten und einzigen, die den Zusammenhang zwischen dem Kriegskurs der Bundesregierung, der massiven Aufrüstung und der Zerschlagung des Sozialstaats heute auf der Bühne kritisieren. „Mal sollen wir länger arbeiten, mal sollen wir später in die Rente. Und wenn es nach manchen geht, sollen wir auch noch stramm stehen und Leute in die Kiste schicken, die genauso Kumpel sind wie wir – und das für Leute, die Menschenleben als Marionetten sehen“, kritisiert Nick Morser von der IG-Metall-Jugend Oberhausen in seiner Rede. Die Politik rede über Beschäftigte, als seien sie bloße Rechengrößen. „Wir sind Menschen mit Träumen, Wut und verdammt vielen Gründen, laut zu sein!“ Das kein Geld da sei, den Satz könne er nicht mehr hören. Seine Schulzeit sei erst seit einem Jahr vorbei. Seine Lehrer hätten noch Overhead-Projektoren eingesetzt. „Sobald es um Aufrüstung geht, ist Geld noch und nöcher da!“

Als die Kundgebung gegen 18 Uhr aufgelöst wird, hat sich die Sonne längst durchgesetzt gegen die Wolken. Was vielen Teilnehmern fehlt, ist eine Orientierung, wie der Kampf gegen den Sozialkahlschlag weiter geführt werden kann. Ein Redner hatte vorgeschlagen, „vielleicht“ im Oktober zu einer großen Demonstration in Berlin zu mobilisieren. Bis dahin allerdings möchte die Bundesregierung die meisten ihrer „Reformprojekte“ längst in Gesetzesform gegossen haben.
Duisburg, 4. Juli. Etwa 3.000 Kolleginnen und Kollegen nehmen in der Stahlstadt einen Tag nach dem Auftakt in Gelsenkirchen an der Ruhrpott-Rebellion teil. Sie ziehen an der Geschäftsstelle der IG Metall in der Gutenbergstraße vorbei. Dort hängt ein vierstöckiges Transparent vom Dach: „Unsere Zukunft liegt nicht im Schützengraben. Nein zur Wehrpflicht, nein zum Krieg“, steht darauf.
Auf der Abschlusskundgebung auf dem König-Heinrich-Platz spricht Hans-Jürgen Urban. Der Gewerkschafter war noch bis zum 30. Juni Mitglied Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Gegen den Sozialkahlschlag findet er klare Worte. Über das „Gesamtkunstwerk“, das die Bundesregierung sich selbst attestiert hat, macht er sich lustig. Über die Aufrüstung spricht er nicht. Den Elefanten im Raum benennen auch in Duisburg nur Vertreter der Gewerkschaftsjugenden und DIDF.
Die Ruhrpott-Rebellion zieht noch bis zum 11. Juli durch das Ruhrgebiet.
So geht die Ruhrpott-Rebellion weiter:
Dienstag, 7. Juli 2026
Wetter: Demonstration: Tor 2 der Firma Demag Cranes & Components, Ruhrstraße 28. Kundgebung: Marktplatz, 16 Uhr
Freitag, 10. Juli
Bochum: Kundgebung: Dr.-Ruer-Platz, 17 Uhr
Samstag, 11. Juli
Dortmund: Demonstration: Platz der deutschen Einheit, 10 Uhr
Oberhausen: Fahrrad-Demonstration: Gewerkschaftshaus, Friedrich-Karl-Straße 24, 10.30 Uhr. Weiterfahrt über Mülheim an der Ruhr nach Essen
Mülheim an der Ruhr: Zwischenkundgebung: Vorplatz von Mülheims Ruhrbania an der Ruhrpromenade, ca. 11.30 Uhr. Weiterfahrt nach Essen
Essen: Kundgebung: Marktkirche, Marktplatz 2, ca. 13.30 Uhr









