Charles Darwins Fahrt auf der „Beagle“ als Graphic Novel

Die Reise der Erkenntnis

„Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt gerade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehn. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen, und am wenigsten mit solchem Glück“, schrieb Friedrich Engels am 11. oder 12. Dezember 1859 an Karl Marx in London – wenige Tage zuvor, am 24. November war Charles Darwins „On the origin of species“ (Über die Entstehung der Arten) in einer Auflage von nur 1.250 Exemplaren erschienen und bereits am ersten Tag ausverkauft gewesen. Engels hatte eins der wenigen Exemplare ergattert.

Dem Ursprung des „Ursprungs der Arten“ haben die beiden französischen Comic-Macher Fabien Grolleau und Jérémie Royer mit der Graphic-Novel-Biografie „Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle“ ein kleines, teilweise romantisierendes Denkmal gesetzt. Sie begleiten den jungen Charles Darwin auf der Reise, die nicht nur sein Leben, sondern die Sicht der Menschheit auf das Leben an sich verändern sollte.

1831 begibt sich der junge Naturforscher Charles Darwin an Bord des Expeditionsschiffes „HMS Beagle“. Es ist dessen zweite Fahrt, der Kapitän der ersten, Pringle Stokes, hatte sich auf der Reise das Leben genommen, sein Nachfolger, Robert FitzRoy, wollte diesem Schicksal entgehen und nahm Darwin mit an Bord, um einen Partner für Tischgespräche zu haben.

Im Buch lassen Grolleau und Royer Darwin die Geschichte mehr als 20 Jahre nach Ende der Reise seinen Kindern erzählen und so klappt die Verdichtung der fünf Jahre an Bord der „Beagle“ auf 172 Seiten. Darwins Expeditionen in Neuseeland und Australien finden nur am Rande Erwähnung, um dem entscheidenden Teil der Reise Platz zu geben. In einem Archipel der Kapverden findet Darwin in einigen Metern Höhe Muschelschichten zwischen vulkanischem Basalt und zweifelt erstmals Georges Couviers Katastrophentheorie an, in Argentinien findet er Fossilien, die ihn endgültig nicht mehr an das von der Kirche verbreitete Alter der Erde glauben lassen, und auf den Galapagosinseln findet er schließlich die Finken, die heute seinen Namen tragen und die jedes Schulkind kennt: Die Darwinfinken, 18 sehr eng verwandte Arten, die sich dadurch unterscheiden, dass sie perfekt an ihre jeweilige Umwelt angepasst sind.

Die Graphic Novel erinnert in den Teilen, die Darwins Naturforschungen gewidmet sind, mit ihren leichten, detailreichen Zeichnungen mit Elementen der Tier- und Pflanzenwelt fast schon an ein Kinderbuch, leichte Kost ist es aber dennoch nicht durchgehend. Der vergnügliche Blick auf die immer wieder von Seekrankheit unterbrochenen Entdeckungen Darwins überlagert nicht die ernsteren Themen der Reisen auf der „Beagle“: Rassismus und Sklaverei.

In Brasilien gerät Darwin in Streit mit Kapitän FitzRoy über dessen Behandlung eines in Sklaverei lebenden Jungen – Darwin kam aus einer in dieser Frage fortschrittlichen Familie, bereits sein Großvater lehnte die Sklaverei ab – und sieht mit eigenen Augen die Schrecken des Sklavenmarktes. Auf dem Schiff reisen auch vier junge Feuerländer vom Stamm der Yámana, die auf der ersten Reise der „Beagle“ (vermutlich von FitzRoy) entführt und in England erzogen und getauft wurden. Ihr Schicksal nimmt Darwin mit. Zum Umdenken regt es ihn leider nicht an. Denn Darwin, so progressiv seine Haltung zur Sklaverei auch für seine Zeit war, kann sich nicht aus seiner Sichtweise des weißen Westeuropäers lösen. Zwar ist er kein Rassist, glaubt nicht an eine biologisch gegebene Überlegenheit der Weißen, doch glaubt er an eine Überlegenheit der „weißen Zivilisation“. Die Urvölker Patagoniens, denen er begegnet, sind für ihn „primitiv“, ihre Lebensart „minderwertig“. Als Humanist glaubt er an die Gleichheit des Menschen, aber er vermag nicht aus den Denkzwängen des Kapitalismus auszubrechen. Dabei hatte er sich mit seiner Theorie der Evolution die Werkzeuge an die Hand gegeben, dieses Denken in Frage zu stellen.

Grolleau und Royer lassen die Geschichte mit Darwin im Kreis seiner Kinder enden. Er bekommt einen Brief von Alfred Russel Wallace in dem dieser – gerade von einer langen Reise zurückgekehrt – eine Theorie über die Entstehung der Arten und die Zeit entwickelt. Es sind die gleichen Erkenntnisse, zu denen Darwin gekommen ist. Dieser Brief gibt ihm den Mut, „Über die Entstehung der Arten“ zu veröffentlichen.

Charles Darwin hat mit seinen Arbeiten nicht nur die Sicht der Menschheit auf die Erde, das Leben und die eigene Herkunft umfassend verändert. Er hat bewiesen, dass wir die Welt erkennen können. Am 19. April vor 140 Jahren ist er gestorben.

1511 Darwin2 - Die Reise der Erkenntnis - Charles Darwin - Kultur


Fabien Grolleau/Jérémie Royer
Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle
Aus dem Französischen von Anja Kootz
Knesebeck Verlag 2019, 175 Seiten, 28 Euro


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Die Reise der Erkenntnis", UZ vom 15. April 2022



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