Besetzen, kaufen oder doch ein anderer „Deal“ – US-Präsident Donald Trump will Grönland um jeden Preis. Jetzt ist die EU bereit, die Kosten für die weitere Hochrüstung auf der Insel zu übernehmen. Nur die Grönländer fragt keiner. UZ sprach über diese Bestrebungen, die geopolitische Rolle Grönlands und die Rolle Dänemarks in der NATO mit Lotte Rørtoft-Madsen, Vorsitzende der Dänischen Kommunistischen Partei.
UZ: Wie schätzt du die Bestrebungen der USA ein, Grönland zu übernehmen?
Lotte Rørtoft-Madsen: Nun, ich sehe darin eine echte Bedrohung. Das ist kein Hirngespinst eines Verrückten, sondern Teil der Strategie des US-Imperiums, das im Niedergang begriffen, aber letztlich auch verzweifelt ist. Imperialismus ist an sich schon sehr gefährlich und skrupellos, aber derzeit geht er ohne Samthandschuhe und Maske vor.
Seit über einem Jahr sind die fast 57.000 Grönländer und ihre große Insel zu einem Spielball, zu einer Schachfigur geworden, die auf dem großen Schachbrett des US-Imperialismus nach Belieben hin- und hergeschoben wird.
Trump hat mehrfach erklärt, dass die USA Grönland kontrollieren und besitzen wollen – notfalls mit militärischen Mitteln. Die brutale und erfolgreiche Aggression gegen Venezuela am 3. Januar und die Entführung des Staatschefs und seiner Frau haben jeden Zweifel daran ausgeräumt, dass die Regierung im Weißen Haus in der Lage ist, Trumps Worte in die Tat umzusetzen.
Lest die US-Sicherheitsstrategie, lest die neue US-Verteidigungsstrategie!
Die Bedrohung ist unmittelbar. Und das spürt auch die grönländische Bevölkerung. Sie ist in einem Zangengriff gefangen, und die Politiker des Landes müssen Stunde um Stunde darum kämpfen, überhaupt einen Platz am Verhandlungstisch zu bekommen und gehört zu werden – nicht nur von den USA, sondern auch von Dänemark.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos letzte Woche hat NATO-Generalsekretär Mark Rutte offenbar einen Deal mit der Trump-Regierung geschlossen. Derzeit weiß niemand, was da genau beschlossen wurde. Es gibt viele Spekulationen und Geheimniskrämerei. Aber wir wissen, dass weder die grönländische noch die dänische Regierung einbezogen oder auch nur gefragt wurden.
Aaja Chemnitz von einer der grönländischen Regierungsparteien, Inuit Ataqatigiit, hat klargestellt: „Die NATO hat kein einseitiges Mandat, ohne uns aus Grönland irgendetwas zu verhandeln. Nichts über uns ohne uns.“
Bis vor einigen Jahren war in Grönland ein Prozess der unabhängigen Entscheidungsfindung und der Befreiung vom Neokolonialismus im Gange. Aber der derzeitige Imperialismus in seiner extremsten Form, der vom Weißen Haus ausgeht, hat die Möglichkeiten Grönlands, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden, ernsthaft beeinträchtigt. Die Drohungen und der Druck sind enorm.
UZ: Wie ist das Verhältnis Grönlands zu Dänemark? Ist es immer noch eine De-facto-Kolonie?
Lotte Rørtoft-Madsen: Nein, nicht mehr. Grönland hat eine Selbstverwaltung im Rahmen des Königreichs Dänemark.
Grönland oder Kalaallit Nunaat ist seit 4.500 Jahren bewohnt, und seine Bevölkerung ist mit den Inuit in der gesamten Arktis verbunden. Mit der Gründung der staatlichen Königlichen Grönland-Handelsgesellschaft (Kongelige Grønlandske Handel, KGH) im Jahr 1774 wurde es zu einer dänischen Kolonie. Die KGH war bis Anfang des 20. Jahrhunderts die eigentliche Kolonialverwaltung, bis Handel und Verwaltung getrennt wurden.

Im Laufe der Jahre förderten dänische Unternehmen in Grönland verschiedene Mineralien, darunter Kryolith, Eisen, Zink, Blei und Silber. Im Jahr 1953 endete die Ära der Kolonialherrschaft formell, aber es gab keine politische Gleichberechtigung mit Dänemark.
Nach einem Referendum wurde 1979 die sogenannte Hjemmestyre („Heimverwaltung“) eingeführt, die im Juni 2009 durch den heutigen Status der Selvstyre („Selbstverwaltung“) ersetzt wurde.
Dieser Status der Selbstverwaltung bedeutet, dass die Grönländer nun die Rechte am grönländischen Boden und den Bodenschätzen besitzen, die dort vorkommen. Über die Außen- und Sicherheitspolitik wird jedoch in Dänemark entschieden. Daher gilt Grönland als NATO-Gebiet.
Grönland ist kein Mitglied der Europäischen Union. 1982 stimmte die grönländische Bevölkerung in einem Referendum mit einer Mehrheit von 53 Prozent für den Austritt aus der damaligen EWG, der heutigen EU. Heute gehört Grönland zu den Überseegebieten der EU.
UZ: Welche Rolle spielt Grönland geopolitisch?
Lotte Rørtoft-Madsen: Die geografische Lage Grönlands in der Nähe der Arktis ist wichtig. Die Kontrolle über die Seewege nach Norden, die Nordostpassage, gewinnt mit dem fortschreitenden Klimawandel zunehmend an Bedeutung.
Die US-Regierung bemüht sich zweifellos mit aller Kraft darum, Russland und insbesondere das sozialistische China so weit wie möglich fernzuhalten. Ein vollständig kontrolliertes, militarisiertes und wiederaufgerüstetes Grönland soll als Vorposten gegen Russland und China dienen. Das ist auch der Zweck des Raketenprojekts Golden Dome, das die US-Regierung unbedingt in Grönland stationieren möchte.
Und nicht zu vergessen: Grönland verfügt über mindestens 25 der 34 Mineralien, die von der Europäischen Kommission als „kritische Rohstoffe” eingestuft werden. Es sollen die weltweit zweitgrößten Vorkommen an kritischen Mineralien sein. Dazu gehören Seltene Erden, Kupfer, Nickel, Zink, Gold, Diamanten, Eisenerz, Titan, Wolfram und Uran.
Grönland zu besitzen, die Möglichkeit, einseitig über seine Ressourcen, Meeresböden und Seewege zu entscheiden, ist also von größter Bedeutung.
UZ: Wie steht die Bevölkerung Grönlands zu Dänemark und zu Trump?
Lotte Rørtoft-Madsen: Was Grönland betrifft, hat die Trump-Regierung zynisch versucht, den Wunsch der grönländischen Bevölkerung, der Inuit, nach einer endgültigen Befreiung von der dänischen Herrschaft auszunutzen. Aber nur weil das grönländische Volk seit Jahrzehnten für mehr Unabhängigkeit vom dänischen Reich kämpft, bedeutet das nicht, dass es stattdessen vom US-Imperium kolonialisiert werden möchte. Umfragen haben unterschiedliche Zahlen ergeben, aber man kann sagen, dass nur zwischen 6 und 15 Prozent der Grönländer dafür sind, dass ihre Insel Teil der USA wird. Die Opposition gegen den amerikanischen Imperialismus ist also solide. Und sie hat sich in letzter Zeit noch verstärkt.
Vor einem Jahr wurde in Grönland inmitten der Turbulenzen eine neue Regierung gebildet. Es handelt sich um eine Art nationale Koalition zur Verteidigung Grönlands. Damals formulierte es der neue Premierminister Grönlands so: Wir müssen uns langsam in Richtung Unabhängigkeit beeilen. Ich glaube nicht, dass er sich heute noch so ausdrücken würde. Die Realität ist, dass die Möglichkeiten Grönlands, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden, einen schweren Rückschlag erlitten haben. Die Drohungen und der Druck sind enorm.
UZ: Welche Rolle spielt Dänemark in der NATO? Welche Auswirkungen hätte es auf das Militärbündnis, wenn Trump seine Pläne weiterverfolgt?
Lotte Rørtoft-Madsen: Die Position Dänemarks wird im Großen und Ganzen durch die geografische Lage des Landes an der Ostsee und den „Besitz“ Grönlands bestimmt. Ohne diese beiden Faktoren hätte unser kleines Dänemark mit seinen sechs Millionen Einwohnern kein Mitspracherecht im NATO-Kriegsbündnis. Der US-Imperialismus braucht Dänemark und Grönland aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen.
Ich denke, dass das NATO-Bündnis und das gesamte Bündnissystem des transatlantischen Imperialismus in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stecken. Die Krise ist nicht durch Trumps Plan zum Erwerb Grönlands verursacht worden – die Krise ist ein Symptom der Krise des Imperialismus. Alle Bündnisse stehen derzeit auf dem Spiel.
Derzeit sieht man eine Art Europa-NATO, die sich der US-NATO entgegenstellt. Wo diese Krise enden wird, wird sich weisen. Für uns Kommunisten und Antiimperialisten ist es wichtig, mit aller Kraft für das Recht jedes Volkes und jeder Nation auf Selbstbestimmung zu kämpfen.
UZ: Inwiefern unterstützt Dänemark die Ukraine?
Lotte Rørtoft-Madsen: Die dänische Regierung und eine Mehrheit des dänischen Parlaments – einschließlich der Einheitsliste („Die Rot-Grünen“) – verfolgen eine kriegstreiberische, militaristische und extrem pro-ukrainische Politik. Pro Kopf gerechnet gehört Dänemark zu den drei Ländern weltweit, die die Ukraine militärisch am stärksten unterstützen (nach den USA und den baltischen Staaten).
Im Dezember 2025 legte die Regierung ihr 29. (!) Hilfspaket für die Ukraine vor. Im März 2023 richteten die Regierung und eine breite Mehrheit im dänischen Parlament den Ukraine-Fonds ein. Bis heute wurden dem Ukraine-Fonds rund 64,8 Milliarden dänische Kronen (9 Milliarden Euro) für militärische Unterstützung in Form von Waffen und Ausbildungsmaßnahmen bis 2028 zugewiesen. Die militärische Unterstützung umfasst Artillerie, Panzer- und Infanterieausrüstung, Kampfflugzeuge, Marineunterstützung sowie Ausbildung und Schulungen. Darüber hinaus wurden eine Reihe von Vereinbarungen getroffen, um die dänischen Militärkapazitäten auf die von der NATO geforderten 5 Prozent zu erhöhen.
Ich halte die Rolle Dänemarks daher für skandalös. Sie führt zu mehr Krieg und ist für die Arbeiterklasse in Dänemark sehr gefährlich.








