Um halb 11 an diesem 8. Mai tut sich was auf der Poppelsdorfer Allee in Bonn: Zwischen alten Korporationshäusern, Arztpraxen und versprengten Universitätsgebäuden sammeln sich erste Schülerinnen und Schüler. Von dem anwesenden Polizeiaufgebot argwöhnisch beobachtet, tragen sie Schilder, Fahnen und Transparente unterm Arm. Andere schleppen Lautsprecherboxen, Megaphone und Ordnerwesten. Langsam füllen sich Wiese und Gehweg. Zu den Schülern stoßen ältere Unterstützer mit Friedensfahnen und solchen der DFG-VK. Es ist der Schulstreik gegen die Wehrpflicht, der zum dritten Mal in Bonn stattfindet.
Rund 250 Schüler kommen dafür zusammen. Sie laufen hinter einem Fronttransparent, das Geschichtsbewusstsein beweist: „Nie wieder Krieg heißt: Nie wieder Wehrpflicht!“ Heute jährt sich die Befreiung Deutschlands vom Faschismus zum 81. Mal. Mit ihrem Transparent spielen die Schüler auf die Losung „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ an.
Nach einer kurzen Begrüßung und einer Rap-Einlage spricht Jojo für das Streikkomitee Bad Godesberg. Er zeichnet den Zusammenhang zwischen der Profitmacherei der Konzerne, Kriegsvorbereitung und Bildungsunterfinanzierung nach. Die Bundesregierung rüste beispiellos auf, „während unsere Bildung und der sogenannte Sozialstaat kaputtgespart wird, während Suizid die häufigste Todesursache unter Jugendlichen ist, während in Krieg statt in Bildung investiert wird, sodass etwa jedes vierte Kind in Armut aufwächst. Jeder zweite Euro fließt damit in Tod, Zerstörung und Krieg!“
Langsam setzt sich der Demozug in Bewegung. Er zeigt die ganze Breite der Bewegung: Nicht nur die SDAJ, von der nicht nur Vorzeigeinvestigativjournalist und Suchmaschinennutzer Volker Siefert („hessenschau“), sondern auch der Bayerische Rundfunk, offenbar ebenfalls mit Internetzugang gesegnet, nunmehr wissen, dass sie die Schulstreiks unterstützt, auch zahlreiche andere Organisationen sind dabei. Das Spektrum reicht von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) über das Offene Treffen für internationale Solidarität Bonn bis hin zur Grünen Jugend. Die Streiks in Bonn werden durch das stadtweite Streikkomitee und zahlreiche Komitees an Schulen und aus umliegenden Städten organisiert. Die LandesschülerInnenvertretung Nordrhein-Westfalen, diverse Gliederungen der GEW, ver.di-Jugendgruppen und viele andere haben ihre Solidarität mit den streikenden Schülern bekundet.
Nach Schleifen durch die Bonner Innenstadt hält der Zug vor einer Schule. Dutzende Schüler sammeln sich an den Fenstern, hören die Reden und werden von couragierten Streikenden mit Flugblättern versorgt, während die Versammlung unten fordert: „Leute, lasst uns nicht allein – setzt euch gegen Wehrpflicht ein!“ Der Zug setzt sich wieder in Gang und sammelt sich wenige Minuten später zur Zwischenkundgebung rund um das 1950 geschaffene Mahnmal für die die Opfer der „NS“-Herrschaft auf dem Kaiserplatz. Die Sprechchöre „Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht!“ und „Eure Kriege – ohne uns!“ verstummen langsam. Die Stimmung wird ernster. Lupus, Jahrgang 1939, liest Ausschnitte aus Briefen vor, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg den Hinterbliebenen jener zukommen ließ, die den angeblichen „Heldentod“ im Raubkrieg der Faschisten fanden. Er ruft die Jugend auf, sich nicht von Merz und Co. als Kanonenfutter handeln zu lassen und sich dem Kriegskurs der Regierung entgegenzustellen. Nach einer Schweigeminute für die Opfer des Hitler-Faschismus werden Blumen am Mahnmal niedergelegt.
Bald endet die Demo mit einer Abschlusskundgebung, flankiert von einer Handvoll Gegendemonstranten, die mit Schah-Fahnen und Israel-Flaggen in der Hand die Schüler wüst beschimpfen. Die lassen sich nicht irritieren, geben zur Antwort ihren Forderungen nochmal lauthals Ausdruck und hören die Rede der SDAJ, die, bezugnehmend auf die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano und den Widerstandskämpfer Peter Gingold, endet mit: „Lasst uns wie Esther und Peter sein und gemeinsam hier und heute erklären: Wir werden der Kriegsvorbereitung einen Strich durch die Rechnung machen! Wir werden nicht für Profite in den Krieg ziehen! Nie wieder Krieg heißt: Nie wieder Wehrpflicht!“

Auf einer Anschlussveranstaltung der SDAJ konnten Schüler anschließend bei Waffeln und Softdrinks über den Streiktag diskutieren, ihren Erfolg feiern und Infos aus anderen Städten sammeln. Das auch während der Demo präsente Streikradio läuft im Hintergrund. 45.000 Schülerinnen und Schüler waren an diesem dritten Streiktag in 150 Städten auf der Straße, erfahren wir. Nicht überall übte sich die Polizei wie in Bonn in Zurückhaltung: In München etwa griff die Polizei erneut den Demozug an und stellte wegen eines Transparents mit der Parole „Merz, stirb doch selber an der Ostfront“ Anzeige gegen einen Schüler. So groß war die Angst vor den Schülerinnen und Schülern, dass die Beamten Ketten bildeten und die Demo abfilmten. Die Schüler ließen sich nicht einschüchtern und kündigten an, weiterhin offen zu sagen, was sie von der Kriegsvorbereitung der Herrschenden halten. Die GEW erklärte ihre Solidarität mit den Betroffenen.
Andernorts zogen Pressevertreter los und bekannten offen, dass sie aufgefordert worden waren, nach der Rolle der SDAJ in den Streiks zu fragen. Der Jugendverband hatte sich schon vor einigen Wochen zu den von der konservativen Presse vorgebrachten Vorwürfen, er nutze Protestaktionen wie den Schulstreik gegen Wehrpflicht dazu, berechtigte Sorgen und Ängste junger Menschen für eigene Zwecke zu missbrauchen, geantwortet: „Eigene Zwecke? Offensichtlich! Niemand von uns hat Bock, im Krieg zu sterben. Schon mal drüber nachgedacht, dass wir auch SchülerInnen sind? Die Streiks sind nur der erste Schritt – wir müssen das Problem an seiner Wurzel packen. Deswegen: Organisier dich in der SDAJ!“
Als nächste Schritte orientieren die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht auf eine Aktionswoche rund um den „Veteranentag“ am 15. Juni, bereiten sich auf ihre dritte bundesweite Konferenz Mitte Juli vor, um sich dort auszutauschen und weitere Schritte zu diskutieren, und planen den vierten Streiktag im Herbst. Die Schulstreiks sind gekommen, um zu bleiben – und das macht Mut.









