Die Geschichte von Marius Jacob als Graphic Novel

Gentlemanverbrechen ohne Gentleman

Sie wissen jetzt, wer ich bin: Ein Rebell, der von der Beute seiner Einbrüche lebt. Die Gesellschaft gewährte mir nur drei Mittel für meine Existenz: Arbeit, betteln oder Diebstahl.“ Das erklärt Marius Jacob 1905 vor einem französischen Gericht, wo er wegen mehr als 150 Einbrüchen angeklagt ist.

Dabei hatten er und seine „Arbeiter der Nacht“, wie die Presse seine Bande nannte, die Öffentlichkeit verblüfft: mit Humor, Witz, Verkleidungen, Geschick und Einfallsreichtum. Und obwohl bei seinen Einbrüchen beziehungsweise auf der Flucht danach auch ein Polizist das Leben lassen musste, erinnert die Beschreibung heute am ehesten an jene Gentleman-Verbrecher, die man aus Filmen kennt. Ein Gentleman war Jacob allerdings nicht. „Die Arbeit, ohne jetzt zynisch klingen zu wollen, gefällt mir“, fährt er vor Gericht fort. „Aber ich hasse es, für einen Hungerlohn Blut zu schwitzen. Betteln ist Erniedrigung, die Verneinung der Menschenwürde. Alle Menschen haben das Anrecht auf das Bankett des Lebens.“

Marius Jacob, dem das Autorenduo Léonard Chemineau und MATZ jetzt eine Graphic Novel gewidmet hat, wurde in Marseille geboren. Der bei Bahoe Books erschienene Band folgt dem Jungen mit den Träumen von der großen weiten Welt, als er mit nur zwölf Jahren beginnt, zur See zu fahren. Dort erlebt er Ausbeutung genauso wie sexuelle Belästigung, desertiert schließlich und heuert auf einem Piratenschiff an (im Comic ohne es zu wissen). Die Zeichnungen scheuen in dieser Phase von Jacobs Lebensgeschichte nicht vor der erlebten Brutalität zurück. „Ich habe die Welt gesehen, schön war sie nicht“, wird Jacob vor Gericht über diese Zeit sagen. Sklaverei, Prostitution und Ausbeutung – was er gesehen hat, wird Jacob nicht mehr loslassen. Er will die Welt verändern, der Ausbeutung ein Ende bereiten. Er schließt sich den Anarchisten an, doch lassen zumindest Chemineau und MATZ ihn nie ganz warm werden mit der Gewalt, den Bombenanschlägen, der „Propaganda der Tat“. Schnell landet Jacob im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wird es schwierig mit einer Anstellung und schließlich greift er zu den Mitteln, durch die er für viele zum Volkshelden geworden ist: Einbrüche der besonderen Art.

Als eine Mutter kurz davor steht, ihre Bäckerei an einen Pfandleiher zu verlieren, verkleiden sich Jacob und seine Komplizen als Polizisten, durchsuchen das Haus des Pfandleihers, lassen sich den Tresor öffnen und führen den Pfandleiher sogar ins Gericht ab und lassen ihn dort auf einer Bank sitzen – sein Haus konnten sie in aller Ruhe ausräumen.

Lange geht das natürlich nicht gut. Zuletzt wird Jacob zu lebenslanger Zwangsarbeit in der Kolonie Guyana verurteilt. Erstaunlicherweise überlebt er.

So sympathisch einem die Einbrecherei mit Witz und Verkleidung Marius Jacob macht, so wenig warm wird man mit ihm als Person. Hehre Ziele beschreibt er immer wieder – seine Bande muss 10 Prozent von jeder Beute für „die Sache“ spenden. Er spricht in langen Monologen vor Gericht über die Freiheit des Menschen, setzt sich in Guyana dafür ein, dass Mitgefangene entlassen werden. Aber als es wirklich zur Sache geht, bleibt er untätig. In nur einem Bild zeigen die Autoren den Spanischen Krieg, in den der aus der Zwangsarbeit entlassene Jacob reist, und verbreiten die Mär von den Kommunisten, die die Anarchisten verraten hätten, und nur zwei Seiten später lassen sie ihren Protagonisten darüber schwadronieren, dass Faschismus und Staatskommunismus das Gleiche seien. Unangenehm wird es aber besonders, als Jacob mit Widerstandskämpfern spricht, die in seinem Haus übernachten. Auf die Frage, warum er nicht kämpft, antwortet Jacob: „Ich mag weder Pétain noch de Gaulle. Ich mag weder die Gaullisten noch die Kommunisten. Diese Kerle haben nur eins im Sinn: einen Staat nach ihren Vorstellungen zu gründen! Und ich will keinen Staat.“ Die anarchistische Freiheit Marius Jacobs bedeutet eben auch die Freiheit, die Faschisten gewähren zu lassen.

Trotzdem ist Chemineau und MATZ eine tolle Graphic Novel über einen besonderen Protagonisten gelungen. Sie fangen die Grauen der Ausbeutung ebenso ein wie die der Zwangsarbeit und erfreuen mit der Darstellung der „individuellen Enteignung“, wie Jacob seine Diebstähle nennt. Dass Marius Jacobs Weltanschauung ihn und seine Aktionen in einem unproduktiven Rahmen gefangen hält, tut dem keinen Abbruch.


MATZ und Chemineau
Marius Jacob – Die Arbeiter der Nacht
Bahoe Books, 128 Seiten, farbig, DIN A4, 25 Euro
Erhältlich im UZ-Shop


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Gentlemanverbrechen ohne Gentleman", UZ vom 29. März 2024



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