Zur KI-Debatte in den bürgerlichen Medien

Schlechte Handwerker

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) hat einen Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ offenbar von einem KI-Tool schreiben lassen. Noch bevor die Aufregung darüber richtig in Gang kommen konnte, stellte die „Tagesspiegel“-Chefredaktion ihren Editor-at-Large Stephan-Andreas Casdorff frei, weil dieser Meinungstexte mittels „Künstlicher Intelligenz“ verfasst haben soll.

Diese Vorgänge erschüttern das Selbstbild der Politik- und Medienblase, wonach die Teilnahme an der veröffentlichten Debatte ein Mindestmaß an handwerklichem Geschick voraussetzt. Wer an der großen Verdummung mitwirken will, muss selbst einen klugen Eindruck machen. In der Bevölkerung fällt der Aufschrei hingegen gering aus. Schließlich war der großen Mehrheit schon lange klar, dass es zum Verfassen der allermeisten Politikerreden und Zeitungsartikel keiner besonderen Intelligenz bedarf – egal ob natürlichen oder künstlichen Ursprungs.

Wer interessiert sich schon dafür, was ein Mario Voigt „denkt“? Denn was er veröffentlicht, unterscheidet sich nicht von dem Gewäsch anderer Ministerpräsidenten – egal welchen Parteibuchs. Überall das gleiche Wiederkäuen inhaltsloser Phrasen im Wirtschaftsberater-Stil. Wenig überraschend, dass das auch die unterentwickelten Verblödungsprogramme der Tech-Giganten auf die Reihe kriegen.

Wer als Politiker oder Journalist auffallen will, muss sich andere Nischen suchen. In einer Sphäre, die Nachdenklichkeit im Zuge der gesamtgesellschaftlichen Mobilmachung mit Nichtachtung oder gar Verdammnis straft, kann diese Nische nur auf der anderen Seite der Skala gefunden werden. Das beweisen Größen wie Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Berater sich vermutlich wünschen, dass er sich wenigstens einmal an KI-generierten Skripten orientieren würde.

Die aktuelle Aufregung um die KI-Texte rührt daher auch nicht aus der Sorge ums „Handwerk“, sondern mehr aus der Angst, dass alle Welt erkennen könnte, dass es überhaupt keines Handwerks bedarf, um den politischen Alltag in Deutschland zu gestalten. Denn die Erkenntnis von der verlustfreien Austauschbarkeit des Spitzenpersonals bedroht den ewiggleichen Trott des bürgerlichen Staats, nach dem die alltägliche Politik-Simulation legitimiert ist durch die Demokratie-Simulation an der Wahlurne.

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"Schlechte Handwerker", UZ vom 19. Juni 2026



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