Die Netflix-Serie „The Americans“ – die fünfte Staffel

James Bond im Mini-Van

Von Christoph Hentschel

Zeit-Management ist heute ein großes Thema. Beruf, Familie und alles andere unter einen Hut zu bringen ist schwer. Früher war es besser – könnte man zumindest meinen, wenn man sich die Netflix-Serie „The Americans“ anschaut. Diese spielt Anfang der 1980er Jahre in einem Vorort der US-amerikanischen Hauptstadt Washington. Das Ehepaar Elizabeth und Philip Jennings führt ein erfolgreiches Reisebüro und trotzdem haben sie immer Zeit für ihre zwei pubertierenden Kinder Paige und Henry und den recht anhänglichen Nachbarn, dem FBI-Agenten Stan Beeman. Hier wären schon die meisten des öfteren am Verzweifeln – Kinder abholen, Wäsche machen, Lebensmittel einkaufen, nur wann das alles? Aber den Jennings reicht das noch lange nicht. Sie sind KGB-Spione. Und das ist was anderes, als man von den „Kundschaftern für den Frieden“ (DDR-Spione im „Westen“) auf verschiedenen UZ-Pressefesten und Festivals der Jugend erzählt bekommen hat.

KGB-Spione à la Hollywood sind mehr als 24 Stunden am Tag auf Achse. Begnügten sich Kundschafter mit dem Sammeln von Informationen in ihrem Berufsfeld, führen die Jennings dagegen Scheinehen mit Top-Secret-Informanten, reisen permanent unter ständig wechselen Identitäten – immer perfekt mit Perücken gestylt – durch die USA, brechen in Hochsicherheitsanlagen des US-Militärs ein und töten am laufenden Band Menschen. Alles unter den Augen ihres FBI-Nachbarn Beeman. Waren Treffen der Kundschafter mit ihren Führungsoffizieren immer ein seltenes und aufwendiges Unterfangen, treffen die Jennings ihre Führungsoffiziere einfach mal im Park oder in der konspirativen Wohnung, wo der Verbindungsmann praktischerweise auch gleich wohnt. Mussten sich Kundschafter mit „Toten Briefkästen“ und Nachrichten aus dem Weltempfänger abfinden, so rennen die Jennings gerne mal mit Killerviren durch die Gegend und sind ständig auch mit der Zentrale in Moskau in Kontakt.

Und trotzdem macht die Serie, die jetzt bei Netflix in die fünfte Staffel geht, Spaß. Zum einen verlässt sie nie das leicht verdauliche, sich selbst erklärende Niveau, das man sich nach einem stressigen Tag noch antun will. Die Macher der Serie verzichten dankenswerterweise auf komplexe Handlungsstränge. Alle Szenen, die in der Sowjetunion spielen, sind mit einem Blaufilter unterlegt. So sieht man gleich, wie schlimm und trist die Auftraggeber der Jennings leben. Zum anderen ist für Sowjetunion-Sympathisanten die eine oder andere Anspielung dabei. Zum Beispiel als der Sohn Henry aus der Schule kommt und freudig erzählt, dass ein Astronaut, der auf dem Mond war, vor seiner Klasse sprechen wird. Elizabeth, die Mutter, antwortet darauf trocken, dass die eigentliche Leistung ja war, überhaupt ins Weltall zu kommen. Jeder Materialist kann auch die Entrüstung mitfühlen, wenn die Jennings erfahren, dass ihre Tochter Paige zu Jugendtreffen einer evangelikalen Kirche geht.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"James Bond im Mini-Van", UZ vom 28. Juni 2019



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