Ein Dokumentarfilm wirft neues Licht auf Viscontis Meisterwerk

Ein Opfer der Traumfabrik

Die Grundkonstellation verhieß eine filmkünstlerische Sternstunde: als Autor der Vorlage ein weltbekannter Nobelpreisträger namens Thomas Mann, der Stoff sein Meisterwerk „Tod in Venedig“. Als Regisseur firmierte Luchino Visconti, seit 1943 mit „Ossessione“ und „La terra trema“ eine Ikone der Filmgeschichte als Begründer des italienischen Neorealismus. Auch die Besetzung mit Dirk Bogarde als Dr. Aschenbach, Marisa Berenson als dessen Frau und Silvana Mangano als Tadzios Mutter versprach Schauspielkunst der Extraklasse. Die Weltpremiere von „Tod in Venedig“ wurde 1971 in London zusätzlich „geadelt“ als Royal Premiere mit Queen Elizabeth II.

Dass sie vor solch einem Monument der Filmgeschichte nicht voll Verehrung niederknien, machen die schwedischen Dokumentaristen Kristina Lindström und Kristian Petri schon in einem frühen Kommentar ihres Films „The Most Beautiful Boy in the World“ deutlich. Sie beschreiben Visconti, der auf der Suche nach seinem jungen Hauptdarsteller nach Castings in Ungarn, Polen, Finnland und Russland nun nach Stockholm fliegt, als „Mitglied des norditalienischen Hochadels“ und „Kommunisten mit Dienerschaft“ und als bekennenden Schwulen, der für seinen Tadzio nur „absolute Schönheit“ akzeptieren will. In dem 15-jährigen Blondschopf Björn Andrésen glaubt er die gefunden zu haben und die Probeaufnahmen von damals, Nah- und Halbnah mit nacktem Oberkörper, zeigen einen schlaksigen Jungen, der Regieansagen brav bedient, aber das gewünschte Lächeln nur sichtlich gequält liefert. Kein kommender Filmstar, sondern ein in die Filmwelt Gestolperter, mit dem man schon jetzt Mitleid hat.

Was das Regieduo Lindström/Petri hier vorlegt, kann man getrost als gezielten filmhistorischen Bildersturm bezeichnen. Dem Bild der „absoluten Schönheit“ folgt nämlich mit radikalem Jump-cut das Bild eines völlig verdreckten Küchenherdes, an dem ein verlotterter alter Mann mit wildem Bart sich einen Tee zubereitet. Der Schock sitzt tief, und man braucht einige weitere Informationen, bis man begreift: Der alte Mann ist niemand anderer als der schöne Junge von 1970, der trotz seiner Verwahrlosung und seiner inzwischen sechzig Jahre viel von seiner Schönheit bewahrt hat. Die Wohnung hat man ihm gekündigt, seine Freundin Jessica trifft Vorbereitungen für seinen Umzug, während er etwas zu komponieren versucht.

Wir erfahren, dass Andrésen seine Kindheit mangels Eltern bei der Großmutter verbrachte. Ihr verdanken die Filmemacher die alten Super-8-Aufnahmen von Viscontis Dreharbeiten, denn sie war die treibende Kraft hinter seinem Casting, wofür ihr Visconti eine Cameo-Rolle gab. Dem zeitgenössischen Tabu folgend hätten Viscontis Koproduzenten aus Tadzio „lieber eine Tadzia gemacht“, aber das war mit dem Meister nicht zu machen und beim Wettbewerb 1971 in Cannes stellte er dann Andrésen vor mit jenem Satz, der Lindström/Petri für ihren Film den Titel lieferte: „Der schönste Junge der Welt“. Seine Schwärmerei für seinen Star scheint aber schon da nüchterner geworden zu sein, denn gegenüber Journalisten findet er ihn „schon zu alt“ und beantwortet Fragen an Andrésen lieber selbst. Dieser wird später Viscontis Arbeit als „Regie, wenn überhaupt“ abtun und die Dreharbeiten einen „gelebten Alptraum mit Fledermäusen-Schwärmen“ nennen. Er erinnert sich an die „gierigen Blicke“ der Gäste in einem Schwulenclub, in den Visconti ihn nach der Premiere schleppte, denn – so der Filmkommentar – „für drei Jahre gehörte sein Gesicht Visconti“.

Andrésens Filmkarriere war praktisch beendet, bevor sie begann. Die gründlichen Recherchen von Lindström/Petri haben ein paar Nebenrollen, TV-Auftritte sowie Werbespots zu Tage gefördert – aber auch eine kurze Karriere als Sänger und als Star japanischer Manga-Cartoons. In einem TV-Interwiew lobt er zwar die „dicken Brieftaschen“, mit denen zweifelhafte Manager seine Gunst zu erkaufen suchten, sich selbst aber sieht er „nur noch als Wandertrophäe für sie“. Auf Anregung seiner Schwester beginnt er dem ungeklärten Verschwinden seiner Mutter nachzugehen, liest ihren Abschiedsbrief. Er hat Alpträume über vergessene Weggefährten, macht sich Vorwürfe, weil er durch seine Trunkenheit seinen achtmonatigen Sohn verloren hat. Das Filmteam besucht mit ihm das Luxushotel in Japan, wo er seine Manga-Erfolge feierte, und er freut sich, dass er vom Personal wiedererkannt wird. Aber er weiß, dass sein Leben verpfuscht ist, seit er den Träumen geglaubt hat, die die Traumfabrik Kino bereit hält.


The Most Beautiful Boy in the World
Regie und Drehbuch: Kristina Lindström/Kristian Petri
Im Kino


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Über den Autor

Hans-Günther Dicks (Jahrgang 1941), Mathematiklehrer mit Berufsverbot, arbeitet seit 1968 als freier Film- und Medienkritiker für Zeitungen und Fachzeitschriften, für die UZ seit Jahrzehnten.

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"Ein Opfer der Traumfabrik", UZ vom 23. Dezember 2022



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