Auf den Mann aus dem Hammersmith-Palais

Unsterblich gut

Ende der 1970er Jahre in London: Inmitten des Wahlkampfes, der Margaret Thatcher am Ende zur Premierministerin Britanniens machen wird und in dem die National Front nicht nur gegen Schwarze mobil macht, sondern auch Kinder dazu missbraucht, gegen „Kommunismus in Klassenzimmern“ zu protestieren, blüht eine Subkultur auf, deren Siegeszug ihrer Haltung entgegensteht und sie schnell obsolet machen wird. Mittendrin: Ray. Zwischen Arbeitsamt und Demobeobachtung arbeitet er in einem beschönigend 24-Stunden-Buchladen genannten Sexshop und hängt in Kneipen und auf Konzerten ab. Sein einziges Ziel ist, mit einer Band als Roadie auf Tour zu gehen. Das schafft er auch. Aber Ray bleibt während des ganzen Films ein Idiot. Jemand, der nicht schnallt, dass nach dem Aufwachen direkt ein Bier aufzumachen kein Zeichen von Coolness, sondern von Abhängigkeit ist, der sich wundert, wenn die Frau, von der er sich gerade auf dem Kneipenklo einen hat blasen lassen, abhaut, wenn er ihr erklärt, er glaube halt nicht an Liebe, und der der Band, mit der er abhängt, immer wieder erklärt, die Anti-Nazi-League wäre doch scheiße, Kommunismus was ganz ganz Schlimmes und niemals dürfe Musik politisch sein, und sich damit in die rechte Ecke stellt, aus der wir noch heute auf Konzerten und in Stadien genervt werden.

Warum also sollte man einen Film über einen solchen Typen gucken, zumal die Tonqualität des 1980 veröffentlichen Films in den Sprachszenen zu wünschen übrig lässt? Weil die Band, deren Roadie Ray wird, The Clash ist und Joe Strummer, Mick Jones, Paul Simonon und Topper Headon sich selber spielen. Und so kommen in der Spiel- und Dokumentarfilm-Mischung „Rude Boy“ nicht nur diejenigen in den Genuss von wunderbaren Live-Aufnahmen, denen es auf Grund der Ungnade der späten Geburt nicht vergönnt war, die legendäre Punk-Ikone in einem Konzert erleben zu können.

Wer sich also gar nicht erst in die krumme Geschichte um Ray begeben möchte, kann flugs zu Minute 44 springen und dabeisein, als „The Clash“ beim ersten „Rock against Racism“ im Londoner Victoria Park vor 50.000 Menschen „White Riot“ performen – und dem Rassismus damit eine klare Absage erteilen, was Ray gar nicht gefällt. Das Konzert, in dessen Nachfolge bis heute noch unter dem Namen „Love music, hate racism“ eine Reihe existiert, hatte seinen Ursprung nicht nur im Widerstand gegen die Umtriebe der National Front. Im September 1976 hatte David Bowie im „Playboy“ Bewunderung für Adolf Hitler ausgedrückt und gemeint, ein faschistischer Führer würde Britannien gut tun, kurz danach Eric Clapton ein Konzert in Birmingham zu einer Wahlkampfveranstaltung für den Rassisten Enoch Powell umfunktioniert. Britannien dürfe, so Clapton, keine „schwarze Kolonie“ werden. Die Zeit der politischen Undifferenziertheit war vorbei, auch für die Londoner Punkszene. Im Victoria Park traten daher neben The Clash Patrick Fitzgerald, X-Ray-Spex, die Tom Robinson Band und Steel Pulse auf.

Wer danach noch nicht genug hat von legendären Auftritten, kann zum Zeitstempel 1.41 hüpfen und Joe Strummer dabei zusehen, wie er noch auf dem Rücken liegend eine Crowd bei Laune hält und an seinen Lippen hängen lässt, oder sich direkt bei 2 Stunden 5 mit „I fought the law“ (im Original von The Crickets aus dem Jahr 1960) an der Live-Performance einer der besten Coverversionen eines Songs jemals zu erfreuen, aufgenommen im Londoner Lyceum Theatre.
Wer den Film trotzdem nicht sehen will, legt am Donnerstag die einflussreichste Platte der Geschichte auf und trinkt ein Bier zu „London Calling“. Warum?

Weil am 22. Dezember vor 20 Jahren einer der innovativsten Köpfe der Musikgeschichte, der großartige Joe Strummer, an einem zu Lebzeiten nicht erkannten Herzfehler gestorben ist. Er wurde nur 50 Jahre alt. Cheers, Joe!


Rude Boy
Englisch mit deutschen Untertiteln
Regie/Produktion: Jack Hazan und David Mingay | Buch: Ray Gange
Musik: Joe Strummer und Mick Jones
Mit Ray Gange sowie Joe Strummer, Mick Jones, Paul Simonon und Nicky „Topper“ Headon als sie selbst


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Unsterblich gut", UZ vom 23. Dezember 2022



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