Runde zu Erfahrungen aus Betrieb und Praxis auf den UZ-Friedenstagen

Kommunistische Betriebsgruppen sind Keimzellen

Nele Karlsberg

Die erfolgreichen Gründungen kommunistischer Betriebsgruppen und ihre Strategien waren auf den Friedenstagen Ende August in Berlin ein Thema, das viele Genossinnen und Genossen aus der Betriebsarbeit bewegte. Caro von der Bahn in Berlin, Paul aus dem Uniklinikum in Essen, Juliette von der Sammelbetriebsgruppe in Frankfurt und Tim von der Post in Kassel berichteten, wie sie sich in ihren Betrieben verankern und DKP-Betriebsgruppen gründen konnten.

Rainer Perschewski eröffnete die Runde mit der Frage, welche Themen in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen gesetzt werden können, um aus konkreten Erfahrungen und Konflikten Klassenbewusstsein zu entwickeln. Paul berichtete von der jüngsten Betriebsgruppe, die am 1. Mai gegründet wurde. In der Uniklinik Essen existiert seit 2018 ein Betriebsaktiv und seit drei Jahren zudem eine SDAJ-Betriebsgruppe. Die Streikerfahrungen gelte es mit Widerstand gegen das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz und die Militarisierung des Gesundheitswesens zu verknüpfen.

Tim kam über politische Berufsberatung zur Post. Schlechte Tarifrunden und die Flexibilisierungsstrategie, die zu Arbeitsverdichtung führt, sorgten dort für Unzufriedenheit. Was als Forum zum „Auskotzen“ begann, entwickelte sich weiter: Gemeinsam wurde „Dienst nach Vorschrift“ organisiert. Die gegenseitige Unterstützung erzeugte Gemeinsamkeit, Stärke und Vertrauen. Im April 2024 wurde schließlich die Betriebsgruppe gegründet. Auch bei Caro war eine politische Berufsberatung der Ausgangspunkt. Ziel war, Genossinnen und Genossen zu bündeln, um im Großkonzern Deutsche Bahn politisch Fuß zu fassen. Die Frankfurter Betriebsgruppe existiert seit Mai 2025. Ihre zentralen Themen sind Stellenabbau, die geplante Zerschlagung des Konzerns und die Militarisierung. Juliettes Sammelbetriebsgruppe verbindet Bahn, IT, Kita und U-Bahn; konkret ging es um den Abbau von bis zu 5.000 Arbeitsplätzen in der IT sowie um Versetzungen mit weniger Gehalt und Urlaub.

Alle Podiumsdiskutanten betonten die große Bedeutung der Betriebsgruppen: Kapazitäten bündeln, Überforderungen der Kernaktiven vermeiden und politische Orientierung geben. Vor jeder Gründung standen betriebliche Entwicklungsschritte oder Tarifkämpfe im Mittelpunkt. Der Zusammenhang zwischen Sozialabbau und Militarisierung sowie zwischen Arbeitsbedingungen und Kapitalismus müsse hergestellt werden, um politisches Wissen und Bewusstsein zu verankern und in Aktivität überzuleiten. In Kassel wurde „Der rote Postler“ herausgegeben, in Essen erschien eine Jubiläumsausgabe der „Klinikpresse“. Die Frankfurter Gruppe wirkt mit Postkartenverteilungen sowie Plakat- und Social-Media-Aktionen.

In allen Beiträgen wurde die Bedeutung der Gewerkschaften und ihre Verknüpfung mit den Betriebsgruppen deutlich. Wir Genossinnen und Genossen müssen uns stärker in die Gewerkschaften einbringen, um kämpferischer aufzutreten und politisch zu arbeiten. Tim zeigte am Beispiel einer Betriebsvereinbarung zu Kälte und Hitze in Höxter, wie fehlende Beteiligung der Beschäftigten Druck aus Verhandlungen nimmt. Stattdessen gilt es, Forderungen mit Kolleginnen und Kollegen konkret zu erarbeiten, Druck zu erzeugen und Verhandlungen zu begleiten. Die Sozialproteste geben die Chance, auch auf Gewerkschaftsebene in die Diskussionen zu gehen. Für die Uniklinik steht der Kampf um den Tarifvertrag Entlastung an. Zudem müsse die Militarisierung des Gesundheitswesens in die Gewerkschaften getragen werden.

Juliette brachte es auf den Punkt: „Nur wer überzeugt ist, gewinnen zu können, kann kämpfen. Wenn du weißt, warum kein Geld da ist, und wenn du weißt, wo es ist – dann kannst du kämpfen.“ In Frankfurt nahm die gewerkschaftliche Arbeit über Proteste gegen die AfD Fahrt auf. In der Plenumsrunde kamen Fragen zu Widerständen. Paul benannte fehlendes politisches Bewusstsein, Lethargie und Frust sowie eine Jugend ohne Kampferfahrung. Tim betonte, dass die Bildung von Betriebsgruppen eine genuine Aufgabe der Partei sei.

Das Ziel müsse darin bestehen, Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsame Schwerpunkte zu setzen – auch über Tarifkämpfe hinaus. Betriebsgruppen fungieren als Keimzelle des gesellschaftlichen Konflikts und können Friedensarbeit in die Betriebe tragen. Das drohende Gesundheitssicherstellungsgesetz könne man in klaren Worten für die Ansprache nutzen: „Willst du zur Arbeit gezwungen werden?“ Zusammen mit Protesten gegen die Wehrpflicht und Sozialprotesten könne so breit gewirkt werden. Die Sehnsucht nach Wirksamkeit sei bei vielen Kolleginnen und Kollegen spürbar – unsere Aufgabe in den Betrieben ist es, sie dort abzuholen und zu gewinnen.

Zum Abschluss wurden allen Betriebsgruppen unter tosendem Applaus DKP-Betriebsgruppenfahnen überreicht. Mit den konkreten Beispielen liegt es jetzt an uns, den Weg zu den nächsten Betriebsgruppen der Partei zu beschreiten.

Eine Langfassung dieses Artikels ist hier online verfügbar.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Kommunistische Betriebsgruppen sind Keimzellen", UZ vom 2. Oktober 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz.



    Spenden für DKP