Valentina Hanke kam in Leningrad zur Welt. Sie ist heute 90 Jahre alt und lebt in einem kleinen Ort rund 20 Kilometer östlich vom Berliner Zentrum. Für den 1. April hatte die Gesellschaft für deutsch-russische Freundschaft die hochbetagte ehemalige Übersetzerin eingeladen, um als Zeitzeugin über ihre Erinnerungen an die Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg zu berichten.
Der Beginn der Leningrader Blockade durch die deutsche Wehrmacht und ihre Verbündeten jährt sich in diesem Jahr zum 85. Mal. Mit der Blockade sollte die Bevölkerung gezielt dem Hungertod ausgesetzt werden. Die Belagerung fand vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 statt und dauerte 28 Monate. Dabei starben rund 1,1 Millionen Einwohner von Leningrad, die meisten verhungerten. Die Zeitzeugin Valentina Hanke war zu Beginn der Blockade sieben Jahre alt und durchlitt die komplette Belagerung als Kind.
Zwanzig Jahre habe sie nicht mehr über ihre Erinnerungen an die Blockade gesprochen, berichtete Valentina Hanke – es sei für sie jedes Mal zu schmerzhaft. Immer habe sie dabei weinen müssen und kaum noch sprechen können. Zuletzt habe der Bürgermeister ihrer Gemeinde sie doch überzeugt, wie wichtig es sei, dass sie ihre Erinnerungen teile.
Sie sei sieben Jahre alt gewesen, da gab es auf einmal so eine Unruhe im Hof, begann sie mit ihrer Erzählung. Und so hautnah – als wäre es ihr erst kürzlich passiert – nahm Valentina Hanke die Zuhörer mit in die schreckliche Zeit des Zweiten Weltkriegs in Leningrad.
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Es sei ein sehr kalter Herbst gewesen im Jahr 1941 und die Menschen seien im Hof zusammengekommen und äußerst unruhig gewesen. Kurze Zeit später sei ein Lkw gekommen. Ihre Mutter sei dort am Lkw gestanden mit dem einjährigen Bruder auf dem Arm. Die Mutter habe erfahren, dass ihre Kinder weggefahren werden sollten. Mit dem Lkw sollten sie evakuiert werden. „Wenn wir schon sterben müssen, sterben wir alle zusammen“, habe die Mutter gesagt und sie und ihren Bruder bei sich behalten.

Im Winter 1941 seien Lebensmittelkarten verteilt worden für die Verteilung der wenigen Nahrungsmittel. Die Oma habe es abgelehnt, etwas zu essen. Sie habe gesagt: „Meine Lebenskarten gehören den Kindern“, erinnert Valentina Hanke 83 Jahre später unter Tränen ganz genau die Worte ihrer Oma. Nicht einen Krümel Brot habe die Oma mehr zu sich genommen. Nur aufgetauten Schnee habe sie noch getrunken. Leitungswasser habe es da schon nicht mehr gegeben. Die Menschen hätten den Schnee aufgetaut, ganz weißen Schnee, um etwas zu trinken. Völlig steif gefroren sei die Oma auf dem Pelzmantel ihres Vaters gelegen. So sei sie gestorben.
Ein paar Monate später starb Valentinas Bruder. Er wurde ein Jahr und neun Monate alt. Nachbarn bauten einen kleinen Sarg. Auf dem Schlitten zogen sie und die Mutter den toten Bruder zum Friedhof. Der Weg sei immer enger geworden, je näher sie zum Friedhof kamen. Links und rechts vom Weg stapelten sich die toten Menschen. Am Ende sei der Weg so eng geworden, es sei kaum noch ein Durchkommen gewesen mit dem Schlitten und dem Sarg. Durch Massen von Toten erkämpften sie sich den Weg zum Friedhof. Einmal sei ihr so gewesen, als hätte sie einer der Toten mit offenen glasigen Augen angestarrt. Diesen Blick habe sie ihr ganzes Leben nicht vergessen.
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Sie sollten das Holzhaus verlassen, in dem sie lebten. Man brauchte das Holz zum Heizen. In einer Gemeinschaftswohnung hätten sie ein Zimmer bekommen, sie und ihre Mutter. Tagsüber sei sie dort alleine gewesen. Die Mutter musste zu Arbeitseinsätzen auf Schuttanlagen. Der Weg dahin war weit. Oft sei sie abends nicht nach Hause kommen. Da habe die Mutter eine Freundin der Oma gefragt, ob das Kind zu ihr dürfe. So kam Valentina mit sieben Jahren in eine andere Gemeinschaftswohnung ins Stadtzentrum von Leningrad. Dort lebten sie zusammen in einem Zimmer, die Freundin der Oma und Valentina. Alltäglich las sie ihr aus der Bibel vor.

In der Nähe gab es eine Schule, an der Valentina angemeldet wurde. Viele Kinder schafften den Weg zur Schule nicht mehr – vor Hunger und Schwäche. Auch ihr sei der Weg sehr schwergefallen, erinnerte sich Valentina Hanke. „Es gab zu viel Wasser in Beinen und Füßen“. So aufgequollen waren ihre Kinderbeine, sie konnte fast nicht gehen. Besonders schwer war es beim Treppensteigen in der Schule. Ein Schularzt habe ihre Beine mit einer Salbe behandelt und bandagiert. Da wurde es besser.
In der Schule gab es für jedes Kind am Tag 125 Gramm Brot zum Frühstück. Es waren 125 Gramm, erinnert sich die Zeitzeugin noch nach all den Jahren. Ein Mittagessen aus der Schulküche bekamen die Kinder auch. Die Lehrer forderten die Menschen im Wohnviertel auf, ihre Wohnungstüren nicht abzuschließen. Sie wussten, wo Kinder wohnten. Regelmäßig wurden Rundgänge durch die Wohnungen gemacht. Es kam vor, dass noch Kinder in Wohnungen lebten, deren Eltern schon tot waren. Die Waisen wurden dann abgeholt und gepflegt. Bewegt teilt sie ihre Erinnerung an die Rettung von einigen Kindern in Leningrad: „So wurden Schulkinder wieder zum Leben gebracht.“
Unglaublich geduldig seien die Lehrer gewesen mit den Kindern in dieser Zeit. Obwohl die Kinder in der Schule so viele Dummheiten anstellten, sehr viele Dummheiten, weiß sie bis heute. Als Zuhörer spürt man, wie dankbar Valentina immer noch ist für die Geduld der Lehrer von Leningrad. Während die deutsche Wehrmacht einen Genozid an der Bevölkerung von Leningrad ausübte, versuchten sowjetische Lehrer, den Kindern etwas Freiheit zu schenken.
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Als die Blockade gebrochen wurde, war Valentina zwölf Jahre alt. Sofort danach sei Leningrad sehr gut versorgt worden, berichtet sie. „Wir haben sozusagen Kaviar mit Löffeln gegessen.“
In der Schule hingen Plakate mit Deutschen, sie hatten Hörner am Kopf. Die deutschen Kriegsgefangenen sollten durch Leningrad kommen. „Wir Kinder hörten, ‚Die Deutschen kommen‘, und da bekamen wir schulfrei. So rannten wir durch die Stadt, um die Menschen mit Hörnern zu suchen.“ Valentina habe dann einen Zug mit deutschen Soldaten gesehen. Es seien Offiziere dabei gewesen. Aber Hörner hatten sie keine. In ihrer Erinnerung hat ein deutscher Offizier sie angelächelt auf dem Weg in die Gefangenschaft.
Deutsche Erinnerungskultur
Ursprünglich hatte die Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft Valentina Hanke in einen Veranstaltungsaal in der Gemeinde Bernau in Brandenburg eingeladen. Für diesen Saal hatte es zuvor auch eine Zusage für eine Fotoausstellung über die Leningrader Blockade mit dem Titel „Zeit, sich zu erinnern“ gegeben. Doch auf einmal erteilte der dortige Bürgermeister den Veranstaltern eine Absage. Es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für diese Erinnerungskultur, hieß es unter anderem in seinem Schreiben. So durfte auch die 90-jährige Zeitzeugin Valentina Hanke in Bernau nicht über ihre Erinnerungen sprechen.
Daraufhin stellte der Unternehmer Thomas Sommer seine Feierscheune in Schwanebeck (Panketal) für die Ausstellung zur Verfügung. Am zweiten Märzwochenende fand dort die Eröffnung statt – und auch Zeitzeugin Valentina Hanke war mit ihren Erinnerungen herzlich willkommen. Zu Beginn der Veranstaltung am 1. April begrüßte Torsten Rexin, Vizevorsitzender der Freundschaftsgesellschaft, die Gäste – darunter auch ein Vertreter der russischen Botschaft aus Berlin.
Kontakt zur Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft: gdrf.info









