Als der Pole Karol Wojtyla während seines Pontifikats als Johannes Paul II. im Frühjahr 1983 zu einem Staatsbesuch in Nikaragua eintraf, verweigerte er dem zu seiner Begrüßung am Rollfeld auf die Knie gesunkenen Priester, Minister und Dichter Ernesto Cardenal den Gruß und drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger. Später suspendierte er den Verfechter der Theologie der Befreiung sogar vom Priesteramt. Noch funktionierte die offen reaktionäre Taktangabe aus dem Vatikan, half Washington, „seinen Vorhof“ von emanzipatorischen Bestrebungen freizuhalten und revolutionäre Beispiele zu diskreditieren. Der deutsche Nachfolger Joseph Ratzinger überwand die Rückständigkeit seines Amtes nur einmal – als er es, anders als alle Päpste seit 1294, zu Lebzeiten niederlegte.

Eine Wende kam mit der Wahl des in Buenos Aires geborenen Jorge Mario Bergoglio, der unter Berufung auf Franz von Assisi, den Mann der Armut und des Friedens, Franziskus heißen wollte. Höfischen Prunk meidend, einem einfachen, volksverbundenen Lebens- und Führungsstil zugeneigt, wagte er nicht nur Vorstöße in Richtung zeitgemäßerer Kirchensichten auf die Rolle der Frau, des Ehestandes und anderer Lebensgemeinschaften, sondern äußerte sich auch in ungewohnter Weise zu Fragen der Friedenssicherung, einer humanen Wirtschaftsentwicklung sowie zur Erhaltung des globalen ökologischen Gleichgewichts. Im System des Geldes, meinte er, sei „alles Schwache … wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden“. Macht müsse man nutzen, um das Volk zu beschützen, hatte er zu seinem Amtsantritt gesagt und: „Lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten.“ Sein Engagement wurde konkret. Er besuchte die Bootsflüchtlinge auf Lampedusa, forderte ein Ende der bewaffneten Konflikte im Nahen Osten, plädierte 2024 für eine Untersuchung der gegen Israel erhobenen Vorwürfe eines Völkermords in Gaza, befürwortete „Raum für Verhandlungen“ im Ukraine-Krieg, mahnte beim Besuch von Hiroshima und Nagasaki die weltweite Abschaffung von Kernwaffen an und verurteilte noch in seinem Todesjahr Trumps Pläne für Massenabschiebungen aus den USA. Der Stachel gegen den Washingtoner Cäsaren und seinesgleichen war unverkennbar gesetzt.
Und nun Leo XIV., der Amerikaner. Die Traditionalisten hofften, er würde Franziskus’ Widerspruchsgeist einfangen, und irrten sich in mancher Hinsicht. Gewiss hatte Robert Francis Prevost, so sein bürgerlicher Name, bereits als Bischof in Peru gegen Armut, Unrecht und Umweltzerstörung gekämpft, 2017 sogar den peruanischen Diktator Alberto Fujimori in scharfer Form aufgefordert, sich bei den Opfern seiner Schreckensherrschaft zu entschuldigen. Auch hatte er sich mit der Trump-Regierung schon wegen des von einem Polizisten zu Tode gewürgten farbigen Amerikaners George Floyd angelegt. Nun aber startete der MAGA-Fürst heftige verbale Attacken auf den Heiligen Vater. Weil der den Iran-Krieg kritisiert hatte, attestierte ihm Trump eine „schreckliche“ Außen- und Sicherheitspolitik. Der Papst konterte auf seinem Flug nach Afrika, er habe „keine Angst vor der Trump-Regierung“ und mache keine Abstriche an seiner Friedensbotschaft. Und er legte beziehungsreich noch eine Schippe drauf: Die Welt werde von einer „Handvoll Tyrannen verwüstet“. Auch wenn bestritten wird, dass Mitarbeiter des US-Kriegsministers Hegseth präventiv mit der Möglichkeit eines erzwungenen Umzugs der katholischen Obrigkeit, wie im 14. Jahrhundert nach Avignon, gedroht hätten, die Verstimmung ist perfekt. Der Stachel sitzt. Und er sitzt umso mehr, als der narzisstische „Friedensheiland“ die in ihrer Peinlichkeit schon wieder urkomischen Bildcollagen (Trump heilt einen Kranken, Jesus legt Trump seine Hand auf die Schulter usw.) wegen wahlgefährdenden Shitstorms wieder löschen musste. Chapeau den Päpsten mit einem Stachel, den beim katholischen Kanzler der Deutschen niemand vermutet!


