Zu „Mann im Eis“, UZ vom 4. Dezember

Mental zugerichtet

Olaf Brühl, Berlin

Großes Kompliment! Nach dreißig Jahren rabiater Kulturvernichtung liest man nun doch endlich ein einziges Mal eine Theaterkritik, in der ihr Autor feststellt, dass die Dramatisierung eines Romans nicht nur kein Stück bringt, kein Theater ist, sondern bloß ein Verkaufstrick ist, ein Etikettenschwindel. Wie schon Peter Hacks feststellte, ist hierzulande das Theater als solches längst abgeschafft worden (dieses berühmte Medium der Demokratisierung und des Humanismus): insofern, als keine Stücke, geschweige Dramen, mehr gespielt werden, sondern nur „dramatisierte“ Filmdrehbücher, Romane, Dokumentationen, Briefe, TV-Shows oder Soap-Operas: aber eben kein Theater! Und wo aus Geschäftssinn doch ein Stück oder Drama auf dem Spielplan sich findet, darf man gewiss sein, dass es keineswegs aufgeführt wird, sondern nur dessen „spannende“ Parodie oder Übermalung oder Zertrümmerung. Der Erfolg des Verfahrens ist nachhaltig: Die Aufführung eines Stückes, eines Dramas, das ist mittlerweile unmöglich geworden und würde völlig auf Verständnislosigkeit stoßen. Denn alles ist runtergedampft auf das Level von „Tatort“, kulturell ist die BRD nur noch Tatort und das tagtäglich: bevor bei Maischberger & Co. die immergleichen Studiogäste „die Nation“ mit ihren Statements meinungsmäßig „aktuell“ eindrillen, sind sie zuvor von den Tageskrimis bereits mental zugerichtet worden. Danke, Ken Merten, für den Artikel!

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"Mental zugerichtet", UZ vom 11. Dezember 2020



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