Über den (Brief-)Markenkern der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“

Rechte Brieffreundschaften

Weltweit sitzen Systemkritiker im Gefängnis. Menschenrechtler, Oppositionelle und Künstler. Je mehr Aufmerksamkeit diese Fälle in der freien Welt bekommen, desto größer ist die Chance, dass die Menschen in ihrer Haft gut behandelt werden.“ Und deshalb, so die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM), könne und solle man jetzt dem Gefängnispersonal zeigen, dass zehn Gefangene weltweit Unterstützung bekommen und somit verhindern, dass sie gefoltert werden. Und zwar ganz einfach, indem man eine „Briefmarke individuell“ der Deutschen Post für den Brief an die oder den Gefangenen verwendet – bei den 1,10-Euro-Marken für die internationale Zustellung hat die IGFM nämlich das Konterfei des jeweiligen Adressaten aufdrucken lassen. Indem er ordentlich eine geklebt bekommt, weiß der Folterer ab sofort, dass im Leben nichts ungesühnt bleibt.

Nun gilt das nicht etwa für politische Gefangene in den USA, Kolumbien, der Ukraine oder Israel. Denn die IGFM ist mitnichten eine Organisation, die sich – wie ihr Name vermuten lassen könnte – für Menschenrechte einsetzt, sondern meist gezielt und exklusiv für rechte Menschen in missliebigen Staaten. Die Folterer der Gefangenen, die unterstützt werden, stellen bei der gerade angelaufenen Briefmarkenaktion 3 x Iran, 1 x China, 2 x Kuba, 1 x Saudi-Arabien, 1 x Türkei und 2 x Weißrussland; bei anderen Aktionen sind auch gern Vietnam, Russland oder Venezuela am Pranger. Um unvermeidliche Ausrutscher wie Saudi-Arabien, Pakistan oder die Türkei zu kompensieren, tauchen dann und wann auch Laos oder Nicaragua auf.

Wer sich im Gegensatz zur IGFM tatsächlich für Menschenrechte einsetzt, weiß zunächst, dass diese unteilbar sind. Hinzu kommt, dass Menschenrechte – aufgrund ihrer Universalität eng gekoppelt an den Begriff und die Einnahme eines notwendigerweise antikolonialen, antirassistischen und antidiskriminierenden Menschheitsstandpunkts – seit den Tagen von Abbé Raynal, Diderot, Kant, Rousseau, Herder oder Voltaire die Sache der fortschrittlichen, linken Kräfte sind. Deren Verwirklichung ist nicht eine Frage der Moral, sondern der materiellen Voraussetzungen, weshalb rechte, gegenaufklärerische und antisoziale Akteure schon per definitionem als Menschenrechtler ausfallen, so sehr sie sich auch als solche geben. Aber weil es sich in einer irrationalen Welt gehört, den Dieben bei der Verhaftung der Bestohlenen zu helfen, kommen diese Leute mit ihren Kampagnen medial immer wieder in die Köpfe der Menschen, für deren soziale Rechte sich genau die einsetzen, auf die dann der Finger (und oft genug auch der Lauf) gerichtet ist.

Jeder Staat, der sich für Chancengleichheit einsetzt und deshalb neben den politischen auch die sozialen Menschenrechte propagiert, wird von der IGFM leidenschaftlich bekämpft. Und fast jeder Rapper, Blogger oder Künstler (inklusive derer, die sich dafür ausgeben), der mithilft, einen solchen sozialen Staat zu stürzen, kommt in den Genuss einer Solidaritätskampagne. Hunderttausende politische Gefangene in den anderen 180 Staaten der Welt interessieren die IGFM nicht, wiewohl sie in ihrem „Leitbild“ behauptet, sie bekenne sich zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948 – um dann auf „igfm.de“ nur deren politische Rechte aufzuführen.

Aber bevor von uns die Verquickung von IGFM und Deutscher Post angeprangert wird und vielleicht gar das Wort vom Postimperialismus die Runde macht: Es geht auch anders. Unter „Briefmarke individuell“ können auf „deutschepost.de“ auch andere Motive als die von Konterrevolutionären geordert werden. Da fällt uns doch gewiss das eine oder andere Gegenstück ein.

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"Rechte Brieffreundschaften", UZ vom 4. Juni 2021



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