Zu Sonntagsöffnungen für Bibliotheken

Anstandslos

Kultur steht einem immer gut zu Gesicht – und wer sich damit schmückt, kann manchmal sogar davon ablenken, dass er finstere Pläne hat. Das wird sich auch die Bundesregierung gedacht haben, als sie in ihren „Reformpaket“ genannten Generalangriff eine Sonntagsöffnung für Bibliotheken gesteckt hat. Zumindest dann, wenn es nichts kostet.

Sonntags in die Bibliothek gehen können, stöbern, schmökern, sich beraten lassen und Bücher ausleihen, ganz ohne Werktagsstress – klingt toll. Und diese Sonntagsöffnung, wie bei anderen Kultureinrichtungen üblich, würde (vernünftiger Lohn- und Freizeitausgleich vorausgesetzt) auch Sinn ergeben: Bibliotheken sind beliebter denn je; bei 110 Millionen Besuchen wurden im vergangenen Jahr 270 Millionen Medien ausgeliehen: zum Lernen, zum Entdecken fremder Welten, zum Vergnügen.

Aber diese Erlaubnis wird folgenlos bleiben, wenn die Kommunen nicht endlich genügend Geld zur Verfügung haben, um die Daseinsvorsorge zu finanzieren. Denn Bibliotheken gehören zu den „freiwilligen Aufgaben“, an denen die kaputtgesparten Kommunen bisher schon den Rotstift anlegten.

Und so wurden zwischen 2013 und 2023 jedes Jahr 130 Bibliotheken geschlossen, im vergangenen Jahr war jede dritte Bibliothek von Sparmaßnahmen betroffen, jede fünfte musste ihr Budget um 10 Prozent kürzen. Und bevor der wirklich Letzte in den wohnortnahen Kulturzentren, die Bibliotheken mit vernünftiger Ausstattung sein könnten, das Licht ausmacht, erfolgen oft „vorübergehende Schließzeiten“ oder Stadtteilbibliotheken haben nur noch tage- oder stundenweise geöffnet.

Um sich das Ausmaß der Unterversorgung der Bibliotheken anzuschauen, hätten Merz und Konsorten noch nicht mal in eine ländliche Gegend gemusst. Die Berliner Zentral- und Landesbibliothek musste unter dem Kulturkahlschlag des CDU-Senats 2,2 Millionen Euro einsparen – allein im vergangenen Jahr. In den kommenden fünf Jahren wird jede zehnte Stelle gestrichen.

Es ist unanständig, wenn diese Regierung sich damit brüstet, längere Öffnungszeiten für Bibliotheken zu ermöglichen und gleichzeitig den Kommunen keinerlei Spielraum lässt, diese finanziell und personell auszustatten. Über Anstand könnten Merz und Klingbeil etwas in der nächsten Bibliothek recherchieren. Wenn sie noch eine offene finden.

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"Anstandslos", UZ vom 10. Juli 2026



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