Die toxischen Spätfolgen der Chempark-Explosion

Rheinalarm

Jan Pehrke

Als einfache „Opferstrecke“ für Produktionsrückstände betrachtete der Chemiekonzern „Bayer“ den Rhein zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Seine ehemalige Tochtergesellschaft „Currenta“ geht davon bis heute nicht ab. Nach der Explosion im Leverkusener Chempark Ende Juli 2021, die sieben Menschen das Leben kostete, leitete das Unternehmen Unmengen kontaminiertes Löschwasser ohne behördliche Genehmigung in den Fluss ein. 9,5 Millionen Liter des zuvor mit anderen flüssigen Rückständen des Chemie­areals vermengten „Ereigniswassers“ pumpte der Konzern über die Kläranlage und unter Zusatz von Aktivkohle in das Gewässer. Einem Sprecher des Unternehmens zufolge reichten die Rückhaltekapazitäten der Tanks auf dem Gelände nicht aus, im Zuge der Gefahrenabwehr musste Currenta deshalb zu dieser Maßnahme greifen. Auf diese Weise strömten perfluorierte Verbindungen, Pestizide und andere Chemikalien in den Rhein. Allein 60 bis 70 Kilogramm des – innerhalb der EU wegen seiner Gefährlichkeit verbotenen und vermutlich von Bayer stammenden – Pestizids Clothianidin, das eigentlich hätte verbrannt werden müssen, waren darunter.

Die Öffentlichkeit erfuhr lange nichts davon. In dem Bericht, den NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) dem Umweltausschuss des Landtages im August 2021 vorlegte, hieß es noch: „Das Löschwasser sowie kontaminiertes Kühlwasser konnte nach Angabe des Anlagenbetreibers komplett in Stapeltanks innerhalb des Entsorgungszentrums aufgefangen werden. Zu einer Einleitung über die Gemeinschaftskläranlage in den Rhein kam es danach nicht.“ Mit einem „kommunikativen Missverständnis“ zwischen ihrem Haus und dem „Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz“ (LANUV) erklärte Heinen-Esser die Fehlinformation am Mittwoch letzter Woche im Umweltausschuss: „Der Begriff ‚einbinden‘ wurde nicht als ‚einleiten‘ verstanden“, so die Ministerin. Dennoch hielt sie die Entscheidung der Currenta für „nachvollziehbar“. Und überhaupt – alles halb so schlimm: „Bei der Beprobung wurde eine Überschreitung der geltenden Überwachungswerte nicht festgestellt.“

Der „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND) hält das für „eine unverantwortliche Verharmlosung“. Nach Angaben des Umweltverbands überschritten die Messdaten für perfluorierte Verbindungen mit 10 Mikrogramm pro Liter den Orientierungswert von einem Mikrogramm pro Liter an vier Tagen deutlich. Ähnlich beurteilt der BUND die Konzentration von Clothianidin von über 100 Mikrogramm pro Liter. „Dies ist trotz Verdünnung im Rhein nicht akzeptabel“, so der BUND.

23.500 Kubikmeter „Ereigniswasser“ gelangten dann mit amtlicher Genehmigung in den Fluss – und 1.300 Kubikmeter auf Schleichwegen, genauer: durch eine Schleich-Leckage. Über nicht weniger als fünf Monate hinweg floss aus einem undichten Tank chemikalienhaltiges Löschwasser aus der Kläranlage Leverkusen-Bürrig ab, ohne das zweistufige Aktivkohle-Reinigungssystem durchlaufen zu haben. Obwohl der Behälter über eine Füllstands-Messeinrichtung und eine Radarsonde verfügte, bemerkte der Chempark-Betreiber den durch eine defekte Klappe ausgelösten Abgang nicht.

Schon bei einem Großbrand auf dem Chempark-Gelände im Jahr 2016 hatten die Auffangkapazitäten für das Löschwasser nicht ausgereicht, aber weder Bayer als damaliger Currenta-Mehrheitseigner noch die Politik reagierte. Dabei ist die Problematik seit dem Sandoz-Unglück von 1986 bekannt, als mit dem „Ereigniswasser“ 20 Tonnen Chemie-Gifte in den Rhein gerieten. Und Besserung naht hier nicht. Wie Horst Büther von der Bezirksregierung Köln vor dem Umweltausschuss bekundete, droht in Zukunft über die Aufweichung der Löschwasserrückhalte-Richtlinie sogar noch größeres Ungemach. Die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ übte in einer Pressemitteilung Kritik an der Rheinverschmutzung durch den Chempark-Betreiber: „Die Currenta und die hinter ihr stehende Investmentbank ‚Macquarie‘ vernachlässigen aus Profitgründen die Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt. Und die Politik hält wieder einmal die schützende Hand darüber.“

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"Rheinalarm", UZ vom 28. Januar 2022



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