Schaulaufen der Todbringer in Nürnberg. Kritische Stimmen aus den Gewerkschaften

Rüstungsboom plus Deindustrialisierung?

Die Botschaft ist unmissverständlich: „Wir brauchen so etwas wie eine Kriegswirtschaft.“ Dies hatte Clemens Fuest, der Präsident des ifo-Instituts in München, bereits Ende 2025 erklärt. Wenig später legte der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in einem Interview mit der „Welt“ nach: Man werde die europäischen Volkswirtschaften auf Kriegswirtschaft umstellen müssen.

Die geforderte und spätestens mit der Ausrufung der „Zeitenwende“ praktizierte Ausrichtung der Wirtschaft auf militärische Produktion konnte man in der vergangenen Woche in Nürnberg anschaulich sehen. Die Messe Enforce Tac unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Friedrich Merz war ein großes Schaulaufen der Rüstungsunternehmen. In sieben Hallen und auf 60.000 Quadratmetern Fläche zeigten 1.300 Aussteller ihre todbringenden Produkte. Damit war die Messe im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um rund 30 Prozent gewachsen.

Auch die Ausstellerstruktur bei der Enforce Tac hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Lange war sie vor allem von kleineren Spezialanbietern für Geräte wie Pistolen und Holster, Schalldämpfer oder Nachtsichtgeräte für Polizei und Spezialeinheiten geprägt. Inzwischen präsentieren sich in Nürnberg aber auch Rheinmetall, KNDS und andere Branchenriesen der Rüstungsindustrie mit schwerem Gerät. Künftig soll die Veranstaltung mit politischer Unterstützung noch weiter wachsen und eine europäische Führungsrolle einnehmen, hieß es dazu aus Wirtschaftskreisen.

Während die Rüstungsindustrie boomt, schreitet die Deindustrialisierung in den zivilen Sektoren immer weiter voran. Nach jüngst veröffentlichten Zahlen der Beratungsgesellschaft EY wurden allein im vergangenen Jahr 124.000 industrielle Arbeitsplätze vernichtet. Damit fiel der Stellenabbau fast doppelt so hoch aus wie noch 2024. Auch 2026 dürfte sich dieser Trend aufgrund schwacher Aufträge und des hohen Wettbewerbsdrucks fortsetzen, so die düstere Prognose der EY-Analysten.

Doch der Widerstand wächst. So positionieren sich inzwischen zahlreiche gewerkschaftliche Organisationen gegen Militarisierung und Kriegswirtschaft: „Der DGB Hessen-Thüringen bleibt antimilitaristisch. Wir setzen uns gegen jede Militarisierung unserer Gesellschaft ein. Unser Handeln steht im Geiste der Friedensbewegung unter dem Motto ‚Nie wieder Krieg!‘“, so der Wortlaut eines Antrags, den die Delegierten der Bezirkskonferenz im vergangenen Dezember in Bad Hersfeld mit großer Mehrheit verabschiedeten.

Ende Januar verabschiedeten zudem Vertrauensleute der IG Metall bei den Ford-Werken in Köln eine Erklärung. Der Titel des Papiers lautete: „Nein zur Kriegswirtschaft! Wir geben unsere Kinder nicht für Kriege.“ Die Kolleginnen und Kollegen warnten darin davor, Existenzängste in der Autoindustrie zu nutzen, um die Umstellung auf Rüstungsproduktion als Jobgarantie zu verkaufen. Aufrüstung sichere keinen Frieden, sondern bereite Kriege vor. Zudem verwiesen sie auf mögliche Einschränkungen von Streikrechten und Arbeitsverpflichtungen im Falle eines staatlich ausgerufenen Notstands sowie auf Zwangsverpflichtungen nach dem Arbeitssicherstellungsgesetz im Kriegsfall.

Rückendeckung erhielten die Kölner Vertrauensleute aus dem Vorstand der IG Metall: „Die IG Metall steht ohne Wenn und Aber für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“, hieß es auf Nachfrage der „Berliner Zeitung“ aus der Wilhelm-Leuschner-Straße in Frankfurt. „Die Rüstungsindustrie wird den Industriestandort Deutschland nicht retten.“ Die geplante Steigerung der Verteidigungsausgaben werde zwar zu einem Beschäftigungsaufbau im Rüstungsbereich führen. Dieser könne aber den drohenden Wegfall von Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie, im Zuliefererbereich und in anderen Kernbranchen der Metall- und Elektroindustrie nicht ausgleichen.

Die IG Metall warnt deshalb davor, „jetzt alle Hoffnung auf die wehrtechnische Industrie zu setzen und andere Branchen zu vernachlässigen“. Stattdessen müssten die Kernbranchen stabilisiert werden.

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"Rüstungsboom plus Deindustrialisierung?", UZ vom 6. März 2026



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