Vor 175 Jahren erschien Engels‘ Studie „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“. Ein Klassiker, neu gelesen

Scheinbar verbessert

Mit seinem Werk legte der damals 24-jährige Engels eine umfangreiche Studie zu den Arbeits- und Lebensbedingungen in England, dem damals am weitesten fortgeschrittenen Land, vor. Fast zwei Jahre bereiste er die Industriestädte Englands, bekam das Elend zu Gesicht.

„Ich habe lange genug unter euch gelebt, um einiges von euren Lebensumständen zu wissen; ich habe ihrer Kenntnis meine ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet; ich habe die verschiedenen offiziellen und nichtoffiziellen Dokumente studiert, soweit ich die Möglichkeit hatte, sie mir zu beschaffen – ich habe mich damit nicht begnügt, mir war es um mehr zu tun als um die nur abstrakte Kenntnis meines Gegenstandes, ich wollte euch in euren Behausungen sehen, euch in eurem täglichen Leben beobachten, mit euch plaudern über eure Lebensbedingungen und Schmerzen, Zeuge sein eurer Kämpfe gegen die soziale und politische Macht eurer Unterdrücker.“

Die Arbeit prägte nicht nur die aufkommende Arbeiterbewegung, sondern übte auch auf die entstehende bürgerliche Sozialwissenschaft einigen Einfluss aus. Diese sparte allerdings nicht mit Kritik. Engels‘ Parteilichkeit für die Arbeiterklasse sei unwissenschaftlich. Dabei näherte sich dieser in der praktischen Arbeit einer über die bürgerlichen Ansichten hinauswachsenden Bewertung der Wissenschaften. Sein Freund Marx formulierte sie im gleichen Jahr in seinen „Thesen über Feuerbach“:

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: aber er fasst die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im ‚Wesen des Christenthums‘ nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefasst und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der ‚revolutionären‘, der ‚praktisch-kritischen‘ Tätigkeit.“

Der Kern der Arbeiterbewegung

Bei Engels liest sich diese theo­re­tische Verarbeitung auf philosophischer Ebene so:

„Die Reihenfolge, nach der wir die verschiedenen Sektionen des Proletariats zu betrachten haben, ergibt sich von selbst aus der vorhergehenden Geschichte seiner Entstehung. Die ersten Proletarier gehörten der Industrie an und wurden direkt durch sie erzeugt; die industriellen Arbeiter, diejenigen, die sich mit der Verarbeitung von Rohstoffen beschäftigen, werden also zunächst unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Die Erzeugung des industriellen Materials, der Roh- und Brennstoffe selbst, wurde erst infolge des industriellen Umschwungs bedeutend und konnte so ein neues Proletariat hervorbringen: die Arbeiter in den Kohlengruben und Metallbergwerken. In dritter Instanz wirkte die Industrie auf den Ackerbau und in vierter auf Irland zurück, und demgemäß ist auch den dahin gehörenden Fraktionen des Proletariats ihre Stelle anzuweisen. Wir werden auch finden, dass, etwa mit Ausnahme der Irländer, der Bildungsgrad der verschiedenen Arbeiter genau im Verhältnis zu ihrem Zusammenhange mit der Industrie steht und dass also die industriellen Arbeiter am meisten, die bergbauenden schon weniger und die ackerbauenden noch fast gar nicht über ihre Interessen aufgeklärt sind. Wir werden selbst unter den industriellen Proletariern diese Reihenfolge wiederfinden und sehn, wie die Fabrikarbeiter, diese ältesten Kinder der industriellen Revolution, von Anfang an bis jetzt der Kern der Arbeiterbewegung gewesen sind und wie die übrigen ganz in demselben Maße sich der Bewegung anschlossen, in welchem ihr Handwerk von dem Umschwung der Industrie ergriffen wurde; wir werden so an dem Beispiel Englands, an dem gleichen Schritt, den die Arbeiterbewegung mit der industriellen Bewegung hielt, die geschichtliche Bedeutung der Industrie verstehen lernen.

Da aber in diesem Augenblick so ziemlich das ganze industrielle Proletariat von der Bewegung ergriffen ist und die Lage der einzelnen Sektionen, eben weil sie alle industriell sind, viel Gemeinsames hat, so werden wir dies vorweg durchzunehmen haben, damit wir später jede einzelne Verzweigung desto schärfer in ihrer Eigentümlichkeit betrachten können.“

Diese Einschätzung gilt in ihren wesentlichen Erkenntnissen auch heute. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist in den großen Fabriken der materiellen Produktion am höchsten, natürlich unter opportunistischem Einfluss der Sozialpartnerschaftsideologie. Der Rohstoffindustrie und der Landwirtschaft haben die sogenannten Dienstleistungssektoren inzwischen den Rang abgelaufen. Auch wenn es im Organisationsbereich von ver.di in den letzten Jahren bemerkenswerte Kämpfe gab, so zeigt sich auch hier ein Zusammenhang aus Stellung des Bereichs für die Mehrwertproduktion, Arbeitsbedingungen, Bewusstseinsstand und Klassenkämpfen. Und wenn man die „Irländer“ in Engels‘ Text mit dem Wort „Flüchtlinge“ austauscht, wird man ziemlich genau finden, in welche Rolle Migranten im kapitalistischen System zwangsläufig gedrängt werden.

Erkennen, begreifen und über sich hinauswachsen

Marx bringt den Gedanken, dass die Menschen geprägt werden durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, die sie ständig aufs Neue reproduzieren, auf den Begriff.

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.

Das Zusammenfallen des Ändern(s) der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.“

Es geht also um den einheitlichen Prozess von Erkennen, Begreifen, über sich hinauswachsen, um die Verhältnisse gezielt umzustoßen zu können. Diese Arbeits- und Lebensbedingungen für die Werktätigen haben sich in den 175 Jahren seit Erscheinen der Arbeit zutiefst verändert, das Wesen ist dasselbe. Ein Ausschnitt aus Engels‘ Ausführungen zu den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse in den großen Städten.

Geänderte Erscheinungen, gleiche Verhältnisse

„Gehen wir indes die einzelnen Umstände nochmals und in spezieller Beziehung auf den Gesundheitszustand der Arbeiter durch. Schon die Zentralisation der Bevölkerung in großen Städten äußert ungünstigen Einfluss; die Atmosphäre von London kann nie so rein, so sauerstoffhaltig sein wie die eines Landdistrikts; drittehalb Millionen Lungen und drittehalb hunderttausend Feuer, auf drei bis vier geographischen Quadratmeilen zusammengedrängt, verbrauchen eine ungeheure Menge Sauerstoff, der sich nur mit Schwierigkeit wieder ersetzt, da die städtische Bauart an und für sich die Ventilation erschwert. Das durch Atmen und Brennen erzeugte kohlensaure Gas bleibt vermöge seiner spezifischen Schwere in den Straßen, und der Hauptzug des Windes streicht über den Dächern der Häuser hinweg. Die Lungen der Einwohner erhalten nicht das volle Quantum Sauerstoff, und die Folge davon ist körperliche und geistige Erschlaffung und Niederhaltung der Lebenskraft. Aus diesem Grunde sind die Einwohner großer Städte zwar den akuten, besonders entzündlichen Krankheiten weit weniger ausgesetzt als die Landleute, die in einer freien, normalen Atmosphäre leben, leiden aber dafür desto mehr an chronischen Übeln. Und wenn schon das Leben in großen Städten an und für sich der Gesundheit nicht zuträglich ist, wie groß muss dieser nachteilige Einfluss einer abnormen Atmosphäre erst in den Arbeiterbezirken sein, wo, wie wir sahen, alles vereinigt ist, was die Atmosphäre verschlechtern kann.“

Die Erscheinungen haben sich geändert. Der Ruß der alten Holz- und Kohlenfeuer ist zum Feinstaub geworden. Die Umweltgifte sind inzwischen unsichtbar und geruchlos. Die Zentralisation der Bevölkerung in den Städten ist mit allen ihren Folgen nach wie vor vorhanden. Der folgende Abschnitt scheint einem in Europa ganz weit weg zu sein.

„Es ist wirklich empörend, wie die große Menge der Armen von der heutigen Gesellschaft behandelt wird. Man zieht sie in die großen Städte, wo sie eine schlechtere Atmosphäre als in ihrer ländlichen Heimat einatmen. Man verweist sie in Bezirke, die nach ihrer Bauart schlechter ventiliert sind als alle übrigen. Man entzieht ihnen alle Mittel zur Reinlichkeit, man entzieht ihnen das Wasser, indem man nur gegen Bezahlung Röhren legt und die Flüsse so verunreinigt, dass sie zu Reinlichkeitszwecken nicht mehr taugen; man zwingt sie, allen Abfall und Kehricht, alles schmutzige Wasser, ja oft allen ekelhaften Unrat und Dünger auf die Straße zu schütten, indem man ihnen alle Mittel nimmt, sich seiner sonst zu entledigen; man zwingt sie dadurch, ihre eignen Distrikte zu verpesten.“

Aber bei genauerem Hinsehen findet man solche Zustände auch in deutschen Großstädten. Berichte über diese Zustände sind meist mit einer gehörigen Portion Rassismus versehen. Etwa auch, wenn es um die Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern geht. Die Menschheit wäre in der Lage, dieses Elend weltweit abzustellen.

„Ist die Bevölkerung der Stadt überhaupt schon zu dicht, so werden sie erst recht auf einen kleinen Raum zusammengedrängt. Nicht damit zufrieden, die Atmosphäre in der Straße verdorben zu haben, sperrt man sie dutzendweise in ein einziges Zimmer, so dass die Luft, die sie nachts atmen, vollends zum Ersticken wird.“

Eine Beschreibung der Zustände, wie sich die deutschen Fleischindustriellen ihre Werksvertragsarbeiter hält oder türkische Kollegen einen Stuttgarter Bahnhof bauen sollen.

„Man gibt ihnen schlechte, zerlumpte oder zerlumpende Kleider und schlechte, verfälschte und schwerverdauliche Nahrungsmittel. Man setzt sie den aufregendsten Stimmungswechseln, den heftigsten Schwankungen von Angst und Hoffnung aus – man hetzt sie ab wie das Wild und lässt sie nicht zur Ruhe und zum ruhigen Lebensgenuss kommen. Man entzieht ihnen alle Genüsse außer dem Geschlechtsgenuss und dem Trunk, arbeitet sie dagegen täglich bis zur gänzlichen Abspannung aller geistigen und physischen Kräfte ab und reizt sie dadurch fortwährend zum tollsten Übermaß in den beiden einzigen Genüssen, die ihnen zu Gebote stehen. Und wenn das alles nicht hilft, wenn sie das alles überstehen, so fallen sie der Brotlosigkeit einer Krisis zum Opfer, in der ihnen auch das wenige entzogen wird, was man ihnen bisher noch gelassen hatte.“

Zu spät für eine friedliche Lösung

Über die zerlumpenden Kleider ist heute der schöne Schein eines Primark gelegt, mit einem großen Werbeetat verkauft die Lebensmittelindustrie weiterhin zu viel Zucker und Salz, zur Not auch mit Bio-Label. Für die Stimmung als auch die Beruhigung, vor allem aber um Angst zu schüren, gibt es Fernsehen, Smartphone und Internet. Statt ruhigem Lebensgenuss ist Freizeitstress und Selbstoptimierung geboten. Der billige Branntwein wird mit dem stylishen Energiedrink gemixt. Ein Drittel des Internetverkehrs geht auf pornografische Inhalte zurück, sexualisierte Werbung ist an der Tagesordnung und gleichzeitig die Unsicherheit im Zusammenhang mit Sexualität groß.

„Aber ich bleibe dabei: Der Krieg der Armen gegen die Reichen, der jetzt schon im Einzelnen und indirekt geführt wird, wird auch im Allgemeinen, im Ganzen und direkt in England geführt werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen sondern sich schroffer und schroffer, der Geist des Widerstandes durchdringt die Arbeiter mehr und mehr, die Erbitterung steigt, die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeutenderen Gefechten und Demonstrationen, und ein kleiner Anstoß wird bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: ‚Krieg den Palästen, Friede den Hütten!‘ – dann wird es aber zu spät sein, als dass sich die Reichen noch in Acht nehmen könnten.“

Das Schlusswort des jungen Engels scheint sehr optimistisch. Die Verbesserungen der Lage der arbeitenden Klasse weltweit allerdings gehen auf den Krieg der Armen gegen die Reichen zurück. Diese haben Schlachten gewonnen und Schlachten verloren. Der neue, schöne Schein des Imperialismus vermag aber nicht seine allgemeine Krise zu verdecken. Es gilt das Wesen zu entdecken:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“

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"Scheinbar verbessert", UZ vom 29. Mai 2020



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