Zum Tod eines Nazis in Lyon

Staatsumbau für Profis

Nach dem Tod des Neonazis Quentin Deranque am 14. Februar in Lyon vergießen Frankreichs Regierung, der staatstragende Teil der Opposition und vor allem der rechtsextreme Zusammenschluss „Rassemblement national“ (RN) Krokodilstränen. Deranque hatte zwei Tage vor seinem Tod an einer provokativen rechten Demonstration teilgenommen, die sich gegen einen Auftritt der EU-Parlamentarierin Rima Hassan, Mitglied bei La France insoumise (LFi), an der Verwaltungshochschule Sciences Po richtete. Im Anschluss kam es zu „Auseinandersetzungen“ zwischen Antifaschisten und Rechten. Deranque wurde verprügelt und starb an inneren Verletzungen.

Er lag noch im Koma, als Regierung und bürgerliche Medien den Schuldigen schon ausgemacht hatten: La France insoumise. Da hatten die Ermittlungen gerade erst begonnen. Belege, Beweise, ein Gerichtsurteil? Wozu auf derlei Details warten, wenn man flugs ein passendes Märchen stricken kann. Der Partei wird jetzt Nähe zur 2025 verbotenen Antifa-Gruppe La Jeune Garde vorgeworfen.

LFi tritt laut und sichtbar auf. Sie und ihre Abgeordneten sind Frankreichs herrschender Klasse ein Dorn im Auge. Versuche, das Wahlbündnis Nouveau Front populaire zu spalten, an dem LFi maßgeblich beteiligt ist, gelangen in letzter Zeit immer besser. LFi zum Paria zu erklären, ist der willkommene Sargnagel. In den Worten von Raphaël Glucksmann, Präsidentschaftskandidat der einst sozialdemokratischen PS: „Die demokratische Linke darf keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, wie sie zu La France insoumise steht.“

Auch in Frankreich geht Gewalt nicht von Linken aus, sondern von Rechten. Zum ersten Mal seit der Befreiung des Landes vom Faschismus würden die Rollen von Faschisten und Antifaschisten vertauscht, mahnt ein Offener Brief von 180 bekannten Persönlichkeiten. Dieser Geschichtsrevisionismus bereitet die Machtübertragung an den RN vor. Das zeigt sich aktuell deutlich in den Straßen vieler Städte: Die Polizei ebnet marschierenden Faschisten den Weg, während antifaschistische Gegenkundgebungen verboten werden.

Hilfe von außen braucht Frankreichs herrschende Klasse dabei nicht. Sie ließ US-Botschafter Charles Kush­ner nach einem Tweet über die Gefährlichkeit von „Linksextremismus“ einbestellen – was Kushner schlicht ignorierte. Man verweigere sich jeglicher Instrumentalisierung dieses „Dramas“, log Frankreichs Außenminister frech.

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"Staatsumbau für Profis", UZ vom 27. Februar 2026



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