Distanzierung von einem Buch und dessen Rezensenten

Wertgesetz im Sozialismus?

Von Lucas Zeise

Der Kapitalismus ist eine Waren produzierende Gesellschaft. Gilt das auch für den Sozialismus? Wir verfügen über genügend geschichtliche Erfahrungen mit dieser historisch neuen Produktionsweise, dass man die Frage eigentlich klar beantworten können müsste. In der DDR wurden die Fragen, ob die Ökonomie des Landes eine Waren produzierende Gesellschaft sei und ob das Wertgesetz gelte, beide mit einem klaren Ja beantwortet. „Das Wertgesetz ist ein objektives ökonomisches Gesetz auch im Sozialismus“ heißt es in den damals publizierten Lehrbüchern. Der Unterschied bestehe eben darin, dass in den vorsozialistischen Produktionsweisen, also auch im Kapitalismus, das Wertgesetz die Dinge ohne bewusste Planung der Warenproduzenten durchsetzt und dafür sorgt, dass die Waren entsprechend der für sie aufgewendeten notwendigen Arbeitszeit getauscht würden. Im Sozialismus geschehe das dagegen bewusst und geplant. Zu vermuteten oder kalkulierten Werten wurde im Sozialismus deswegen getauscht, um Disproportionen zu vermeiden und um einer sozialistischen Forderung, nämlich der Verteilung des Produkts nach Arbeitsleistung gerecht zu werden.

Die zur Produktion von Waren eingesetzte und einzusetzende Arbeitszeit sei in Kapitalismus und Sozialismus als „Ökonomie der Zeit“ die entscheidende Größe, die Produktion, Tausch und Zuteilung von Waren (Gütern) regele und regeln müsse.

Aber ist es wirklich das Gleiche? Ist der bewusste und planvolle Einsatz des Äquivalententauschs im Sozialismus wirklich das Wertgesetz, wie es sich in vorsozialistischen Produktionsweisen ohne Plan, hinter dem Rücken der Produzenten durchsetzt? Ich meine, nein. Erstens sind die Produzenten der Güter nicht Privatproduzenten, die für den Markt produzieren, sondern Teil eines umfassenden Planes. Zweitens gibt es kein Privateigentum an den Produktionsmitteln. Einzelne Produzenten können nicht über diese Mittel verfügen. Sie können den Betrieb nicht verkaufen, sie können nicht Konkurrenten aufkaufen oder sie niederkonkurrieren. Sie können nicht die Produktpalette im größeren Stil ändern. Sie können „ihren“ Betrieb nicht mit Schulden belasten. Die Betriebsleitungen hatten im Realsozialismus allenfalls den Spielraum, einen kleinen der vom Betrieb erwirtschafteten Mittel in dieses oder jenes Projekt zu investieren. Drittens werden die Preise im Wesentlichen planmäßig festgelegt, nicht aber vom Warenproduzenten im Lichte der Marktlage bestimmt. Viertens gibt es keine Ware Arbeitskraft und keinen Arbeitsmarkt. Viertens gibt es keinen Kapitalmarkt und keinen Ausgleich der Profitraten, weil es kein Kapital und keinen Profit gibt. Letztlich haben im Sozialismus „Wert“ und damit das „Geld“ nur eingeschränkte Bedeutung, weil das Privateigentum und der Warentausch nur eine geringe Rolle spielen.

Was im real existierenden Sozialismus als „Wertgesetz“ bezeichnet wurde, hatte den Charakter eines juristischen Gesetzes, das sich nicht wie das Wertgesetz im Kapitalismus von selbst durchsetzt und daher wie ein Naturgesetz erscheint.

Es gab also nach meiner Auffassung in den sozialistischen Gesellschaften wie der Sowjetunion und der DDR keine Warenproduktion oder höchstens am Rande und im Verhältnis zum kapitalistischen Ausland.

Vor drei Wochen erschien in der UZ unter der Überschrift „Marktwirtschafts­imitat“ die Rezension eines Buches von Gerfried Tschinkel, das unter dem Titel „Die Warenproduktion und ihr Ende“ die Warenproduktion im Sozialismus einer Kritik unterzieht. Tschinkel vertritt die These, dass „die sozialistische Warenproduktion der Grund für das Scheitern der realwirtschaftlichen Planwirtschaft war.“ So fasst der Rezensent Franz Anger die Aussage zusammen. Autor und Rezensent gehen dabei schon logisch von der These aus, dass es diese Warenproduktion im Sozialismus auch tatsächlich gegeben hat. Das Buch hat daneben erhebliche Schwächen. Besonders auffällig ist die umfangreiche Wiedergabe der Entwicklung der Begriffe Ware und Wert bei Marx, ohne dessen umfassende Analyse des Wertgesetzes im Kapitalismus zu betrachten. Auffällig ist auch, dass Tschinkel keine Begründung für die These liefert, dass die Einführung der Warenproduktion im Sozialismus ursächlich für seinen Untergang war.

All das ist meilenweit von meiner Auffassung entfernt, dass es sich im Realsozialismus eben nicht um Waren produzierende Gesellschaften gehandelt hat. Da war es schon verblüffend, dass meine Auffassung (anhand einiger Zitate aus dem Aufsatz „Zwölf Thesen zur Sozialismus-Diskussion“ in Marxistische Blätter 5/2013) in Angers Rezension als ganz ähnlich wie die Position Tschinkels dargestellt wurde. Anger schreibt sogar: „Einig sind Tschinkel und Zeise sich darin, dass der Einbau marktwirtschaftlicher Elemente – vor allem der Installationsversuch des Wertgesetzes – in das Planwirtschaftssystem der DDR ein unverzeihlicher Fehler sei, der zur gehassten Mangelwirtschaft geführt habe.“ Diese Einigkeit gibt es nicht und hat es nicht gegeben.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Wertgesetz im Sozialismus?", UZ vom 29. September 2017



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