Die „Sicherheitsstrategie“ der USA und die Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre

Zurück zum Kolonialismus

Die Fragen des Kolonialismus, des Neokolonialismus, der antikolonialen Befreiungsbewegungen, die nationale Frage und die nach dem Verhältnis von Antikolonialismus und Antiimperialismus sind für Kommunisten entscheidende. Mit der Serie „Antikolonialismus gestern und heute“ geht UZ diesen Fragen nach. Zuletzt schrieb dazu Günter Pohl in der Ausgabe vom 19. Juni.

Die Rede, die Marco Rubio am 14. Februar 2026 auf der Münchner Sicherheitskonferenz hielt, hatte beinahe programmatischen Charakter. „Fünf Jahrhunderte lang“ sei „der Westen expandiert“, mit „Missionaren“ und „Soldaten“; diese hätten die „Ozeane überquert, neue Kontinente besiedelt, riesige Reiche errichtet“, erläuterte der US-Außenminister. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber seien „die großartigen westlichen Reiche“ erstmals „von gottlosen kommunistischen Revolutionen und antikolonialen Aufständen“ erschüttert worden. Seither seien viele sogar „zu der Auffassung gelangt“, die „Ära der westlichen Dominanz“ sei „an ihr Ende gekommen“. Das aber werde die Trump-Regierung nicht hinnehmen: Sie werde „die großartigste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit erneuern“. Dies waren klare Worte. Die „Zivilisation“, die von antikolonialen Aufständen erschüttert worden war, das war die alte koloniale Ordnung. Und in der Tat: Die Trump-Regierung ist dabei, sich Teile der Welt neu zu unterwerfen – in einer Form, die in mancher Hinsicht stark an koloniale Herrschaftspraktiken erinnert. Im Mittelpunkt steht Lateinamerika.

Lateinamerika und Karibik im Fokus

Festgeschrieben haben die USA die neuen exklusiven Ansprüche, die sie auf Lateinamerika erheben, in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie, die die Trump-Regierung Anfang November 2025 publizierte. Darin hieß es zunächst, die USA würden „die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen“; das solle ihre „Vorherrschaft in der Westlichen Hemisphäre wiederherstellen“. Die Westliche Hemisphäre ist im US-Sprachgebrauch der gesamte amerikanische Kontinent von Feuerland bis Alaska; Grönland gehört geologisch dazu. Um der gesamten Region ihre Dominanz zu oktroyieren, werden die USA, so heißt es in der Nationalen Sicherheitsstrategie, „Wettbewerber“ von anderen Kontinenten künftig daran hindern, „Streitkräfte oder andere Bedrohungspotenziale“ in „unserer Hemisphäre zu stationieren“. Zudem werde man es ihnen nicht erlauben, „strategisch wichtige Güter zu kontrollieren“. Dies sei der „Trump-Zusatz“ zur alten Monroe-Doktrin. Trump selbst verbindet in einer altersinfantilen Anwandlung seinen Vornamen mit dem Namen des Urhebers der Doktrin und spricht von einer „Donroe-Doktrin“.

Der Kampf der USA um die Wiedererrichtung ihrer früheren Vorherrschaft hat mehrere Dimensionen. Zum einen wollen die USA sich möglichst überall ökonomisch exklusiven Zugriff verschaffen. Alle Staaten der estlichen Hemisphäre müssten sie zum „Partner erster Wahl“ machen, heißt es in der Nationalen Sicherheitsstrategie; man werde sie in Zukunft von jeder „Zusammenarbeit mit anderen“ so weit wie möglich „abhalten“. Damit solle „gegnerischer Einfluss von außerhalb reduziert“ werden. Das gelte insbesondere für strategisch wichtige Infrastruktur, aus der „Gegner“ fernzuhalten seien. Im Hinblick auf ihre Importe sollten die Staaten der Westlichen Hemisphäre davon überzeugt werden, dass „amerikanische Güter, Dienstleistungen und Technologien langfristig ein viel besserer Kauf“ seien als Produkte der Konkurrenz aus anderen Weltregionen. In denjenigen Ländern, die am stärksten von den USA abhängig seien, werde man „Exklusivverträge für unsere Unternehmen“ einfordern. Das ist von Importmonopolen, wie man sie aus klassischen Kolonien kennt, nicht mehr weit entfernt.

Großen Wert legen die USA darüber hinaus auf militärische Dominanz; auch das kennt man aus den früheren Kolonien (und, nebenbei, auch aus den fortbestehenden; man denke etwa an die französischen Militärstützpunkte in den Kolonien im Indischen und im Pazifischen Ozean, an die britischen Militärstützpunkte zum Beispiel auf den Falklandinseln, an die US-Militärstützpunkte auf Guam oder auf Diego Garcia, einer britischen Kolonie). In der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA heißt es zum einen, man müsse die Seewege in der Großregion stärker kontrollieren als bisher; dazu solle die Präsenz der Navy und der Küstenwache angepasst, das heißt: verstärkt werden. Darüber hinaus seien Truppen gezielt in der Westlichen Hemisphäre zu stationieren, um gegen „akute Bedrohungen“ jederzeit ohne Verzögerung vorgehen zu können. Und nicht zuletzt müsse man den „Zugang zu strategisch wichtigen Orten“ herstellen oder, sofern schon vorhanden, ausbauen. Das Ziel: größtmögliche Bewegungs- und Handlungsfreiheit für das US-Militär in der gesamten Westlichen Hemisphäre.

Angebliche Drogenbekämpfung

Mit dem Ausbau ihrer Militärstützpunkte vor allem in der Karibik begannen die USA in der zweiten Jahreshälfte 2025, als sie ihren Überfall auf Venezuela vorbereiteten. Ganz neu war das nicht. Bereits unter Präsident Joseph Biden hatten die USA ein „Status of Forces Agreement“ (SOFA) mit Trinidad und Tobago geschlossen, einem Inselstaat vor der Küste Venezuelas; Mitte Dezember 2025 gestattete die dortige Regierung der U. S. Air Force die Nutzung der Flughäfen des Landes. Außerdem begann der Ausbau der Militärbasen in Puerto Rico, einer De-facto-US-Kolonie. Die U. S. Air Force nutzt Luftwaffenbasen in der gesamten Karibikregion, von Flugplätzen in den niederländischen Kolonien Aruba und Curaçao bis zu El Salvador und Honduras. Zudem hat sie seit November 2025 die offizielle Erlaubnis, auch auf Luftwaffenbasen in der Dominikanischen Republik zu landen und zu starten. Ecuadors Präsident Daniel Noboa, Spross einer alten Bananenhändlerdynastie, setzt alles daran, die Beziehungen zum US-Militär zu intensivieren; allerdings verlor er Mitte November 2025 ein Referendum, mit dem er den US-Streitkräften die Stationierung auf den ecuadorianischen Militärbasen gestatten wollte.

Der Ausbau der Militärstützpunkte sowie die Erweiterung der Möglichkeiten, Stützpunkte in Drittstaaten zu nutzen, geschieht im Rahmen der Operation Southern Spear, die am 1. September 2025 gestartet wurde und sich offiziell gegen Drogenhändler und Kartelle richtet. Der vorgebliche Kampf gegen die Drogen wird auch in der Nationalen Sicherheitsstrategie als prioritäres Ziel genannt. Das hat doppelten Nutzen. Zum einen lassen sich damit die Militäroperationen der USA gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung legitimieren: Es geht, so heißt es, nur darum, die USA selbst gegen den fatalen Einfluss ausländischer Drogenhändler abzuschotten. Zum anderen sucht Washington damit, konkrete Militäreinsätze auch im Ausland völkerrechtlich zu rechtfertigen. Sobald die Trump-Regierung Kartelle zu Terrororganisationen erklärt und behauptet, sich im bewaffneten Konflikt, also im Krieg mit ihnen zu befinden, kann sie ein militärisches Vorgehen gegen sie begründen – im Fall der Fälle auch auf fremdem Territorium. Dies erhöht die Handlungsoptionen der US-Militärs in der Westlichen Hemisphäre eklatant.

Längst nutzen die US-Streitkräfte den Spielraum, der sich daraus ergibt. Das berüchtigtste Beispiel sind die Angriffe auf Boote tatsächlicher oder angeblicher Drogenschmuggler in der Karibik; laut Zählung der „New York Times“ wurden von Anfang September 2025 bis zum 3. Juni 2026 bei 63 Angriffen auf Boote mindestens 207 Menschen ermordet. Ermordet? Ja. Denn da mag die Trump-Regierung noch so pene-trant behaupten, sie stehe im Krieg mit Drogenkartellen: Wer Zivilisten umbringt, die aktuell keine Gefahr für irgendwen darstellen, begeht Mord (und kann, sollte in den USA irgendwann nochmal eine demokratische Regierung ans Ruder kommen, wegen dieses Mordes angeklagt werden). Doch nicht nur das. Die USA haben mittlerweile Abkommen mit Ecuador und Guatemala geschlossen, die es ihnen erlauben, auf deren Territorium Militäreinsätze gegen Drogenkartelle durchzuführen – formal in Kooperation mit den jeweiligen nationalen Streitkräften. Sogar Luftangriffe sind erlaubt. Was die Angriffe in der Praxis bedeuten können, konnte man im März 2026 beobachten: Da brannten ecuadorianische Militärs in Absprache mit dem US-Militär unter dem Vorwand, Drogenschmuggler zu bekämpfen, eine Milchfarm nieder und folterten anwesende Zivilisten.

Militärpräsenz …

Das Ganze hat Strategie. Die Trump-Regierung verlangt weitere Vereinbarungen, die es den US-Streitkräften erlauben, unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung hemmungslos auf fremdem Territorium zu operieren. Im nächsten Schritt ist ein entsprechendes Abkommen mit Honduras geplant. Das soll es laut einem Bericht der „New York Times“, der sich auf Insider stützt, erleichtern, Mexiko unter Druck zu setzen; auch dort will Trump mit US-Streitkräften nach Lust und Laune operieren dürfen, formal – wie üblich – in Kooperation mit dem einheimischen Militär. Wozu das Ganze? Es gehe darum, erläuterte die „New York Times“, eine US-„Militärpräsenz in ganz Lateinamerika zu normalisieren“. Damit geriete perspektivisch der gesamte Kontinent unter US-Militärkontrolle. Das ist freilich auch der Grund, warum sich selbst so manche reaktionäre Regierung in Lateinamerika und der Karibik scheut, den US-Streitkräften Tür und Tor zu öffnen. Zum einen nähme dann ihr eigener Handlungsspielraum ab, zum anderen wäre mit wachsendem Widerstand der Bevölkerungen zu rechnen. Denn diese haben nicht vergessen, wer etwa die Putsche und die folgenden mörderischen Militärdiktaturen in der gesamten Region verlässlich unterstützt hat.

… und Wahlbeeinflussung

Dennoch: Trump bleibt hartnäckig. Im März hat er den Zusammenschluss „Shield of the Americas“ gegründet, dem außer den USA bisher zwölf Staaten angehören, darunter vor allem solche, die von Ultrarechten regiert werden wie Argentinien, Chile und El Salvador. Trump setzt zudem alles daran, Ultrarechte dort, wo sie noch nicht die Regierung stellen, an die Macht zu bringen und sie dort, wo sie bereits regieren, im Amt zu halten. So kündigte er kurz vor der Präsidentenwahl in Honduras Ende November 2025 an, er begnadige Juan Orlando Hernández, einen Ex-Präsidenten des Landes, der in New York zu 45 Jahren Haft verurteilt worden war – und zwar wegen Beteiligung am Drogenschmuggel. Wozu? Hernández gehörte der Partido Nacional de Honduras (PNH) an, deren Kandidaten Nasry Asfura Trump an der Macht sehen wollte. Es bedurfte nach dem Urnengang dann noch einiger Machenschaften, um das gewünschte Wahlergebnis herzustellen, aber es ging. Als Argentiniens Präsident Javier Milei im Oktober 2025 befürchten musste, seine Partei werde bei Zwischenwahlen tief einbrechen, paukte Trump das Land mit einem Währungsswap aus Finanznöten heraus: Es half. Aktuell ist die Trump-Regierung bemüht, in Kolumbien dem Rechtsaußen Abelardo de la Espriella, in Brasilien Flávio Bolsonaro zum Sieg bei der nächsten Wahl zu verhelfen, dem ultrarechten Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro mit dem ehrlich verdienten Beinamen „Tropen-Trump“.

51. State?

Besonders hart langt Trump bei den zwei Staaten zu, die bislang am deutlichsten in Opposition zu den USA standen: bei Venezuela und Kuba. Venezuela haben die Vereinigten Staaten Anfang Januar militärisch überfallen, um den regulären Präsidenten Nicolás Maduro zu verschleppen und wegen angeblicher Beteiligung an Drogenschmuggel in den USA vor Gericht zu stellen. Ins Amt gebracht haben sie Maduros vormalige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, die seither nach Washingtons Pfeife tanzt. Zudem haben sie die direkte Kontrolle über Venezuelas Ölindustrie, also über den zentralen Sektor der venezolanischen Wirtschaft, übernommen. So verhalten sich Kolonialmächte. Wer sind die Hauptverlierer des Ganzen? Nun, neben der venezolanischen Bevölkerung sind es im Äußeren Russland und China. Russland hatte unter anderem militärisch in gewissem Umfang mit Venezuela kooperiert; damit ist es jetzt Essig. China hatte viel Öl aus Venezuela bezogen und in die Ölindustrie des Landes investiert; nun haben dort US-Konzerne freie Fahrt, und das Öl geht größtenteils in die USA und nach Indien, das Washington von sich abhängig machen will.

Dass Trump im Mai 2026 eine Landkarte postete, auf der Venezuela als 51. US-Bundesstaat eingezeichnet war, war insofern folgerichtig – und doch nicht so ganz: Ein Bundesstaat hat in Washington politische Mitspracherechte; Venezuela hat sie nicht. Übergriffige Darstellungen sind in Washington allerdings längst Allgemeingut geworden. So hat Trump ebenfalls im Mai Rubio als „künftigen Präsidenten Kubas“ bezeichnet. Um sich Kuba zu unterwerfen, hat die Trump-Regierung zusätzlich zu der seit Jahrzehnten oktroyierten Blockade der Insel nun auch noch die Erdölversorgung abgeschnitten und droht mit dem weiteren Aushungern oder wahlweise einer Eroberung der Insel. Sie hat Ex-Staatschef Raúl Castro unter einem Vorwand angeklagt und so die Drohung stark gemacht, die USA könnten Castro ebenso verschleppen wie Maduro und dazu Kuba ebenso überfallen wie Caracas. Klar ist: Kuba stellt aus US-Sicht eine spezielle Provokation dar, weil es sich nicht nur der US-Dominanz verweigert, sondern zudem die Machbarkeit eines anderen Wirtschaftssystems als des Kapitalismus‘ beweist. Deshalb muss es aus Sicht der Trump-Regierung unterworfen werden.

Zu erwähnen bliebe noch: Die Bestrebungen Washingtons unter Trump, sich die Westliche Hemisphäre zu unterwerfen, sind nicht auf Lateinamerika und die Karibik beschränkt. Trump hat auch Kanada und Grönland mit Annexion bedroht, dies übrigens, obwohl Kanada in hohem Maß von den USA abhängig ist und er all seine Ziele in Grönland ohne weiteres verwirklichen könnte: Das Recht auf den Bau von Stützpunkten haben sich die USA längst vertraglich zusichern lassen; aus dem Abbau Seltener Erden hat Washington China schon im Jahr 2019 mit politischem Druck auf Dänemark herausgedrängt. Letzteres übrigens, ohne dass US-Konzerne sich auf die grönländischen Bodenschätze gestürzt hätten; ganz im Gegenteil: Bislang werden diese nicht ernsthaft gefördert, obwohl die Bahn für US-Konzerne frei wäre. Manchmal kommt es eben nicht darauf an, sich den Zugriff auf Ressourcen zu sichern, sondern nur darauf, sie dem Gegner vorzuenthalten. Ganz wie in kolonialen Zeiten.

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    "Zurück zum Kolonialismus", UZ vom 7. August 2026



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