Lübcke-Mord: Zweiter Prozesstag

Widersprüchliches Video

Ein erstes Geständnis des Angeklagten Stefan Ernst im Mordfall Walter Lübke bestimmte den den zweiten Prozesstag. Fast vier Stunden saßen die Prozessparteien vor einem Fernseher, auf dem das Video von Ernst zu sehen war. Dieses erste Geständnis enthält zwei spannende Punkte. Der Angeklagte berichtet, dass er die Waffe nach der Tat in einem Erddepot versteckt habe. In diesem Erddepot wurde die Tatwaffe von der Polizei gefunden. Ernst berichtet weiter, dass er sich dem Opfer schweigend genähert habe, um dann aus kurzer Distanz Lübcke in den Kopf zu schießen. Beides erinnert an die Morde der sogenannten „Ceska-Serie“ des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Die Tatwaffe – eine „Ceska“, nachdem die Morde benannt sind – benützten die NSU Mitglieder immer wieder. In der Zeit zwischen den Morden versteckten sie die Waffe in einem Erddepot. Auch bei weiteren Morden ging der NSU ähnlich vor, unter anderem dem an Halit Yozgat. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Mord an Walter Lübke und den NSU-Morden erregten die Gemüter nach dem Geständnis. Das Geständnis widerrief der Angeklagte, nachdem ein neuer Anwalt das Mandat übernommen hatte.

Die Anwälte der Angeklagten bestritten die Beweiskraft des zurückgezogenen Geständnisses während die Staatsanwaltschaft sagte, die Aussagen seien zwar mit Vorsicht zu verwerten, aber es gebe keinen Grund, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die Verteidiger versuchten dann das Video klein zu reden. Ernst habe zuvor drei Tage nicht geschlafen und habe ein Schmerzmittel zu sich genommen.

Anstatt auf das erste Geständnis und den Anwaltswechsel einzugehen, berichteten die bürgerlichen Medien aus den Szenen, in denen Ernst unter Tränen von der Erziehung seiner Kinder und seines Lebenswegs erzählte. Im Video spricht Ernst von verschiedenen Phasen, die die bürgerliche Presse als “Radikalisierung” und “Deradikalisierung” beschreiben. Das Video endet mit einer Entschuldigung bei der Familie des Opfers und „Anzeichen von Reue“, während er als „ruhig und gefasst“ beschrieben wurde. Das mag auf Anweisungen der verschiedenen Anwälte zurückgehen. Zuerst gefasst, dann unter Tränen – die Verteidigungsstrategie scheint sich geändert zu haben.

Categories Blog
Vorherige

“Harte Hand”, Moralisierung und Verschleierung

Solidarität mit Uschi Gerster und den ver.di Vertrauensleuten am Essener Uniklinikum

Nächste

Das könnte sie auch interessieren