Die Teenager-Serie der anderen Art: „Derry Girls“

A fucking state of mind!

Mag mich die Person, die ich mag, auch? Wie zum Henker verhalte ich mich, wenn ich ihm oder ihr begegne? Wie soll ich einen weiteren Tag in der langweiligen Schule aushalten und warum lässt mich meine unbarmherzige Mutter nicht zu dem Konzert gehen? Begreift sie etwa nicht, dass der Besuch genau dieses Musik­events geradezu lebensnotwendig ist?

All das sind Fragen des Teenager-Daseins und damit auch Inhalt jeder durchschnittlichen High-School-Serie. „Derry Girls“, erdacht und geschrieben von Lisa McGee, unterscheidet sich nicht in den behandelten Grundfragen von der typischen Serie mit Protagonisten im Teenager-Alter, sondern durch das Setting, und in zweierlei Art: Anders als im sonnigen Beverly Hills sind Geld und Zukunftschancen nichts, was vom Himmel fällt, denn die titelgebenden Girls (und der eine Junge, der dazugehört) kommen aus der Arbeiterklasse im Norden Irlands. Und es ist (zumindest in den ersten beiden Staffeln) 1996, das Karfreitagsabkommen und der bis heute brüchige Frieden sind noch fern.

Die großmäulige Michelle, die gestresste Erin, die exzentrische Orla und die angstgeplagte Clare besuchen gemeinsam eine katholische Mädchenschule in Derry, mit dabei ist Michelles Cousin James, der in London aufgewachsen ist und von seiner Mutter gerade bei der Verwandtschaft in Derry abgeladen wurde. Er wird der einzige männliche Besucher der Schule – die Stimmung ist zu aufgeheizt, um ihn mit seinem englischen Akzent auf die Jungenschule zu schicken. In den meisten Folgen kommt das, was man euphemistisch und verharmlosend gern die „Troubles“ (den Ärger) nennt, eher in Andeutungen daher: James muss wegen seines Akzents auf eine Mädchenschule, Clare hat, als Michelle mal Drogen ausprobieren will, weniger Angst vor Eltern oder Abhängigkeit als davor, dass die IRA sich an ihrer Kniescheibe zu schaffen macht, und wenn die Eltern in die Schule bestellt werden, beschweren sie sich erst mal ausgiebig, dass sie wegen der Bombendrohung, die die Sperrung einer Brücke nach sich zog, einen Umweg in Kauf nehmen mussten.

Und doch sind der Konflikt und seine Auswirkungen auf das Leben omnipräsent in der Serie – und macht sie damit zu einem der wenigen kulturellen Erzeugnisse, die das Leben junger Frauen während des Konflikts im Norden Irlands in den Mittelpunkt stellen. Zudem trumpft sie mit einem typisch irischen Humor und den dazugehörigen Charakteren auf: Der Großvater von Erin, der ihren Vater immer noch loswerden möchte, weil er aus dem Süden stammt („Warum lässt du meine Tochter nicht einfach in Ruhe?“ „Weil wir seit 17 Jahren verheiratet sind und zwei Kinder haben.“), der Bruder des Großvaters, der selbst einen Überfall durch die IRA so erzählt, dass die Zuhörer vor Langeweile zu sterben meinen, bevor die Geschichte zu Ende ist, und das Verhältnis zwischen den Nachbarn, das ständig zwischen Rivalität, Lästerei und tiefer Solidarität schwankt. Dabei begleiten sie die Auswirkungen der bewaffneten Auseinandersetzung um den Norden Irlands: das Ende des Kinofilms nicht zu erfahren, weil schon wieder eine Bombendrohung für eine Räumung gesorgt hat, die hohe Arbeitslosigkeit von Katholiken im Norden Irlands und die ständige Angst, die eigene Familie könnte beim nächsten Mal unter den Opfern sein. Berührend wird die Comedy-Serie, als der kaputte Fernseher repariert wird und statt der ersehnten neuen Serienfolge Sondernachrichten laufen: Die IRA hatte den Waffenstillstand ausgerufen, der zum Karfreitagsabkommen führen wird. Durch dieses Leben schlagen sich Erin, Orla, Clare, Michelle und James mit den typischen Teenager-Sorgen rund um Liebe, Elternkonflikte und Abschlussklausuren. Sie tun dies mit einer Haltung, die ihnen so schnell keiner nachmacht und die geprägt ist von dem Wissen, dass sie es schwer haben werden als Frauen.

Am Ende von Staffel 2 will James, von den vier Mädchen immer gern beschimpft und oft nur geduldet, mit seiner Mutter zurück nach England. Michelle will ihn aufhalten: „Du bist jetzt ein Derry Girl, James. … Ich mein’s ernst. Es spielt keine Rolle, dass du diesen blöden Akzent hast oder dass deine Teile anders sind als meine Teile, sondern ein Derry Girl zu sein, nun ja, es ist ein verdammter Bewusstseinszustand. Und du bist eine von uns.“

Derry Girls
Buch: Lisa McGee
Regie: Michael Lennox
Mit: Saoirse-Monica Jackson, Louisa Harland, Nicola Coughlan, Jamie-Lee O’Donell, Dylan Llewellyn
Staffel 1 und 2 auf Netflix, Staffel 3 bei Channel Four

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"A fucking state of mind!", UZ vom 10. Juni 2022



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