Mit dem Erwerb der Bucht von Assab in Eritrea begann Italien vor 150 Jahren, sein Kolonialreich zu errichten

Am Horn von Afrika

Am 5. Januar 1870 begann die Reederei Rubattino im Auftrag der italienischen Regierung, mit einigen Stammeshäuptlingen im Süden von Eritrea Verhandlungen über den Erwerb von Besitzungen in der Bucht von Assab zu führen. Es wurden Anlagen zur Versorgung der Rubattino-Schiffe errichtet. Vor der Erklärung Eritreas 1889/90 zur ersten italienischen Kolonie verkaufte die Rubattino die Besitzungen an die Regierung in Rom. Mit Blick auf die heutigen Auseinandersetzungen der imperialistischen Hauptmächte um die neokoloniale Neuaufteilung der Welt ist es lehrreich, wie und mit welchen Methoden das schon vor über einem Jahrhundert erfolgte.

Zu spät gekommen
Das italienische Großkapital, das durch die späte Herstellung der nationalen Einheit und die daraus resultierende verspätete industrielle Entwicklung ähnlich wie Deutschland bei der kolonialen Aufteilung der Welt zu spät gekommen war, suchte den Ausbruch aus seiner „Gefangenschaft im Mittelmeer“, dessen Ausgänge England, Frankreich und die Türkei besetzt hielten. Rom liebäugelte mit dem von der Türkei beherrschten Tunis, der „alten römischen Provinz Karthago“ als Sprungbrett für seine expansive Politik.

Auf der Berliner Konferenz 1878 konnte Italien seine Ansprüche auf türkische Gebiete jedoch nicht durchsetzen. Es versuchte, über eine Konzession für den Bau einer Eisenbahnlinie nach Tunis zum Ziel zu kommen, zog aber gegen die stärkere französische Konkurrenz den Kürzeren.

Rom wandte sich Afrika und Kleinasien zu. Die äußeren Bedingungen waren günstig. Der antiägyptische Mahdistenaufstand im Sudan 1881 – 85 und die britische Intervention 1882 zwangen Kairo zum Rückzug von der Küste des Roten Meeres. Zunächst scheiterte Rom jedoch, als es 1887 versuchte, von Eritrea aus ins äthiopische Hochland vorzustoßen.

Die erste Niederlage
1889/90 brachte Rom das gesamte Küstengebiet am Roten Meer zwischen den Häfen Assab und Massaua in Besitz und erklärte es zu seiner ersten Kolonie Eritrea. Danach annektierte es den Südteil der Somalia-Halbinsel. Im Siegesrausch wagte der italienische Imperialismus erneut die Eroberung Äthiopiens. Am 1. März 1896 schlugen die von Kaiser Menelik II. vereinten Stämme 18.000 Mann der italienischen Kolonialarmee vernichtend. Es entkamen nur 2.500.

Periode des Übergangs
Den Kampf um die Neuaufteilung der Welt eröffneten die USA mit dem Spanisch-amerikanischen Krieg 1898/99. Sie sicherten sich das Recht auf den Bau des Panamakanals, unterwarfen Kuba. Mit der Eroberung der Philippinen und Puerto Ricos wurden die USA zur Kolonialmacht.

Großbritannien hatte 1875 die Kontrolle des Suezkanals übernommen. Danach eroberte es Ägypten, Sudan, die südafrikanischen Burenrepubliken und Burma. Frankreich, das seine amerikanischen und indischen Kolonien an Großbritannien verloren hatte, nahm Vietnam, Kambodscha und Laos in Besitz sowie Kongo-Brazzaville, Algerien, Tunesien, Marokko, Dahomey, Guinea, Madagaskar.

Das deutsche Kaiserreich hatte sich Togo, Kamerun, Ostafrika, Neuguinea, den Bismarckarchipel und die Marshallinseln genommen. Das Zarenreich annektierte große Gebiete Mittelasiens: Taschkent, Buchara, Chiwa, Turkmenien. Ab 1894 beteiligte es sich an der imperialistischen Unterwerfung Chinas in eine Halbkolonie. Wie die anderen Großmächte strebte es nach weiteren Expansionen.

„La Grande Italia“
Italien wollte es ihnen gleich tun. Die Ideologen des Kolonialismus traten als Interessenvertreter der „Erben des antiken Rom“ auf, die dazu berufen seien, die italienische Zivilisation in die Welt zu tragen. Forschungsreisende halfen mit verlogenen Reiseberichten die kolonialen Eroberungen vorzubereiten. Zu dieser Zeit wird die Rassenideologie entwickelt, die von der generellen Überlegenheit der europäischen Völker ausgeht und Afrikaner als „minderwertige Menschengruppe“ klassifiziert. Parallel dazu wurde der Mythos vom „guten Italiener“ in die Welt gesetzt, der sich durch seine „humanen Züge“ deutlich von den Praktiken der übrigen Kolonialmächte unterscheide.

1911 nutzte Italien den Zerfall des Osmanischen Reiches, der durch die Niederlage im Krieg mit Russland 1877/78 eingeleitet wurde. Es überfiel Gebiete der Türkei im heutigen Libyen. Um die Erinnerung an die Niederlage bei Adua vergessen zu machen, wurde der Krieg als ein „militärischer Spaziergang“ propagiert. Durch den erstmaligen Einsatz von Luftschiffen und Flugzeugen für Bombardements gelang es, Tripolis, Bengasi und das Küstengebiet rasch einzunehmen. In der „Prawda“ schrieb Lenin 1912, der Krieg werde fortdauern, „denn die Araberstämme im Inneren des afrikanischen Kontinents, weitab von der Küste, werden sich nicht unterwerfen. Man wird sie noch lange ‚zivilisieren’ – mit dem Bajonett, mit der Kugel, mit dem Strick, mit Feuer, durch die Vergewaltigung ihrer Frauen.“ Lenins Voraussicht bewahrheitete sich. Die Partisanen brachten den weiteren Vormarsch in den Wüsten zum Stehen.

Als Mitglied des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn wechselte Italien nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Seite: Die anderen imperialistischen Mächte versprachen einen größeren Anteil an territorialen Gewinnen.

Der italienische Faschismus setzte die Tradition mit dem neuerlichen Überfall auf Äthiopien 1935 fort.

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"Am Horn von Afrika", UZ vom 3. Januar 2020



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